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17. November 2016 / AL

Exkurs: Warum Donald Trump gewählt wurde

„Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue [in Manhattan] jemanden erschießen und würde nicht einen einzigen Wähler verlieren.“
Donald Trump während der Republikanischen Vorwahlen

Präsident Donald Trump. Was vor einem Jahr nicht mehr als ein schlecher Witz war, ist Realität geworden, und Leitartikler mühen sich mit Erklärungsversuchen, wie es dazu kommen konnte. Viele lassen sich so zusammenfassen: Weiße Amerikaner ohne höhere Bildung, quasi ein Konglomerat aus Rassisten und verbitterten Dummköpfen, sind auf einen Blender und seine simplen Antworten hereingefallen und/oder haben aus wütendem Protest gegen das Establishment den unqualifiziertesten nur denkbaren Mann zur mächtigsten Person der Welt gemacht. Ein fehlgeleiteter, kurzsichtiger Aufstand der kleinen Leute ließ der Vernunft in Form von Hillary Clinton überraschenderweise keine Chance. Es ist eine klare, geradlinige Erkärung – dummerweise liegt sie in mehreren Punkten daneben, und in weiteren ist sie schlichtweg falsch. Wer Trumps Erfolg verstehen will, muss genauer hinsehen.

Zunächst einmal haben mehr Wähler für Hillary Clinton gestimmt als für Donald Trump: 61,9 zu 60,9 Millionen nach aktuellen Zahlen, und wenn die Auszählung komplett ist, wird Clinton wohl mit 1,5 Millionen Stimmen vorne liegen. Trump entschied die Wahl nur für sich, weil er mehr Staaten mit mehr Wahlmännerstimmen (306 zu 232) gewinnen konnte. Was den Unterschied ausmachte, waren drei traditionell demokratisch wählende Staaten, in denen viele Industriearbeitsplätze in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen sind, nämlich Michigan, Wisconsin und Pennsylvania; sie gingen mit einem Vorsprung von aufaddiert knapp 100.000 Stimmen an den Wahlsieger – weniger als ein Tausendstel der im ganzen Land abgegebenen Stimmen. Hätte Clinton diese Staaten gewonnen, wäre sie jetzt auf dem Weg ins Weiße Haus, und die Kommentare läsen sich völlig anders. Es war knapp.

Vor allem aber war es nicht einfach „der kleine Mann“, der Donald Trump gewählt hat: Bei Wählern mit einem Einkommen unter 50.000 $ lag Clinton leicht vorne. Trump gewann die höheren Einkommensschichten knapp, vor allem von der Mittelschicht mit einem Einkommen von 50.000 – 100.000 $ erhielt er mehr Stimmen. Lediglich im Vergleich mit der letzten Wahl wählten mehr Ärmere republikanisch und mehr Wohlhabende demokratisch. Dennoch könnte man Trumps Wahlsieg eher am Ehestand (Verheiratete wählten ihn deutlich eher als Ledige), am Geschlecht (Trump gewann bei Männern, Clinton bei Frauen) oder an der Religion (Trump siegte bei Christen, vor allem Protestanten) festmachen als am Einkommen – oder der Bildung, wo Trumps Vorsprung bei den durchschnittlich Gebildeten höher war als bei denen mit einfachem Schulabschluss. Im Großen und Ganzen wählten alle demographischen Gruppen ähnlich wie vier Jahre zuvor: Weiße, Männer, Besserverdienende, Verheiratete, Ältere (wobei die letzten drei Gruppen deutlich korrelieren) wählten eher konservativ. Wobei Trump die Weißen nicht deutlich mehr zuströmten als Mitt Romney vier Jahre zuvor – vielmehr schrumpfte der Vorsprung der Demokraten bei den Minderheiten deutlich zusammen. Schaut man auf die in den Leitartikeln genannten demographischen Gruppen, wirkt im ersten Moment alles wie eine relativ normale Wahl. (Details: New York Times, Washington Post)

Und auch normale Faktoren haben mit zu Hillary Clintons knapper Niederlage beigetragen: Vielen Wählern der Demokraten wird es in den USA bei jeder Wahl schwer gemacht, ihre Stimme abzugeben. Außerdem war Hillary Clinton keine starke Kandidatin – bei vielen Wählern unbeliebt, weil sie als nicht authentisch und zu sehr mit dem großen Geld verbandelt angesehen wird (Details dazu knapp zusammengefasst oder ausführlicher). Mehr als die Hälfte der Wähler, die vor allem gegen den anderen Kandidaten stimmten, stimmten für Trump. Allerdings war auch Donald Trump alles andere als ein starker Kandidat: Unbeliebt, unseriös, vulgär, undiszipliniert – und im Wahlkampf rassistisch, frauenfeindlich und ohne Respekt für seine politischen Gegner oder Andersdenkende. Er hatte im Wahlkampf deutlich weniger Geld als Hillary Clinton, sein Wahlkampf war chaotisch und schlecht organisiert. Vor allem aber hatte erkennbar wenig Ahnung von politischen Themen, beleidigte die Eltern eines toten Kriegshelden und auch sonst jeden, der ihn kritisierte, zeigte sich rachsüchtig und kleinlich, und kurz vor der Wahl wurde klar, dass er gewohnheitsmäßig Frauen massiv sexuell bedrängt. Warum hat überhaupt irgend jemand für ihn gestimmt?

Wenn man sich die Befragung der Wähler anschaut, die gerade gewählt haben, fallen einige Gruppen auf, die mit starker Mehrheit Trump wählten:

  • Wähler, die sagten, die finanzielle Situation für ihre Familie habe sich im letzten Jahr verschlechtert
  • Wähler, die erwarten, dass es der nächsten Generation schlechter gehen wird als der heutigen
  • Wähler, die den Kandidaten wollten, der Wandel bringen kann
  • Wähler aus ländlichen Gebieten

Trump erzielte vor allem dort Stimmengewinne, wo die wirtschaftliche Lage schlechter ist, die Löhne in den letzten Jahren schwächer stiegen und die Jobs am ehesten von Automatisierung bedroht sind. Er wurde von denen gewählt, die von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt wurden oder um sich herum viele sehen, denen genau das passiert ist und die fürchten, die nächsten zu sein. Von diesen Menschen gibt es in den USA weitaus mehr, als man gemeinhin denkt.
47 % aller Amerikaner sagen, dass sie nicht in der Lage wären, eine plötzliche Ausgabe in Höhe von 400 $ aus eigener Kraft zu bewältigen. Fast die Hälfte aller Erwachsenen in einem der reichsten Länder der Erde lebt also nur einen kleinen Unglücksfall von finanzieller Not entfernt. Dafür gibt es handfeste Gründe: Die inflationsbereinigten Löhne sind seit 1972 praktisch nicht mehr gestiegen. Das Gesamthaushaltseinkommen der untersten 60 % hat seit 2000 im Durchschnitt um über 10 % abgenommen, am meisten für die untersten Einkommensgruppen. Gleichzeitig ging mehr als die Hälfte des Wirtschaftswachstums an die reichsten 1 %. (Quelle)
Entsprechend sagen 72 % aller Amerikaner, das Wirtschaftssystem sei nicht fair, sondern die Regeln dienten dem Vorteil der Reichen und Mächtigen, 68 % finden, traditionelle Parteien und Politiker kümmerten sich nicht um „Leute wie mich“. Der Demokrat Barack Obama rettete auf Empfehlung seiner Berater zwar die Banken und einige Automobilhersteller, aber nicht die kleinen Hausbesitzer und die einfache Leute; die Erholung nach dem Crash 2008 brachte erst eine ganze Zeit lang keine neuen Jobs, und selbst als sie kamen, blieben die Löhne niedrig. Die Abgehängten haben all das nicht vergessen, und sie glaubten nicht, dass Hillary Clinton als Person aus dem politischen Establishment ihre Probleme lösen würde. Denn kaum eine Aussage aus politischen Reden findet soviel Zuspruch wie die, dass das politische System in Washington kaputt sei, ein Sumpf von Lobbyismus und Partikularinteressen, in  dem es um Geld geht statt um den Willen der Bürger. Das amerikanischer Parlament hat seit Jahren eine Zustimmungsrate um 10 %. Wer nicht vermitteln kann, etwas gegen den Status Quo tun zu können, hat es schwer.

Die Wahl 2016 ist in gewisser Weise das dunkle Gegenstück zu 2008. Beide Male verlor die scheinbar unaufhaltsame Hillary Clinton, die erfahrene Politikerin und Favoritin der Parteieliten, auf dem Weg zum Weißen Haus gegen einen Kandidaten, der den Wandel versprach. Es ist unwahrscheinlich, dass Trump den von seinen Wählern gewünschten Wandel bringen wird – und schwer abzusehen, was sonst passieren wird, zumal Trump auf sein neues Amt kaum vorbereitet scheint. Für die Regierenden in Europa sollte Trumps Erfolg jedenfalls eine Warnung sein: Auch hierzulande wächst die Kluft zwischen Arm und Reich und wird die Politikerkaste zunehmend als korrupt, abgehoben oder am Wohl der Allgemeinheit desinteressiert gesehen. Und wenn das Vertrauen in die Technokraten erschöpft ist, schlägt entweder die Stunde der Populisten – oder die Stunde der Demagogen.