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2. August 2012 / AL

Der (nicht so) kleine Unterschied

„Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen.“
Mark Twain (1835-1910), amerikanischer Schriftsteller

In den USA geht der Republikaner Mitt Romney mit seiner Arbeitsbiographie auf Stimmenfang: Er habe, so Romney, erfolgreich ein Unternehmen geleitet und Arbeitsplätze geschaffen, und deshalb könne er auch die wirtschaftlichen Probleme der USA lösen. Denn wer die Finanzen eines Unternehmens im Griff hat, kommt seiner Ansicht nach auch mit einem Staatshaushalt klar. Und während im Wahlkampf heftig darum gestritten wird, ob Romney in der Summe Arbeitsplätze geschaffen oder vernichtet hat, stellt praktisch niemand in Frage, dass ein Betriebswirtschaftler wie Romney automatisch auch etwas von Volkswirtschaft versteht. Wieso gibt es dann überhaupt zwei unterschiedliche Wirtschaftsdisziplinen? Worin unterscheiden sie sich? Und vor allem: Birgt es Probleme, wenn man den Blickwinkel der Betriebswirtschaftslehre (BWL) auf Probleme der Volkswirtschaftslehre (VWL) anwendet?

Warum zwei unterschiedliche Wirtschaftsdisziplinen? Kurz und knapp: Wer behauptet, ein Staat oder eine Volkswirtschaft sei im Prinzip auch nur ein großes Unternehmen, soll einmal ein Unternehmen nennen, bei dem 60% der Produktion von den eigenen Mitarbeitern gekauft wird, entlassene Mitarbeiter (-> Arbeitslose) immer noch bezahlt werden müssen, das seine Maschinen/Infrastruktur komplett selbst bauen muss und das seine laufenden Ausgaben und Investitionen aus einem Anteil an den Gehältern der Mitarbeiter bestreitet.

BWL
Im Blickfeld der BWL steht das einzelne Unternehmen und alle Management-Aspekte wie Kalkulation, Personalentwicklung, Führung, Logistik und vieles mehr. Das Unternehmen nutzt Arbeitskraft und Maschinen, um aus Rohstoffen, Fertigungsteilen und/oder Informationen seine Produkte herzustellen, die dann an die Marktsituation angepasst verkauft werden. Auf die Marktsituation muss das Unternehmen reagieren, weil es sie nicht beeinflussen kann: Es kann die Nachfrage nach seinen Produkten nicht steigern, indem es seinen Mitarbeitern mehr Gehalt zahlt, weil diese nur mit einem kleinen Teil des Budgets seine Produkte kaufen. Kosten und Einnahmen sind also nur insoweit verknüpft, als das Unternehmen Materialen und Arbeitskraft braucht, um zu produzieren und die Produkte zu verkaufen. Der Preis der Arbeitskräfte und der Materialien hängen aber nicht mit den Einnahmen zusammen.

Bei schlechter Nachfrage bleibt oft nichts anderes übrig, als zumindest zeitweise Kosten zu senken – das Unternehmen muss sparen. Die negativen Folgen des Sparens in Form von weniger Nachfrage durch niedrigere Löhne und Materialeinkäufe verlassen den Einflussbereich des Unternehmens und verteilen sich auf die restliche Wirtschaft, insofern ist es für das Unternehmen vorteilhaft, die Kostenfaktoren Löhne und Material bei gleichem Produktionsausstoß möglichst niedrig zu halten. Die erwirtschafteten Gewinne können an Eigentümer ausgezahlt oder bei guter Marktlage reinvestiert werden – reichen sie nicht aus, um das gewünschte Investitionsvolumen abzudecken, muss ein Teil der Investitionen durch Kredite finanziert werden. Kredite wiederum sind nicht in beliebiger Höhe tragbar, vor allem muss der zu erwartende Gewinn aus den kreditfinanzierten Investitionen die Zinskosten spürbar übersteigen, damit sich die Investition lohnt.

Zu geringe Gewinne können also ein Investitionshemmnis sein – entscheidend für Investitionen ist aber immer die Marktlage, also ob das Unternehmen seine Produktion auch zu einem vernünftigen Preis verkaufen kann. Ein Unternehmen hat also Kosten, Investitionen und eventuell für Investitionen aufgenommenen Krediten als Stellhebel, mit denen es sein Befinden theoretisch recht direkt steuern kann. Die Einnahmen kann das Unternehmen nur zu einem gewissen Grad über seine Preispolitik beeinflussen, weil es auf die Marktumgebung wenig Einfluss hat: Wenn das Produkt zu teuer wird, wird es weniger gekauft und die Einnahmen sinken. Ist die Nachfrage nach dem Produkt gering, hat das Unternehmen wenig Möglichkeiten, sie zu steigern und damit mehr zu verkaufen. Zusammengefasst: Im Einzelunternehmen (und auch im Haushalt einer Familie oder eines Einzelnen), dem Bereich der BWL, sind Kosten und Einnahmen klar trennbar, Kosten leicht und Einnahmen schwer beeinflussbar.

VWL
Die VWL hat die Wirtschaft des Landes als Gesamtheit im Blick, und dabei ganz wesentlich die Zusammenhänge zwischen den Handelnden innerhalb der Volkwirtschaft. Da die Volkswirtschaft alle Handelnden eines Landes umfasst, hat jeder in ihr mehrere Rollen: Der Lieferant (Verkäufer) der Fertigteile ist der Kunde der Stahlhütte, der Angestellte des einen Unternehmens ist der Kunde der anderen Unternehmen, die große Nachfrage der einen ermöglicht den Verkauf eines großen Angebots der anderen. Entsprechend hat jede wirtschaftliche Handlung mehrere Auswirkungen: Wenn ein Unternehmen seine Löhne senkt und dadurch mehr Gewinn macht, vermindert sich die Nachfrage und weniger Waren werden gekauft, so dass eventuell andere Unternehmen weniger Gewinn machen. Wenn die Einkünfte der Mitarbeiter massiv steigen, kann sich das Unternehmen vielleicht manche wichtige Investitionen nicht mehr leisten. Wenn der Stahl für den Fertigteilehersteller teurer wird, muss er oft die Preise für seine Fertigteile erhöhen, so dass seine Kunden mehr zahlen müssen und ihre Produkte auch teurer werden. In einer Volkswirtschaft sind die Kosten des einen die Einnahmen des anderen, die Ausgaben des einen die Umsätze des anderen, wieder und wieder. Im Unterschied zur Betriebswirtschaft sind in der Volkswirtschaft Kosten und Einnahmen nicht unabhängig voneinander.

Man kann das auch mathematisch formulieren: In der BWL hat man es mit einem Nullsummenspiel zwischen dem Unternehmen und dem Rest der Welt (inklusive Mitarbeiter) zu tun: Das Unternehmen bekommt nur das, was der Rest der Welt ausgibt, und alles, was das der Rest der Welt (auch Mitarbeiter) an Geld dazubekommt, geht dem Unternehmen verloren. Volkswirtschaft ist kein Nullsummenspiel: Wenn es der Hälfte der Unternehmen schlecht geht, geht es der anderen dadurch nicht besser, sondern in aller Regel auch schlechter, weil die darniederliegenden Unternehmen und ihre Mitarbeiter schwächere Konsumenten sind und den anderen weniger Produkte abkaufen. Genauso hoffen wir nicht auf einen Konjunktureinbruch in anderen Ländern, sondern eben auf eine gute Konjunktur weltweit – damit viele unserer Produkte gekauft werden.

Das heißt natürlich nicht, dass es keine gesamtwirtschaftlich besseren oder unsinnigen Handlungen gäbe: Wenn in einer Volkswirtschaft jemand in ein schlecht verkaufbares Produkt investiert, dann machen seine Lieferanten zwar vorübergehend mehr Umsatz und Mitarbeiter erhalten eine Zeitlang Löhne. Allerdings wird die Firma das Produkt nicht verkaufen können und pleite gehen, so dass jegliche Investitionen in Maschinen, Firmengebäude etc. verloren sind. Mitarbeiter haben keine Löhne mehr, die Lieferanten verlieren die zusätzlichen Umsätze wieder – was anders wäre, wenn in ein gefragtes Produkt investiert worden wäre. Volkswirtschaftlich günstig sind also tendenziell solche Entscheidungen, die eine dauerhafte Geschäftstätigkeit ermöglichen, indem sie die Produktion von Waren fördern (Angebotsseite), gleichzeitig aber auch genügend Käufer für die Waren garantieren (Nachfrageseite). Volkswirtschaftliche Konsequenzen sind natürlich von besonderem Interesse für den einzigen Handelnden, der seine Entscheidungen nur mit Blick auf die Gesamtwirtschaft und nicht auf einen einzelnen Wirtschaftsbereich treffen muss: Der Staat. Und damit kommen wir auch zu der Frage vom Anfang dieses Eintrags: Kann jemand für sich reklamieren, ein guter Wirtschaftspolitiker zu sein, weil er unternehmerische Erfahrung hat?

Der Staat als volkswirtschaftlich Handelnder
Beim Staat finden sich durchaus einige Parallelen zum Unternehmen: Auch der Staat hat „Material“kosten für Gegenstände und Materialien, die er kauft. Ebenfalls hat er Ausgaben für Personal – zu letzterem kann man zur Vereinfachung auch Personen zählen, die auf staatliche Hilfeleistungen angewiesen sind. Das Pendant zu den Maschinen des Unternehmens ist die Infrastruktur, in die der Staat ebenfalls aus Einnahmen/Gewinnen (Steuern) oder aus Krediten investieren kann. Aber damit hören die Ähnlichkeiten auf.

Zunächst einmal ist es prinzipiell Aufgabe und Ziel des Staates, das Wohl seiner Bürger zu optimieren und nicht seinen Gewinn (sonst wären die Steuern deutlich höher). Im Gegensatz zu Unternehmen hat er beträchtlichen Einfluss auf seine Einnahmen, weil er die Steuersätze selbst festlegt. Dagegen sind die Kosten für ihn schwieriger zu kontrollieren – bei einem Konjunktureinbruch zum Beispiel steigt die Zahl derer, die Arbeitslosenhilfe beanspruchen können, und diese Arbeitslosen kann der Staat im Gegensatz zum Unternehmen nicht einfach von seiner „Lohnliste“ streichen. Vor allem aber ist er nicht von einem einzelnen Wirtschaftsbereich abhängig, sondern von der Gesamtwirtschaft, weswegen er von gesamtwirtschaftlich günstigen Entscheidungen Nutzen und von gesamtwirtschaftlich schlechten Entscheidungen Nachteile hat. Außerdem wirken sich manche Entscheidungen auf den Staat deutlich anders aus als auf das Unternehmen.

Sinkende Gehälter im Land sind gut für Unternehmensgewinne, aber schlecht für Steuereinnahmen, weil neben der Lohnsteuer auch noch die Nachfrage zurückgeht. Wenn der Staat die Infrastruktur vernachlässigt, um seine Kosten zu senken, schadet er damit den Unternehmen, damit der Volkswirtschaft und damit seinen eigenen Einnahmen. Entlässt der Staat Personal, spart er ihre Gehälter, aber die Kosten für die Arbeitslosenversicherung steigen und die Nachfrage wird verringert. Senkt der Staat die Sozialausgaben, sinkt die Nachfrage nach Gütern ebenfalls, was Unternehmen dazu bringen kann, wegen geringerer Einnahmen selbst Personal abzubauen. Eine IWF-Studie über insgesamt 173 Konsolidierungsjahre in 15 Industrieländer kam zu dem Ergebnis, dass in Industrieländern mit sozialen Sicherungssystemen bei stabiler Wirtschaftslage eine Senkung der Staatsausgaben um 1% des BIP das gesamte BIP innerhalb von 2 Jahren um 0,5% senkt und die Arbeitslosenquote um 0,3% erhöht. Der Ökonom Larry Summers, Finanzminister unter Clinton und Wirtschaftsberater Obamas, zitierte in einem lesenswerten Meinungsartikel in der Financial Times eine andere IWF-Studie, derzufolge der Effekt noch größer sein kann: Wenn in Krisenzeiten, in denen der Staat der einzige solide Nachfrager ist, die wirtschaftliche Nachfrage einbricht, kann dieselbe 1%-Senkung der Staatsausgaben das BIP um 1-1,5% verringern und wird damit kontraproduktiv. In einem Unternehmen sind solche Effekte wie oben besprochen nicht möglich.

Fazit: Volkswirtschaftliche Entscheidungen, wie sie der Staat treffen muss, sind wegen der vielfältigen Beziehungen in einer Volkswirtschaft oft deutlich komplexer als betriebswirtschaftliche. Ein Unternehmen kann seine Einnahmen nicht so leicht erhöhen wie ein Staat, sich aber auch mit Kostensenkungen nicht so leicht schaden. Wer also an volkswirtschaftliche Probleme – und dazu gehört eben auch der Staatshaushalt – betriebswirtschaftliche Maßstäbe anlegt oder sie mit seiner persönlichen Einnahme- und Ausgabensituation vergleicht, erzielt keine guten Ergebnisse. Eine Volkswirtschaft ist nun mal kein Unternehmen und erst recht kein schwäbischer Haushalt. Insofern bringt Mitt Romney seine Erfahrung nicht viel. Und falls sie dafür sorgt, dass er auf betriebswirtschaftliches Denken fixiert ist, ist sie sogar schädlich.

Es gäbe noch vieles zu dem Thema zu sagen (dass es natürlich auch sinnvolles Sparen bei Staaten gibt und wie es aussehen kann, dass man einen Betrieb auch nicht mit einem volkswirtschaftlichen Blickwinkel führen kann, wie hoch Löhne und Steuern sinnvollerweise sein sollten etc.), aber dieser Beitrag ist sowieso schon zu lang. Also verschiebe ich diese Dinge auf ein andermal.

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