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4. August 2012 / AL

Die Rente aus volkswirtschaftlicher Sicht

„Aufhören? Was für eine frustrierende Vorstellung. Nur Menschen, die einen Job machen, gehen in Rente.“
Dustin Hoffmann (*1937), US-amerikanischer Schauspieler

Der Blickwinkel auf die Rente ist in den meisten Diskussionen eher betriebswirtschaftlicher bzw. einzelwirtschaftlicher Natur: Wie viel habe ich eingezahlt und wie viel erhalte ich an Beiträgen; wie viel Rente kann ausgezahlt werden, wenn bei einem bestimmten Beitragssatz eine gewisse Menge Geldes eingenommen wird, nach welchem System soll die Rente finanziert werden etc. Gerade beim letzten Punkt redet man üblicherweise von zwei Systemen: Der umlagefinanzierten Rente, bei der die von Erwerbstätigen eingezahlten Beiträge zur Rentenversicherung gleich wieder an die Rentner ausbezahlt werden, und die kapitalgedeckte Rente, bei der das Geld z.B. in Pensionsfonds angelegt wird und dann aus Kapitalanlagen ausbezahlt wird.

Rente betriebswirtschaftlich
Durch die einzelwirtschaftliche Brille gesehen, die auch unserer Erfahrung als Einzelperson entspricht, klingt die Kapitaldeckung nach dem solideren System: Das Geld ist ja schon angespart und vorhanden, es ist also garantiert da und kann ausbezahlt werden, während beim umlagefinanzierten System jeden Moment durch eine Wirtschaftskrise die Einnahmen wegbrechen könnten. Außerdem kann die umlagefinanzierte Rente z.B. durch politische Beschlüsse gekürzt werden, so dass die Rentenhöhe sich verringt. Allerdings ist auch die kapitalgedeckte Rente für wirtschaftliche Entwicklungen anfällig, da sie am Kapitalmarkt angelegt werden muss und das angesparte Kapital deshalb auch Kursschwankungen o.ä. ausgesetzt ist. Gerade während einer Finanzkrise wie der von 2008 verlieren Pensionsfonds oft erheblich an Wert, was die zukünftige Rente drastisch mindert. Nun könnte man das Geld auch in einem Safe einbunkern, aber die Inflation würde vom Angesparten wenig übriglassen. Und Wertanlagen wie Gold, Immobilen u.ä. schwanken ebenfalls deutlich im Wert – ganz abgesehen davon, dass es auch genügend Wertanlagen geben muss, damit alle ihre zukünftige Rente anlegen können. Aber das war jetzt wieder die betriebswirtschaftliche Sicht – wie ist die volkswirtschaftliche?

Rente volkswirtschaftlich: Das Mackenroth-Theorem
Der Soziologe Gerhard Mackenroth hat sie in dem nach ihm benannten Mackenroth-Theorem formuliert: „Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Periode zu Periode, kein „Sparen“ im privatwirtschaftlichen Sinne, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand.“

Das widerspricht zunächst der Alltagserfahrung, nach der man Geld sparen und es dann Jahrzehnte später wieder ausgeben kann – eben die einzelwirtschaftliche bzw. betriebswirtschaftliche Erfahrung. Aber eine Volkswirtschaft produziert ja nicht Geld, sondern Waren. Volkswirtschaftlich gesehen erzeugt ein Land während eines Zeitraums eine bestimmte Menge an Gütern (Lebensmittel, Gebrauchsgegenstände, Luxusgegenstände), die auf die Bevölkerung verteilt werden können. Da wir nicht in einer Tauschwirtschaft, sondern in einer Geldwirtschaft leben, werden üblicherweise nicht Waren, sondern Geld verteilt, von dem die Mitglieder der Volkswirtschaft sich die gewünschten Waren kaufen können. Das Geld ist dabei aber nur Tauschmittel – auf die Waren kommt es an! Denn der Rentner will wie jeder andere auch nicht einfach nur Zahlen auf einem Kontoauszug, sondern er will eine Wohnung (die instandgehalten werden muss), er will Lebensmittel, Kleidung und Konsumgüter. Und all diese Dinge müssen von der Volkswirtschaft kurz vor ihrem Konsum produziert werden, denn ansparen kann man sie nicht. Allein der Gedanke, Millionen Tonnen an Lebensmitteln, Baustoffen, Kleidern, Büchern, Fernsehern etc. für Jahrzehnte zu lagern, damit sie dann den Rentner zur Verfügung stehen, ist absurd.

Damit unterscheiden sich Umlageverfahren und Kapitaldeckung aber nur noch geringfügig: Denn in beiden Fällen werden Ansprüche auf zukünftige Waren in Form von Zahlungsansprüchen gelagert, beim Umlageverfahren als Anrechnungspunkte o.ä. (in Deutschland „Entgeltpunkte“), bei der Kapitaldeckung als Geldguthaben, aus dem die Höhe der Rentenzahlungen berechnet werden. Der Unterschied besteht theoretisch darin, dass bei der Umlagefinanzierung dem Geldkreislauf kein Geld entzogen wird, um angespartes Kapital zu bilden. Befürworter der Kapitaldeckung vertreten andererseits den Standpunkt, dass das angesparte Kapital mehr Investitionen ermöglichen würde (mehr dazu in einem späteren Blogbeitrag). In der Praxis konnte man bei Rentenumstellungen vom Umlage- auf das Kapitaldeckungsverfahren aber keine nennenswerte Änderung der Sparquote erkennen. Die volkswirtschaftlichen Unterschiede scheinen in dieser Hinsicht gering zu sein. Wichtig ist die Feststellung, dass keine der beiden Rentenformen Schutz vor demografischen Veränderungen bietet – aber zu denen schreibe ich in einem anderen Eintrag noch etwas (Kurze Vorschau: Kein Grund zur Panik!).

Vor- und Nachteile
Beide Systeme haben Nachteile: Die umlagefinanzierte Rente hat einen geringeren Puffer z.B. während einer Wirtschaftskrise. Hinzu kommt, dass in Deutschland die kapitalgedeckten Teile der Rente in Händen der Privatwirtschaft liegen, wohingegen die umlagefinanzierten staatlich und damit abhängiger von politischen Entscheidungen sind. In Deutschland ist das Leistungsniveau der staatlichen Rente aufgrund politischer Entscheidungen in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken – was andererseits nicht prinzipiell unumkehrbar ist. Anmerken muss man beim Vergleich der Systeme auch noch, dass mit der umlagefinanzierten Rente solidarische/sozialpolitische Komponenten deutlich leichter umgesetzt werden können als mit der kapitalgedeckten.

Die kapitalgedeckte Rente benötigt ausreichend Anlagemöglichkeiten und ist damit sehr anfällig für Kapitalmarktschwankungen, Finanzkrisen, Inflation und Veruntreuung. Außerdem verursachen kapitalgedeckte Systeme einen höheren Verwaltungsaufwand und damit höhere Verwaltungskosten – vor allem dann, wenn sie privatwirtschaftlich organisiert sind, denn der Finanzdienstleister will nicht nur kostendeckend, sondern mit Gewinn arbeiten. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied, wenn einer staatlichen umlagefinanzierten Rente eine private Kapitalgedeckte gegenübersteht, wie das in Deutschland bei der staatlichen und der Riester-Rente der Fall ist: Während die gesetzliche Rentenversicherung knapp 1,2% Verwaltungskosten hat, bewegen sich die Angaben für die privatwirtschaftlich organisierte Riester-Rente zwischen 10% und 25%, wobei man im Durchschnitt sicher von 15% ausgehen kann.

Niemand hat das anschaulicher formuliert als Carsten Maschmeyer, damals noch Mehrheitseigner des Finanzdienstleisters AWD. Die Netzeitung vom 08.06.2005 gibt Maschmeyers Worte so wieder: „Nach der Verlagerung von der staatlichen zur privaten Altersvorsorge stehe die Finanzdienstleistungsbranche ‚vor dem größten Boom, den sie je erlebt hat‘, sagte Maschmeyer. ‚Sie ist ein Wachstumsmarkt über Jahrzehnte.‘ Noch sei noch nicht überblickbar, wie sich der Anstieg der privaten Altersvorsorge im Detail ausgestalte. ‚Es ist jedoch so, als wenn wir auf einer Ölquelle sitzen‘, sagte Maschmeyer. ‚Sie ist angebohrt, sie ist riesig groß und sie wird sprudeln.'“
Finanzdienstleister schaffen kein Geld, sie verteilen es nur um. Die sprudelnde Ölquelle bedeutet demnach Gewinne, die von den privat Vorsorgenden finanziert werden müssen.  Zumindest in Sachen Wirtschaftlichkeit liegt in Deutschland die gesetzliche Rentenversicherung deutlich vorne. Wie man die anderen Vor- und Nachteile gegeneinander gewichtet, bleibt natürlich Abwägungssache.

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