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1. August 2012 / AL

Exportweltmeister! Juhu… oder?

“Krieg, Handel und Piraterie,
Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.”
Johann Wolfgang von Goethe, “Faust II”

Jedes Jahr vermelden die Zeitungen Deutschlands Exportüberschüsse, und oft schwingt in den Artikeln auch ein gewisses Maß an Stolz mit: Wir sind erfolgreich, haben große Marktanteile erobert und/oder verteidigt, unsere Produkte sind gut und daher gefragt, wir müssen deutlich weniger importieren, als wir exportieren können. Entsprechend unwirsch fielen teilweise die Reaktionen aus, als ab dem Beginn der Eurokrise Politiker und auch Ökonomen aus anderen Ländern von Deutschland forderten, seine Exportüberschüsse abzubauen und die Binnenwirtschaft z.B. durch kräftige Lohnerhöhungen zu stärken: Nicht nur deutsche Zeitungen und Politiker empörten sich, auch der finnische EU-Wirtschafts- und Finanzkommissar Olli Rehn konterte damit, von Deutschland weniger Wettbewerbsfähigkeit zu verlangen sei, als solle vom FC Barcelona gegen schwächere Gegner schlechter spielen. Gleichzeitig werden Ökonomen wie der Nobelpreisträger Paul Krugman nicht müde, von Deutschland eine weniger exportorientierte Wirtschaftspolitik zu fordern. Wer hat denn nun Recht?

Prinzipiell ist nichts schlecht daran, viel zu exportieren. Export ist dringend notwendig, weil man sich ansonsten keine Waren aus anderen Ländern, keine Importe, leisten kann. Trotzdem gibt es einen Grund, weswegen z.B. Deutschlands Exportorientierung von anderen Ländern kritisiert wird – und dieser Grund hat nichts mit Neid zu tun. Das Thema erfordert einen Blick auf Handelsbilanzen und einige sehr einfache Tatsachen, die verblüffend oft ignoriert werden.

Die Gesamtbilanz
Wenn ich etwas für 50€ kaufe, also 50€ Geld gegen etwas von entsprechendem Wert tausche, verringert sich mein Geldbesitz um 50€ und der meines Gegenübers vergrößert sich um 50€. Wenn ich die Bilanz meines Handelspartners und meine Bilanz aufaddiere, komme ich auf 50€ – 50€ = 0. Das ist nur logisch, denn bei diesem Handel wird weder Geld geschaffen noch vernichtet, es wechselt einfach den Besitzer.
Das ist bei jedem Handel so. Es gilt für den Handel zwischen dem einzelnen Kunden und dem Ladenbesitzer wie auch zwischen allen Kunden eines Tages und dem Ladenbesitzer: Am Ende des Tages hat der Ladenbseitzer genau so viel zusätzliches Geld in seiner Kasse, wie die Kunden ausgegeben haben. Die Summe der Geldveränderung bei den Kunden und beim Ladenbesitzer ist immer null, die Regel gilt also auch für den Handel zwischen Gruppen von Personen. Sie gilt genauso für den Handel zwischen Unternehmen oder Gruppen von Unternehmen, zwischen allen Privathaushalten und allen Unternehmen, zwischen allen Unternehmen und dem Staat und zwischen den Privathaushalten und dem Staat. Die Summe aller Geldveränderungen und damit die Summe aller Handelsbilanzen ist immer null, beim gesamten Handel innerhalb eines Staates genau wie beim Handel zwischen Staaten: Immer wird Geld gegen Ware getauscht, immer wird Geld nur verschoben, immer nimmt der eine nur ein, was der andere ausgibt.

Interessanterweise findet sich im deutschen Recht sogar ein Bezug auf diese Tatsache. So verlangt das deutsche Grundgesetz in Art. 109 Abs. 2 “Bund und Länder […] tragen in diesem Rahmen den Erfordernissen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts Rechnung.” 1967 wurde das im “Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft” konkretisiert: “Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie […] [zu] außenwirtschaftlichem Gleichgewicht […] beitragen.” Warum?

Der Sinn von Exporten
Wenn ein Land viel exportiert, eröffnet ihm das die Möglichkeit, begehrenswerte Güter aus dem Ausland zu importieren, ohne dass dabei Geld aus dem Land abfließt oder es sich Geld aus dem Ausland besorgen, also sich verschulden muss (nicht unbedingt in Form von Staatsverschuldung – s.u.). Es kann das Geld natürlich auch sparen: Es wird mehr exportiert als importiert, in der Summe fließt also Geld in das Land, es erwirtschaftet einen Außenhandelsüberschuss (auch Leistungsbilanzüberschuss genannt). Das klingt erst einmal gut (und macht es auch allen im Exportland leichter, Geldvermögen anzuhäufen), hat aber auf die Dauer einige Haken. Zunächst einmal bedeutet ein Überschuss eines Landes, dass ein anderes Land oder mehrere andere Länder Defizite in gleicher Höhe aufweisen. Kurzfristig ist das kein Problem, über eine lange Zeit hinweg dagegen schon – denn das Defizitland verschuldet sich immer weiter und hat irgendwann Schwierigkeiten, die Schulden und Zinsen zu bezahlen. Es ist aber auch nicht optimal für das Land, das die Überschüsse erzielt.

Zum einen sitzt es lediglich auf seinem Geldberg, ohne davon Waren oder Dienstleistungen zu haben. Der Gedanke, Multimillionär zu sein, ist nicht wegen einer hohen Zahl auf dem Bankkonto reizvoll, sondern weil man sich dann viele schöne Dinge leisten kann. Ein Land, das ständig Exportüberschüsse erzielt, wäre in diesem Bild ein Multimillionär, der in einer Dreizimmerwohnung lebt, einen gebrauchten Golf fährt und ständig verzückt auf seine Kontoauszüge starrt. Man kann einen Exportüberschuss auch als ein Importdefizit infolge eines Konsumdefizits betrachten: Das Land ist nicht fähig oder willens, die Früchte seiner Arbeit selbst zu verzehren. Ein solches Land lebt also unter seinen Verhältnissen und sorgt damit zugleich dafür, dass andere Länder über ihre Verhältnisse leben: Denn jedem Überschuss steht ein Defizit gegenüber. Die Summe ist immer null.

Zum anderen liefert ein solches Land wertvolle Waren aus und bekommt letzten Endes Schuldscheine dafür. Mit den Schuldscheinen kann es sich natürlich wieder etwas leisten – aber wenn es das nicht tut und weiter spart, wird irgendwann der Handelspartner, der die ganzen Exporte gekauft und die Schuldscheine dafür ausgestellt hat, seine Schulden nicht mehr zahlen können und die Einlösung der Schuldscheine verweigern (müssen). Dann hat das Exportland für all seine Waren nur einen Haufen wertloses Papier bekommen und hat faktisch umsonst gearbeitet. Fängt das Importland andererseits an, selbst zu sparen oder zumindest keine neuen Schulden mehr zu machen, hat es kein Leistungsbilanzdefizit und das Exportland daher keinen Überschuss mehr (und seine Wirtschaft muss sich auf diese Veränderung erst einmal einstellen). Denn die Summe ist immer null.

Folgen des Ungleichgewichts
Wie machen sich Überschuss oder Defizit eigentlich innerhalb eines Landes bemerkbar? Allgemein teilt man die Wirtschaft eines Landes in drei große Bereiche auf: Unternehmen, Privathaushalte und den Staat. Ein Überschuss bedeutet, dass die drei Bereiche zusammengenommen sparen.  Vielleicht erzielt der Staat Überschüsse, die er anlegt (aber bei anhaltendem Überschuss nicht investiert), vielleicht schaffen Unternehmen Rücklagen (die sie bei anhaltendem Überschuss nicht investieren) oder die Privathaushalte sparen Geld für die Zukunft (das sie bei anhaltendem Überschuss nie ausgeben). Das garantiert allerdings noch keine positiven Einzelbilanzen: Vielleicht macht der Staat immer noch Schulden, die Unternehmen sparen die Gewinne nicht, sondern investieren sie, und nur ein Teil der Privathaushalte baut ein riesiges Vermögen auf. Allerdings machen Überschüsse es leichter, Geld zur Zufriedenheit aller zu verteilen. Defizite, auf der anderen Seite, bedeuten, dass sich Staat, Unternehmen oder Privathaushalte verschulden müssen.

Aus der Tatsache, dass die Summe aller Handelsbeziehungen immer null ergibt, folgen zwei Tatsachen: Man kann nicht ständig mehr ausgeben als man einnimmt. Das leuchtet ein. Andererseits kann man aber auch nicht ständig mehr einnehmen als man ausgibt, denn dann muss der Rest ständig mehr ausgeben als er einnimmt und hat irgendwann kein Geld mehr. Auf dieser zweiten Tatsache beharren also Krugman und Co. wenn sie sagen, dass es mit den hohen deutschen Exportüberschüssen nicht so weitergehen kann.

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11 Kommentare

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  1. Tobias / Aug 2 2012 20:26

    Sehr interessanter Artikel und schön geschrieben.
    Zum Thema Geld kann ich das Buch von Helmut Creutz „Das Geldsyndrom“ empfehlen. Er erklärt grundlegend und systematisch die Thematik des Geldes und schlägt auch – zumindest prinzipiell – Lösungen für unsere heutige ungerechte Verteilung des Geldes vor (er vertretet die Ansicht von Silvio Gesell, eine Geldumlaufsicherung einzuführen). Ich hab mir dazu ein paar Gedanken gemacht und hätte auch ein paar Vorschläge, wie man das mit dem Geld anders verteilen kann. Bin aber noch nicht dazu gekommen, dass alles strukturiert niederzuschreiben und auf Basis dieser Struktur mit anderen zu diskutieren. Fände das aber sehr interessant.

    • Gianni / Jun 20 2015 15:59

      @Tobias: Eine sog. „Geldumlaufsicherung“ haben wir schon längstens, man nennt es einfach anders und wird auch anders & besser eingesetzt, nämlich „Inflation“! Und für viele Zentralbanken heute sowie für die EZB sind aktuellen Inflations-raten, sprich Geldumlaufgebühren ZU TIEF!
      Apropos Silvio Gesell: Viele sog. Geld-System-Kritiker verdammen den Zins und Schulden und stützen sich alle auf Silvio Gesell ohne ihn wirklich verstanden zu haben, genauso auch H. Creutz. Denn Gesell kritisiert das ‚Horten‘ von Geld, heute müsste man dieses Wort aber mit ‚Sparen‘ von Geld ersetzen …

  2. AL / Aug 2 2012 23:31

    Hallo Tobias, vielen Dank für Deinen Kommentar!
    Über das Thema Freigeld bin ich zwar auch schon einige Male gestolpert, habe mich aber noch nicht genug damit auseinandergesetzt, um eine wirkliche Meinung dazu zu haben. Allerdings plane ich, das bald einmal nachzuholen, denn der Ansatz an sich klingt sehr interessant. Und auf Deine Gedanken zu dem Thema wäre ich sowieso sehr gespannt.
    Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass Geldakkumulation ein großes volkswirtschaftliches Problem ist, das man auf verschiedene Arten in den Griff bekommen könnte. Ich traue mir gegenwärtig nicht mal eine tendenzielle Aussage zu, welche die beste ist.

  3. Laura H. / Aug 12 2012 23:53

    Okay, und warum gibt es dann noch immer Leute, die meinen, mit Aktien könne man Geld erschaffen, ohne dass wo anders jemand Geld verliert? (Oder wechsel ich jetzt von der VWL unerlaubt in die BWL? -> „Der (nicht so) kleine Unterschied“?) Was ist mit Wachstum-Wachstum-Wachstum?

    • AL / Aug 13 2012 00:33

      Das mit den Aktien frag ich mich manchmal auch – und dann frag ich mich, wieso andererseits keiner der Leute, die Angst vor Inflation durch Zentralbankgeld haben, Angst vor Inflation durch Börsengänge hat. Und Du denkst bei Deiner Frage definitiv gesamtwirtschaftlich 😉

      Die Ausgabe von Aktien durch ein Unternehmen verteilt nur Geld um, aber wenigstens oft in eine produktive Richtung (-> Investitionen). Der Irrsinn kommt erst hinterher – aber dazu folgt auch (hoffentlich) bald ein Eintrag (die Dinger werden immer so lang und schlucken so viel Zeit *g*).

      Dito zu Wachstum-Wachstum-Wachstum. Vorab nur so viel: Ewiges Wachstum in der Menge funktioniert nicht, Wachstum in der Qualität dagegen hat kein absehbares Ende.

  4. Tompa / Mai 23 2015 23:06

    Vielen Dank für die sehr gut geschriebene Einführung der Wechselkurse und dem Euro! Ganz verstehen kann ich die Wechselkurse aber trotzdem noch nicht- warum hat das britische Pfund zum Euro einen höheren Wert? Kann ich irgendwie in der Tiefe nicht begreifen… Danke trotzdem für deine Mühen!! Ich werde auf jeden Fall wiederkommen…

    Zur Geldverteilung noch kurz :… Gehen wir einfach mal um tausend Jahre zurück als es noch keine Gesetze, Normen, Verflechtungen usw. – wie heute gab- -Geld hat die Tendenz zu dem zu gehen der fleißiger , kluger , nachhaltiger , produktiver ist und evtl noch wer Macht hat – das sind nun einmal die Gesetze des Geldes und Geldverteilung nur ein Instrument des Ausgleichs der in der heutigen Welt sicher nötig ist, dennoch gelten unterschwellig unter aller Politik die einfachen alten Gesetze von Ingenuität und Fleiss…auf einem freien Markt wird IMMER der mit dem besten Angebot verkaufen- so einfach ist das…
    Danke nochmal!

    • AL / Mai 27 2015 10:37

      Zu Deiner Frage bezüglich britisches Pfund vs. Euro: Die Kaufkraft einer Währung wird bei der Einführung der Währung bzw. einer Währungsreform willkürlich festgelegt. Andere Währung – andere willkürliche Festlegung – andere Kaufkraft – kein 1:1 Wechselkurs zwischen den Währungen. Außerdem entwickelt sich wegen unterschiedlicher Inflation, unterschiedlicher Zinsniveaus etc. langfristig der Wert von Währungen unterschiedlich (und kurzfristig kommt noch Währungsspekulation dazu). Wenn zwei Währungen genau die gleiche Kaufkraft/den gleichen Wert haben, ist das also nur eine zufällige Momentaufnahme und die Ausnahme, nicht die Regel.

      Zur Geldverteilung: Ich stimme zu, dass sich auf einem gleichberechtigten Markt das beste Angebot durchsetzt – aber diesen Markt gibt es nur in der Theorie, allein schon der Präsentation der Ware, des Marketings wegen. Und wenn verschiedene Formate wie in späten 70ern/frühen 80ern VHS und Betamax auf dem Videomarkt oder in den 2000ern Blue-Ray und HD-DVD konkurrieren, hängt viel von Handelspolitik zwischen Unternehmen ab, was sich am Schluss durchsetzt. Trotzdem ist die Aussage, dass bessere Angebot setze sich dem schlechteren gegenüber durch, tendenziell richtig. Aber die Überzeugungskraft des besseren Angebots gilt – wie von Dir angedeutet – auch nur zwischen ähnlich Mächtigen. Wie produktiv waren im Mittelalter Adel und Klerus verglichen mit dem Bauern und Handwerker? Und wo wanderte das Geld hin?
      Auch der Aussage, es hätte vor Tausenden von Jahren keine Gesetze, Normen, Verflechtungen etc. gegeben, stimme ich nicht so ganz zu. Es waren vielleicht weniger, weil die Gruppen kleiner waren. Aber wo immer Menschen zusammenleben, gibt es solche Normen und Verflechtungen – und ohne die könnte auch kein Geld existieren.

      • Patrick / Mai 27 2015 11:26

        Hallo!

        Ok, danke- ich wusste nicht , daß die Kurse irgendwann willkürlich festgelegt wurde und sich über die Zeit dann entwickelten…

        Mit meiner Erwähnung von Normen und Gesetzten wollte ich eigentlich hervorheben , dass der natürliche Zustand von Welt und Märkten, der, der kompletten Freiheit ist … Alles andere sind dem Ursprünglichen Zustand übergestülpte Systeme…Der Markt ist der Natur nach Frei und Bedarf evtl Regulierung und es wird ein System darübergelegt…

        Daß es diesen unterschweilligen freien Markt nur in der Theorie gibt kann ich nicht sehen , – Ab einer gewissen Ebene entscheidet der Konsument und das bessere Produkt wird sich durch setzen –

        Nach Jahrelangem dahinsiechen hat Apple mit seinen besseren Produkt ( Inkl Marketing) , alle Konkurrenz aus dem Weg geräumt oder zerstört (Blackberry – RIM)- dies war kein Akt von Politik oder Umverteilung – sondern geschah dank eines genialen Unternehmers und Investoren…

        Tesla kümmerte sich wenig um Handelspolitik und Standards und hat das getan wovon andere reden – ein elektroauto gebaut , dass wirklich funktioniert- und somit im Batteriebereich einen deutlichen Vorsprung vor alteingesessenen Unternehmen…

        Meiner Meinung nach braucht man natürlich regularien vor allem in Bezug auf Sozialpolitik – dennoch wird man nicht verhindern , dass es in jeder Gesellschaft- egal wie reich Sie ist- eben Arm und Reich gibt- das wird immer so sein und Gleichmacherei schwächt ALLE

        Die Debatte um Umverteilung ist mir deshalb irgendwie Suspekt , da ich ein absoluter Verfechter von freiem Unternehmertum als Quell des Gesellschaftlichen Wohlstand bin…

        Man sieht doch gerade im Frankreich der letzen Paar Jahre wie die Regierung Hollande durch Überbesteuerung und Überregulierung sicher stellt , das Innovation ,Kreativität und auch der letzte Unternehmer im Land flieht…- die Folge : Stagnation und Depression

        Gerade im eurpäischen Festland sieht man meiner Meinung nach , auch nach der verheerenden sozialistischen Experimente der Vergangenheit, immer noch nicht , daß der freie Unternehmer den Karren zieht wie Churchill treffend zeigte…

        Mein Motto für Europa : Regeln JA – Aber auch Freiheit und Eigenverantwortung WAGEN !!

      • AL / Mai 27 2015 16:28

        Wie Du so schön sagst – „Ab einer gewissen Ebene entscheidet der Konsument“. Das heißt nicht zwingend, dass sich das bessere Produkt durchsetzt, sondern das, das dem Kunden besser zu sein scheint. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied, der der ökonomischen Standardtheorie bewusst ist, deswegen hat sie auch für sich den perfekt informierten, völlig rational entscheidenden Kunden erfunden und arbeitet mit dem. Den gibt es aber natürlich nicht – zu den vielen Irrationalitäten unserer Entscheidungsfindung kann ich von Daniel Kahneman „Schnelles Denken – langsames Denken“ empfehlen.

        Der „natürliche Zustand“, den Du beschreibst, hat allen historischen und anthropologischen Kenntnissen zufolge nie existiert (vgl. David Graeber: „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“). Und ganz ohne Regeln funktioniert auch kein Markt – ein funktionierender Markt braucht sogar eine ganze Menge Regeln (Handelsrecht, Schutz vor Gewalt, Kontrolle der Maße, Schutz des Eigentums etc.), um weiter zu bestehen. Anders gesagt: Der Markt kann ohne eine ihm nicht unterworfene Autorität (Stammesoberhaupt, Staat, …) nicht existieren – er ist von Bedingungen abhängig, die er nicht selbst schaffen kann.

        Totale Gleichmacherei ist nicht sinnvoll, da stimme ich zu – aber weniger Ungleichheit als heute täte der Wirtschaft gut, allein der Nachfrage wegen. Davon abgesehen ist schwer zu erklären, wieso ein Konzernvorstand das Hundertfache eines Facharbeiters verdienen soll – er ist einfach nicht hundertmal so effizient, er leistet nicht hundertmal so viel. Natürlich hängt von seinen Entscheidungen mehr ab – dann sollten wir aber Pflegekräfte, deren Arbeitsleistung den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen kann, auch deutlich besser bezahlen.

        Freies Unternehmertum ist nicht der einzige Urheber gesellschaftlichen Wohlstands – nur einer von mehreren. Unser Wohlstand basiert z.B. auch ganz massiv auf Erkenntnissen aus der Grundlagenforschung – und die zu finanzieren kann kein Unternehmen leisten, weil der Effekt zu langfristig ist und nicht auf das einzelne Unternehmen beschränkt werden kann. Die Technologie von Unternehmen wie Apple und Google beruht ganz wesentlich auf staatlich finanzierten Entwicklungen. Meines Erachten ist das freie Unternehmertum hervorragend geeignet, um den Bedarf mit Gütern zu decken, die man nicht zwingend braucht (bei denen man also auf eine Alternative ausweichen kann) und die die Lebensqualität verbessern. Für Grundversorgung, die ein natürliches Monopol beinhaltet (Wasser, Gesundheitsversorgung etc.) sind sie dem Staat unterlegen.

        Unternehmer sind in unserem System unverzichtbar. Und Arbeiter jeder Qualifikationsstufe sind es auch. Und öffentliche Dienstleister, die den Rahmen für Märkte sicherstellen (Justiz, Polizei). Und Wissenschaftler, die die Wissensgrundlagen für neue Produkte schaffen. Und und und… Und jeder ist ohne die anderen nicht mehr viel wert. Das bedeutet es, in einer arbeitsteiligen Gesellschaft zu leben.

        Frankreich leidet übrigens viel mehr an der deutschen Beggar-thy-neighbour-Politik als an eigenen Problemen. Dass einige Unternehmer möglichst wenig Steuern zahlen wollen und deswegen medienwirksam das Land verlassen wollen, ist per se noch kein Indiz für Überregulierung oder Überbesteurung.

        Übrigens haben die sozialdemokratischen Länder Nordeuropas jahrzehntelang höhere Wachstumsraten aufgewiesen als die USA. Insofern kann man trefflich hin- und herargumentieren, was das richtige Maß an Regulierung und Besteuerung ist. Ich halte es für keinen Zufall, dass die Finanzkrise nach einigen Jahrzehnten der Deregulierung auf diesem Sektor zugeschlagen hat. Der Finanzsektor ist in meinen Augen massiv unterreguliert.

      • Gianni / Jun 20 2015 16:34

        @Patrick: Bezüglich Tesla:
        1. Tesla ist nicht der einzige der funktionierende elektrische Autos baut, da gibt es noch Renault, Fiat, Fisker (ging zwar Konkurs) und weitere …
        2. Tesla hat einige 100 Million $ vom Staat ausgeliehen bekommen, wie Fisker, und man sollte sich schon fragen, warum er es nicht von Privaten gekriegt hat, wenn er ja so erfolgreiche Autos baut.
        3. Tesla kann es obgleich der geringen Nachfrage nach elektr. Autos sich leisten, überteuerte Elektro-Autos zu verkaufen, weil er nur in einem bestimmten Segment die Autos anbietet, und zwar im Premium-Segment, das zwischen dem Segment der Billig-Masse- und Luxus-Autos liegt, bei der die Margen deutlich höher als im unteren Segment liegt.
        4. Die Autos von Tesla sind wie gesagt im Vergleich zu Benziner, Diesel- oder Hybrid-Autos überteuert aufgrund der Batterie. Deshalb verkauft er die Autos auch direkt und nicht über ein Händler-Netwerk, doch die Konkurrenten sind auch nicht billiger.
        5. Die Batterien von Tesla haben die gleichen Probleme wie auch diejenigen von anderen Hersteller. Denn sobald die Tesla-Batterien leer sind, sind sie futsch und der Kunde muss dann etwa $ 20.000 hinblättern um neue zu installieren. Deshalb hat Tesla ein „Spion“ in seine Autos eingebaut um die Kunden informieren zu können, das Auto so schnell wie möglich an eine Steckdose anzuschliessen, was zu einer gewissen Kontroverse in den USA geführt hat.

        Bezüglich freies Unternehmertum ist ja gut und recht, doch wenn man Unternehmen die Freiheit geben würde einen ‚freien‘ Lohnwettbewerb zu betreiben, wäre die Wirtschaft innerst kurzer Zeit tot.

  5. Eveline / Jan 8 2017 12:15

    Vielen Dank für diese gut verständliche Erklärung!!

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