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5. August 2012 / AL

Angebot oder Nachfrage? – Teil 1: Angebotsökonomie

„Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen.“
Helmut Schmidt (*1918), deutscher Politiker (SPD), Bundeskanzler 1974-82

Auch wenn kein Ökonom behauptet, es gäbe nur eines von den beiden, konzentrieren sich viele wirtschaftspolitische Empfehlungen auf eine der beiden Seiten: Die Wirtschaft soll entweder durch bessere Bedingungen für die Produktion von Gütern gestärkt werden (Angebotsökonomie/-politik) oder durch eine Stärkung der Nachfrage mittels höherer Löhne oder staatlicher Investitionen (Nachfrageökonomie/-politik). Angebotsökonomie kennt man auch unter dem Namen „Trickle-down-Theorie“: Wenn man den wohlhabenden Unternehmern viel Reichtum ermöglicht, kommt der auch nach und nach unten an. Nachfrageökonomie hingegen wird oft auch als Keynesianismus bezeichnet, da sie sich auf die Theorien des Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes beruft. Der Keynesianismus war ab Beginn der 50er bis in die 70er Jahre dominierend, seit den 80ern herrscht die Angebotsökonomie vor.

Angebotsökonomie
Laut Angebotsökonomie ist der Zündfunke für wirtschaftliche Entwicklung das Kapital: Zunächst muss Geld vorhanden sein, das investiert werden kann – das heißt, es darf nicht konsumiert worden sein, indem es für gutes Essen, schicke Kleidung, Elektrogeräte und alles Mögliche andere ausgegeben wurde, sondern jemand muss es gespart haben. Entweder der Unternehmer hat das ganze Geld selbst gespart, das er nun investieren will, oder er leiht sich einen Teil von einer Bank, die das entsprechende Geld für andere Sparer aufbewahrt.

Warum investiert der Unternehmer überhaupt? Weil er sein Geld vermehren will, und vermehren kann er es nur, wenn er es für etwas einsetzt, das Gewinne abwirft; er wäre dumm, wenn er das Geld einfach nur herumliegen ließe. Der Unternehmer wählt jetzt also ein Geschäftsfeld, das ihm nach seiner Einschätzung gute Gewinne und damit eine gute Rendite verspricht (meist ein vertrautes Gebiet, in dem er schon tätig ist -> geringere Einstiegskosten), setzt das Geldkapital in Sachkapital (eine Fabrik, Maschinen etc.) um und beginnt zu produzieren. Die erzeugten Produkte verkauft er mit einem gewissen Gewinn und hat dadurch am Ende mehr Geld zum Konsumieren, kann sich also mehr oder schönere Dinge leisten und/oder mehr Geld investieren, um noch mehr zu verdienen.

Das Say’sche Theorem
Wo steckt in diesem Modell jetzt die Nachfrage? Die Antwort darauf gibt das Say’sche Theorem, das ein ganz wesentlicher Bestandteil der Angebotsökonomie ist. Der namensgebende Ökonom Jean-Baptiste Say formulierte es 1803 so: „Wenn der Produzent die Arbeit an seinem Produkt beendet hat, ist er höchst bestrebt es sofort zu verkaufen, damit der Produktwert nicht sinkt. Nicht weniger bestrebt ist er, das daraus eingesetzte Geld zu verwenden, denn dessen Wert sinkt möglicherweise ebenfalls. Da die einzige Einsatzmöglichkeit für das Geld der Kauf anderer Produkte ist, öffnen die Umstände der Erschaffung eines Produktes einen Weg für andere Produkte.“

Mit anderen Worten besagt das Theorem also: Erst muss etwas produziert werden, bevor es nachgefragt werden kann. Und durch die Produktion von Waren verfügen Leute auch erst über die Möglichkeit, selbst Produkte zu kaufen. Die Produktion erschafft also Angebot und Nachfrage zugleich. Laut der heutigen Angebotsökonomie gilt das auch, wenn Geld nicht gleich für Waren ausgegeben, sondern gespart wird, denn das gesparte Geld kann wieder als Kredit verliehen werden und sorgt somit auch wieder für Nachfrage. Letzten Endes werden Waren nur wieder gegen Waren getauscht, entweder direkt, oder über den Umweg von Sparen und Kreditvergabe. Produktion (und damit zunächst das Angebot, erst sekundär die Nachfrage) ist dem Say’schen Theorem zufolge der Auslöser von Wirtschaftswachstum.

Schlussfolgerungen und Forderungen
Deswegen, sagt der Angebotsökonom, muss man das Produzieren fördern, wenn man eine starke Wirtschaft haben will und es der Allgemeinheit möglichst gut gehen soll. Darum dürfen die Steuern auf Unternehmensgewinne nicht zu hoch sein – sonst lohnt sich am Schluss das Risiko des Investierens nicht mehr genug und deswegen macht es keiner mehr. Aus dem gleichen Grund dürfen die Löhne auch nicht zu stark steigen, sollen Unternehmen möglichst wenig durch staatliche Regeln wie Kündigungsschutz, Arbeitsrecht (s.u.) und sonstige Vorschriften zur Unternehmensführung eingeschränkt werden. Und deswegen muss man auch Umweltschutzgesetze sorgfältig bezüglich Kosten und Nutzen abwägen. Nicht zuletzt soll die Inflation sehr niedrig gehalten werden, weil sonst kaum jemand spart und dadurch kaum jemand investiert. Die Angebotsökonomie sieht Sparen als etwas gesamtwirtschaftlich Wertvolles.

Eine andere, weitreichende Folgerung aus dem Say’schen Theorem betrifft den Arbeitsmarkt: Wenn nämlich die Produktion gleichzeitig für Angebot und Nachfrage sorgt, kann es keinen echten Nachfragemangel geben. Es kann verkauft werden, was produziert werden kann – und deshalb findet sich für zusätzliche Arbeitskräfte auch immer Arbeit. Spürbare Arbeitslosigkeit ist daher eine unnatürliche Situation, die nur durch (i.d.R. staatliche) Eingriff in einen funktionierenden Markt oder durch Untauglichkeit oder schlechte Ausbildung des potentiellen Arbeitnehmers hervorgerufen werden kann (denn wenn er die gewünschte Arbeit machen könnte oder würde, würde es sich auch lohnen, ihn einzustellen). Diese Hypothese und das Thema Arbeitslosigkeit an sich werden in künftigen Blogeinträgen noch ausführlicher behandelt.

Bevor ich zu den Kritikpunkten an diesem Modell komme, erst noch eine Bemerkung: Auch wenn das hier nur eine Zusammenfassung ist, sind meines Erachtens alle wesentlichen Gedanken der Angebotsökonomie korrekt enthalten. Wer so etwas wie ein Manifest der Angebotsökonomie sucht, dem kann ich den von knapp 250 Angebotsökonomen unterzeichneten „Hamburger Appell“ empfehlen.

Kritik
Die Konzepte der Angebotsökonomie klingen zunächst sehr überzeugend, es gibt aber einige Haken: Zunächst einmal funktioniert unser Geldsystem nicht so, dass nur eingezahlte Sparguthaben verliehen werden können. Banken können Geld „aus dem Nichts“ erschaffen und im Rahmen der Eigenkapitalregeln verleihen, das heißt, dass die Investition dem Sparen vorausgehen kann. Das wiederum heißt aber auch, dass gespartes Geld nicht zwingend für mehr Investitionen oder Wirtschaftstätigkeit sorgt; es kann im Gegenteil einfach nur herumliegen (und die Zahl der Millionäre und Milliardäre ist ein guter Beleg dafür).  Außerdem kann Geld beileibe nicht nur in die Realwirtschaft investiert werden, sondern auch in die Finanzwirtschaft, wo es nur vielleicht für produktive Geschäftstätigkeit sorgt. Sparen ist also in der Praxis keine Voraussetzung für Investition.

Damit fällt meiner Meinung nach auch das Say’sche Theorem in sich zusammen: Das eingenommene Geld wird eben nicht automatisch gleich wieder ausgegeben und auch nicht immer für Waren. Vor allem aber führt mehr Produktion erfahrungsgemäß nicht automatisch zu mehr Nachfrage nach dem Produkt; entscheidend ist auch, wer wie viel Geld zur Verfügung hat. Wenn ich Millionen von Ferraris baue, kann ich sie trotzdem nicht alle verkaufen; und noch viel weniger könnte ich es, wenn es nur ein paar Multmilliardäre gäbe und sonst alle bettelarm wären. Außerdem sollte bei ausgeglichenerem Wohlstand spätestens bei zwei Plasmafernsehern pro Person eine gewisse Nachfragegrenze erreicht sein. Und wenn rein hypothetisch betrachtet alle produzierenden Menschen durch Maschinen ersetzt werden könnten und dadurch alle Arbeiter entlassen würden und kein Geld mehr bekämen – wer hätte dann noch die Möglichkeit, die ganzen Produkte zu kaufen?

Das beste Argument aber stammt meines Erachtens von John Maynard Keynes. Ich habe oben geschrieben „Der Unternehmer wählt jetzt ein Geschäftsfeld, das ihm nach seiner Einschätzung gute Gewinne und damit eine gute Rendite verspricht…“. Was ist jetzt, wenn es z.B. aufgrund einer Wirtschaftskrise kein solches Geschäftsfeld gibt? Was ist, wenn der Unternehmer nicht davon ausgeht, dass es genügend Kunden für seine Plasmafernseher gibt, falls er seine Fabrik erweitert? Dann wird er sie nicht erweitern, wird nicht investieren, sondern sein Geld auf die hohe Kante legen. Selbst unter den günstigsten Bedingungen wird niemand zusätzlich produzieren, wenn er nicht daran glaubt, Abnehmer zu finden. Während der Großen Depression waren in den USA Lagerhäuser voll mit Gütern, die niemand mehr kaufte, weil nur noch wenige sie sich leisten konnten. Es gab das Angebot, es hätte auch das Interesse gegeben, die Waren zu kaufen, aber die Nachfrage im Sinn von Kaufwunsch plus Geld war nicht mehr da. Die Große Depression ist ein Zeitabschnitt, den man nur schwer mit Angebotsökonomie erklären kann.

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