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7. August 2012 / AL

Angebot oder Nachfrage? – Teil 2: Nachfrageökonomie

„Autos kaufen keine Autos.“
Henry Ford (1863-1947), amerikanischer Unternehmer und Gründer der Ford Motor Company

Nachdem es im ersten Teil vor allem um die Angebotsökonomie ging, ist jetzt das Thema Nachfrage an der Reihe. Was die grundsätzlichen Parameter der Ökonomie angeht, stimmen Ökonomen der beiden Denkrichtungen durchaus überein: Geld aus Krediten und Gewinnen wird investiert ->  Produktion wird möglich -> Güter werden hergestellt und erzeugen Angebot -> bei vorhandener Nachfrage werden die Güter gekauft -> Gewinne fließen an den Unternehmer, der jetzt sparen, konsumieren oder wieder investieren kann.

Die Bedeutung der Nachfrage
Der Unterschied liegt darin, was als limitierender Faktor für Wirtschaftswachstum gesehen wird: Aus Sicht des Angebotsökonomen sind es die Produktionsbedingungen, die gut genug sein müssen, damit eine Investition sich lohnt. Aus Sicht des Nachfrageökonomen produziert der Unternehmer auch bei guten Produktionsbedingungen nur dann, wenn er glaubt, seine Produktion verkaufen zu können. Was nützt es dem Unternehmer, fragt der Nachfrageökonom (kein absichtliches Wortspiel), wenn er zu einem Zehntel des Verkaufspreises produzieren kann, sich aber kein Käufer findet? Und wann kann er keine Käufer finden? Wenn die Leute kein Geld zum Ausgeben haben.

Für den Nachfrageökonomen steht nicht die Produktion am Anfang des Wachstums, sondern das Kaufinteresse. Die Menschen sind bereit, Geld für etwas auszugeben, das noch gar nicht oder in zu geringem Maß vorhanden ist, wissen also oft gar nicht, dass sie ein Produkt wollen könnten. Der findige Unternehmer bemerkt das und beschließt, dass hier Geld zu verdienen ist. Also nimmt er Geld in die Hand (eigenes oder teilweise geliehenes) und beginnt, das mutmaßlich nachgefragte Produkt zu erzeugen. Die Investition ist natürlich ein Risiko, weil er nicht mit Sicherheit sagen kann, ob sich das Produkt tatsächlich gut verkauft. Tut es das aber, erzielt er den erwünschten Gewinn und kann sein Unternehmen vergrößern, um noch mehr Nachfrage zu befriedigen.

Gilt also dem Angebotsökonomen das Vorhandensein von ausreichend Investitionskapital als Zündfunke für Wirtschaftswachstum, so ist es dem Nachfrageökonomen das Vorhandensein von Geld beim Konsumenten. Da der Konsument des einen Unternehmers aber meistens der Angestellte des anderen ist, müssen alle Unternehmen ihre Mitarbeiter vernünftig bezahlen, damit alle ihre Produkte verkaufen können. Wenn die Löhne zu niedrig sind, kann zu wenig konsumiert werden, dadurch lohnen sich auch Investitionen nicht, die Wirtschaft stagniert. Gleiches gilt auch, wenn zu viel gespart wird: Wenn wenig Geld ausgegeben wird, werden weniger Produkte gekauft, in der Folge wird die Produktion heruntergefahren und Personal abgebaut, was die Nachfrage weiter drückt.

Angebotsökonomie vs. Nachfrageökonomie
Damit liegen Angebots- und Nachfrageökonomen über Kreuz. Der Angebotsökonom will, dass viel Geld bei den Unternehmern bleibt, damit die es investieren, der Nachfrageökonom will, dass viel Geld zu den Lohnempfängern geht, damit die die Produkte kaufen und dadurch Investitionen interessant machen. Der Angebotsökonom fordert wenig Kündigungsschutz und wenig Sozialabgaben, damit das Geld beim Unternehmer bleibt, der Nachfrageökonom will durch Kündigungsschutz und soziales Netz eine stabile Nachfrage auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten; die höheren Steuern sieht er als sehr geringes Übel an. Für den Angebotsökonomen ist Sparen der Grundstein des Wirtschaftswachstum, für den Nachfrageökonomen ist zu viel Sparen brandgefährlich.

Nach Meinung des Nachfrageökonomen sind daher in einer Rezession staatliche Konjunkturprogramme eine gute Idee – der Staat tritt vermehrt als Kunde auf, schafft also Nachfrage. Diese belebt dann die Unternehmen, die durch die Staatsaufträge Geld verdienen und dadurch selbst mehr Geld zur Verfügung haben. Mit diesem Geld wiederum können mehr Mitarbeiter eingestellt und höhere Löhne gezahlt werden, wodurch weitere Nachfrage generiert wird, die wieder positive Effekte auf andere Unternehmen hat usw. Aus Sicht des Angebotsökonomen versandet der Effekt von Konjunkturprogrammen relativ schnell wieder, da es vor allem auf Investitionskapital ankommt. Das Geld ist seiner Ansicht nach also besser angelegt, wenn man es den Unternehmen direkt zukommen lässt, z.B. in Form von Steuersenkungen. Mit dem Geld werden dann laut Angebotsökonom Investitionen getätigt, die zu mehr Produktion und damit nach dem Say’schen Theorem zu mehr Nachfrage führen. Aus Sicht des Nachfrageökonomen wird es mit diesem Geld aber keine Investitionen geben, weil kein Unternehmer damit rechnen wird, dass es auf einmal Käufer für seine zusätzlichen Produkte geben wird.

Steuern und ihre konjunkturellen Auswirkungen
Ein interessanter Unterschied zwischen beiden Denkrichtungen ist auch der Blick auf verschiedene Arten von Steuern. Zwar weisen beide darauf hin, dass Steuererhöhungen die Konjunktur schwächen und Steuersenkungen sie stärken können. Es herrscht aber Uneinigkeit über die Arten der Steuern, die gesenkt werden sollen: Für den Angebotsökonomen haben vor allem Unternehmenssteuern, der Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer und Lohnnebenkosten/-leistungen wie arbeitgeberseitige Beiträge zu Renten- und Arbeitslosenversicherung, Zuschüsse zum Krankengeld oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einen nachteiligen Effekt auf die Konjunktur, weil sie Unternehmen und Wohlhabende treffen – wodurch die, die am ehesten investieren, weniger Kapital zum Investieren haben. Nachfrageökonomen sehen wiederum Massensteuern wie die Mehrwertsteuer als problematisch an, weil sie die Konsummöglichkeiten der unteren Einkommengruppen und damit die Nachfrage verringern. Angebotsökonomen sehen die Mehrwertsteuer als wenig problematisch an, während Nachfrageökonomen Steuern auf Unternehmensgewinne und Einkommen Wohlhabender für volkswirtschaftlich unbedenklich erachten.

Kritik
Natürlich gibt es auch bei der Nachfrageökonomie Kritikpunkte, die geäußert werden. Häufig genannt wird eine durch diese Politik erhöhte Inflationsgefahr: Da durch höhere Löhne auch die Produktionsosten steigen, erhöhen sich auch die Preise der Produkte, was definitionsgemäß Inflation ist. Da Löhne nur einen Teil der Produktkosten darstellen, steigt allerdings das Konsumpotential stärker als die Preise. Zudem sorgen Krisenzeiten, in denen laut Nachfrageökonomen die Nachfrage schwach ist und dringend gestärkt werden muss, an sich für eine Abschwächung der Inflation oder sogar für deflationäre Tendenzen.
Als weiterer Kritikpunkt wird genannt, schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme könnten über höhere Kreditnachfrage des Staates und höhere Inflation zu höheren Zinssätzen und damit sinkender Kreditnachfrage und in der Folge sinkender Investitionstätigkeit der Privtawirtschaft führen. Auch hier wird entgegnet, dass Konjunkturprogramme in Kirsenzeiten aufgelegt werden, in denen sowohl Kreditnachfrage als auch Inflation eher niedrig sein sollen.

Weniger grundsätzlich, aber konkreter und praxisbezogener ist der Kritikpunkt, dass eine höhere Nachfrage ja nicht nur den Kauf einheimischer Produkte bedeutet und damit nur begrenzte Wirkung auf die Wirtschaft des nachfragestarken Landes hat. Darauf kann man antworten, dass auch Konjunktur oft eine länderübergreifende Sache ist und dass man über bessere Konjunktur und dadurch höhere Nachfrage im Ausland auf Umwegen doch wieder die eigene Wirtschaft stärkt. Wenn eine nachfrageorientierte Volkswirtschaft allerdings viel Handel mit einer angebotsorientierten hat, wird dieser Effekt gering ausfallen, da in der angebotsorientierten Volkswirtschaft die Löhne schwächer steigen und sie der nachfragorientierten Wirtschaft durch niedrige Preise Marktanteile abnehmen wird. Die Bilanzen beider Länder sind nicht mehr ausgeglichen, sondern die angebotsorientierte Wirtschaft erzielt einen Exportüberschuss und die nachfrageorientierte verzeichnet einen Importüberschuss; erstere lebt unter, zweitere über ihre Verhältnisse, und das geht auf Dauer nicht gut.

Und natürlich kann man noch argumentieren, dass bei zu viel Nachfrageorientierung das Produzieren irgendwann uninteressant wird. In der Theorie ist das natürlich richtig: Wenn dem Unternehmer selbst nicht mehr übrigbleibt als seinen Angestellten, dann lohnt sich für ihn das Unternehmer-Sein nicht mehr und er wird Investieren und Produzieren irgendwann sein lassen. Allerdings ist mir aus der Wirtschaftsgeschichte kein solcher Fall bekannt (ein Mangel an Nachfrage aber sehr wohl); kommunistische Wirtschaftsstrukturen kamen dem am ähnlichsten, indem sie keinen Gewinn durch Unternehmertum zuließen, aber sie arbeiteten nicht mit echten Nachfragemechanismen. Letzten Endes darf man zwar keine der beiden Seiten aus dem Auge verlieren, aber meines Erachtens sind heutige Politiker und Ökonomen vor allem auf dem Nachfrageauge blind. Dazu ein andermal mehr.

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