Skip to content
14. November 2017 / AL

Exkurs: Warum die AfD angeblich gewählt wurde – oder: Die merkwürdigen Auswertungsmethoden bei der Bertelsmann-Stiftung

“ Und er kommt zu dem Ergebnis:
„Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil“, so schließt er messerscharf,
„nicht sein kann, was nicht sein darf.“ “
Christian Morgenstern „Die unmögliche Tatsache“

Zwei Wochen nach der Bundestagswahl 2017 veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie, derzufolge das Wahlergebnis bzw. das starke Abschneiden der AfD angeblich eine „neue Konfliktlinie der Demokratie“ aufzeigt. Diese verläuft, so die Autoren, zwischen Modernisierungsskeptikern, die vor allem AfD gewählt haben, und Modernisierungsbefürwortern, die in der Mehrzahl für die anderen im Bundestag vertretenen Parteien stimmten. Große Medien gaben diese Aussage als wesentlichen Punkt (Spiegel online) oder gar als die Hauptaussage („Zeit“: „Zwei Drittel der AfD-Wähler ‚modernisierungsskeptisch'“, Deutschlandfunk: „AfD-Wähler haben Angst vor Modernisierung“) der Studie wieder. Das Problem daran: Die Daten aus der Studie geben diese Interpretation gar nicht her, sondern zeichnen ein ganz anderes Bild. Und schon beim Überfliegen der Studie fällt auf, dass die gewählte Interpretation nicht einfach schlampig ist, sondern bewusst gegen die Datenlage vorgenommen wurde. Das möchte ich zunächst an Ergebnissen und Auswertung zeigen, bevor ich Vermutungen zu den Gründen anstelle.

Für die Studie wurden gut 10.000 Menschen online befragt und nach ihren Antworten in eines von insgesamten 10 gesellschaftlichen Milieus eingestuft. Für jedes dieser Milieus wurden dann aus den Befragungen die Stimmanteile ermittelt.


Abb. 1: Gesellschaftliche Milieus gemäß dem Sinus-Institut, mit Anteil der gesamten Wahlberechtigten
Quelle: R. Vehrkamp & K. Wegschaider, „Populäre Wahlen“, Bertelsmann Stiftung, S. 34

Die Anordnung der Milieus in der Abbildung geschieht entlang von zwei Kriterien: Sozialer/Finanzieller Status (je weiter oben, desto wohlhabender) und Neigung zu Tradition oder Veränderungen (je weiter links, desto traditioneller). Wenn man jetzt also den Unterschied zwischen den traditionell denkenden – oder in den Worten der Studie „modernisierungsskeptischen“ – und den für schnellen Wandel eintretenden („modernisierungsbefürwortende“) Wähler herausfinden will, muss man die beiden Gruppen getrennt betrachten. Und die Trennlinie würde man dafür senkrecht zwischen traditionellen und veränderungsfreundlichen Milieus ziehen, richtig?
Die Bertelsmann-Stiftung sieht das anders:


Abb. 2: Aufteilung der Wählerschaft gemäß Studie der Bertelsmann-Stiftung
Quelle: R. Vehrkamp & K. Wegschaider, „Populäre Wahlen“, Bertelsmann Stiftung, S. 15

Lassen wir einmal beiseite, dass die „65 % der AfD-Wähler“ in ca. der Hälfte der Bevölkerung immer noch nur einem Wähleranteil von 20% entsprechen und dass CDU/CSU mit 52% zu 48% fast genau gleich auf beide Seiten der Trennlinie verteilt sind (auch bei der SPD sind es nur 56% zu 44%). Am kritischsten ist, dass bei Bertelsmann die Trennung entlang einer Diagonale erfolgt, die zwischen 1.) eher traditionell und eher arm auf der einen Seite und 2.) eher veränderungsfreundlich und eher reich auf der anderen Seite unterscheidet. Statt nach einer Eigenschaft wird nach einer Mischung aus zweien getrennt: Die reicheren Traditionellen finden sich plötzlich teilweise auf der Seite der Modernisierungsbefürworter wieder, die Hälfte der ärmeren Veränderungsfreunde gehören auf einmal zu den Modernisierungsskeptikern. Mit der von den Autoren der Studie gemachten Aussage hat diese „Analyse“ nicht mehr viel zu tun, eine sinnvolle Auswertung ist mit diesem Blickwinkel kaum möglich. Glücklicherweise liefert die Studie weiter hinten aber auch die Wahlergebnisse für die einzelnen Milieus, und wenn man daraus den Stimmanteil der AfD in die Milieus einträgt, kommt folgende Karte heraus:


Abb. 3: Anteile der AfD-Stimmen nach Sinus-Milieus
Quelle: Von YouGov erhobene Daten aus der Bertelsmann-Studie, Grafik: selbst erstellt, Weiternutzung gemäß Creative Commons License CC BY-ND gestattet

Plötzlich lässt sich auf einen Blick erkennen, dass nicht vor allem die Ablehnung der Modernisierung die AfD-Wähler eint, sondern ihre wirtschaftliche Lage: Auf der Karte führt ein Schritt von rechts (modern) nach links (traditionell) mal zu einem besseren, mal zu einem schlechteren Ergebnis für die AfD. Aber mit jedem Schritt nach unten in ein ärmeres Milieu steigt der Anteil der AfD-Wähler. Am erfolgreichsten ist die AfD im prekären Milieu, das vollständig zur Unterschicht gehört. Dort hat sie einen viermal so hohen Wähleranteil wie im reinen Oberschicht-Milieu der Liberal-Intellektuellen.
In der Oberschicht und oberen Mittelschicht spielt die Traditionsorientierung (in der Grafik links/rechts) nur eine recht geringe Rolle, selbst von wohlhabenden Konservativen zu wohlhabenden Trendsettern (Expeditives Milieu) verliert die AfD weniger als die Hälfte ihrer Wähler. Und der ärmeren Hälfte der Bevölkerung wurde die AfD entgegen der Bertelsmann-Interpretation am häufigsten von den durchschnittlich Modernisierungsfreundlichen gewählt, bei den Traditionellen schnitt sie deutlich schlechter ab.

Der Blick auf das gesamte Wahlergebnis der einzelnen Milieus verdeutlicht das: Bei den Traditionellen liegt die AfD lediglich auf dem dritten Platz, satte 20 % hinter der CDU und immer noch 5 % hinter der FDP. In der Bürgerlichen Mitte ist die AfD zweitstärkste Kraft, knapp vor der SPD, aber immer noch 17 % hinter der CDU. Im prekären Milieu ist die AfD die stärkste Partei, solide 7 % vor der CDU und 10 % vor der SPD.
Die AfD hat ihre Kernwähler also im vom Wohlstand abgehängten Milieu und im auf Status bedachten und daher besonders abstiegsängstlichen Milieu* der Bürgerlichen Mitte, – beides Milieus, die laut Studie in der Mitte zwischen Modernisierungsskepsis und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Neuordnung stehen und schrittweiser Modernisierung positiv gegenüber stehen. Sowohl bei den Traditionellen als auch bei den Anhängern schnellerer Veränderung schneidet sie schwächer ab, insgesamt hat sie über das ganze Spektrum nur eine leichte Schlagseite in Richtung Tradition statt Umwälzung (ca. 57:43). Die Schlagseite zwischen Arm und Reich ist mit ca. 70:30 deutlich stärker ausgeprägt. Es lässt sich also abschätzen, dass sozialer Status einen etwa dreifach so starken Einfluss auf die Wahlentscheidung hatte wie die Neigung zu Tradition oder schnellem Wandel.**

In der Studie selbst lassen die Verfasser auch klar erkennen, dass sie zwischen sozialem Status und Stimmanteil der AfD einen deutlichen Zusammenhang sehen:
Ihre stärksten Ergebnisse erzielte die AfD mit deutlichem Abstand in den Milieus der unteren Mittelschicht und in den sozial prekären Milieus der Unterschicht. […] Für das AfD-Wahlergebnis gilt deshalb vereinfacht: Je sozial prekärer ein Stimmbezirk, desto besser schneidet die AfD dort ab und desto höher fallen ihre Zuwächse aus.“ (S.19)***
Sie [die AfD] erzielt von allen Parteien in allen Milieu-Gruppen sowohl die stärkste Abweichung von ihrem Durchschnittsergebnis nach unten und nach oben: in den sozial gehobenen Milieus mit –4,4 Prozentpunkten Abweichung nach unten, und in den Milieus der unteren Mittel- und Unterschicht mit +3,8 Prozentpunkten Abweichung von ihrem durchschnittlichen Ergebnis nach oben.“ (S.23)
Das Wahlergebnis wird an diesen Stellen nach gesellschaftlichen Schichten analysiert anstatt nach der diagonalen Trennlinie – was auch zu der Aufteilung der Sinus-Milieus passt -, und dabei zeigt sich ein klares Ergebnis. Die Angst vor Modernisierung lässt sich hingegen aus den Daten nicht im geringsten herleiten – und auch dass die behauptete Konfliktlinie quer durch zwei der Milieus läuft, wird in der Studie zwar erwähnt, aber nicht inhaltlich begründet.

Warum spricht die Bertelmsann-Stiftung dann trotzdem nicht von Armut, sondern von „Modernisierungsskepsis“ als angeblichem Hauptmotiv der AfD-Wähler?
Die in meinen Augen plausibelste Antwort ist folgende: Der jeweils größte Teil der Bevölkerung, der Politik, der Medien und der zivilgesellschaftlichen Organisationen äußert die Meinung, 1) dass die AfD Positionen einnimmt, die sich außerhalb unseres gesellschaftlichen Wertekonsens befinden, und 2) dass Maßnahmen ergriffen werden müssen, die den Erfolg der AfD verhindern. Das gilt auch für die Bertelsmann-Stiftung. Gleichzeitig hat die Bertelsmann-Stiftung – wie die meisten Institutionen, die Studien und Aussagen über sowie Empfehlungen für die gesellschaftliche Entwicklung machen – allgemein eine deutliche politische Ausrichtung. Sie ist für wenig (Sozial-)Staat, niedrige Steuern, Privatisierung, Deregulierung – Positionen, die gemeinhin als „neoliberal“ bezeichnet werden. Eine solche Politik vergrößert vielen ökonomischen Studien zufolge die materiellen Unterschiede, erzeugt also einerseits mehr Superreiche (wie Reinhard Mohn, den Gründer der Bertelsmann-Stiftung) und andererseits mehr vom Wohlstand Abgehängte. Wenn mehr Abgehängte bedeuten, dass die AfD stärker wird, würde das bedeuten, die Bertelsmann-Stiftung und die von ihr hochgelobte Politik hätte den Erfolg der AfD entscheidend mit verursacht.

Am Aufstieg der Rechtspopulisten schuldig zu sein hört niemand gern, und eine weltanschauliche Kehrtwende – wie das Studienergebnis sie verlangen würde – macht auch niemand gern. Es sei dahingestellt, ob die Stiftung und ihre Wissenschaftler das Ergebnis absichtlich falsch interpretieren, sich Wunschdenken hingeben oder ob die von Bertelsmann beauftragten Autoren der Studie ihrem Kunden nicht auf die Zehen treten wollen: Die Untersuchung zeigt ein klares Ergebnis, und dieses Ergebnis kommt der Bertelsmann-Stiftung wohl sehr ungelegen. Da ist die Alternativerklärung, dass die AfD-Wähler einfach Menschen sind, die mit der unaufhaltsamen, quasi alternativlosen Modernisierung nicht zurechtkommen, der Stiftung vermutlich deutlich angenehmer. Wer – wie die AfD-Wähler dieser Interpretation zufolge – so verstockt ist, in der Vergangenheit festzuhängen und sich dem Fortschritt entgegenzustellen, dem ist bekanntlich nicht zu helfen, den kann man allenfalls belehren und dann hoffen, dass er seine Irrtümer begreift. Oder pointiert gesagt: Man kann von ihm fordern, dass er seinen Standpunkt ändert, während man selbst auf dem eigenen beharrt. Das wiederum ist ironisch nah an dem, was die Bertelsmann-Stiftung den AfD-Wählern vorwirft.

____________________________________________________________________
* Jedes Sinus-Milieu wird in der Bertelsmann-Studie durch je drei Lebensaspekte, Einstellungen und Punkte zum Selbst-/Weltbild beschrieben. In der Bürgerlichen Mitte sind vier dieser neun Punkte „Eine anerkannte Stellung in der Gesellschaft ist mir wichtig“, „Stabilität, Kalkulierbarkeit“, „gesicherte und harmonische Verhältnisse“ und „Sorge um den eigenen Statuserhalt“.
** Diese Abschätzungen sind aus den von Bertelsmann veröffentlichten Sekundärdaten entnommen und deswegen deutlich ungenauer als sie es mit Primärdaten wären. Trotzdem lässt sich mit guter Gewissheit sagen, dass der arm/reich-Einfluss auf die Wahl mindestens doppelt so stark ist wie der traditionell/umwälzungsfreundlich-Einfluss, vermutlich ca. dreimal so stark. Zu dem Ergebnis komme ich durch lineare Regression der Datenpunkte.
*** Der Stimmenzuwachs ergibt übrigens ein sehr ähnliches Bild wie das Gesamtergebnis:

Abb. 4: Stimmgewinne der AfD nach Sinus-Milieus
Quelle: Von YouGov erhobene Daten aus der Bertelsmann-Studie, Grafik: selbst erstellt, Weiternutzung gemäß Creative Commons License CC BY-ND gestattet

Advertisements