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9. August 2012 / AL

Angebot oder Nachfrage? – Teil 3: Das Race-to-the-bottom-Problem

„Die Sanftmütigen werden die Erde besitzen – aber nicht die Schürfrechte.“
Jean Paul Getty (1892-1976), amerik. Ölindustrieller u. Milliardär

Beim Vergleich von Angebots- und Nachfrageökonomie kam die Nachfrageökonomie bei mir deutlich besser weg. Das kann man mir als mangelnde Neutralität ankreiden, aber ich halte es aus den aufgeführten Gründen einfach für sachlich richtig, dass eine eher nachfrageorientierte Politik ökonomisch gesünder als eine eher angebotsorientierte. Zumindest gilt das in einem abgeschlossenen Wirtschaftssystem, in das nichts importiert und aus dem nichts exportiert wird, wie zum Beispiel der gesamten Weltwirtschaft. Schwieriger wird es allerdings bei einer Wirtschaft mit Importen und Exporten – und damit kommen wir zu einem Aspekt, der einen weiteren Artikel zu dem Themenbereich rechtfertigt: Die Auswirkungen von Angebots- und Nachfragepolitik im Handel mit anderen Ländern.

(Hinweis: Ich konzentriere mich hierbei auf die Löhne und lasse andere Effekte beiseite, um das Thema nicht zu verkomplizieren. Prinzipiell spielen bei dieser Thematik sehr, sehr viele Effekte eine Rolle, die sich oft überlagern. Es ist aber sinnvoller, nur die Effekte gemeinsam abzuhandeln, die sich gegenseitig deutlich beeinflussen, wie das bei Löhnen und der Gesamtnachfrage der Fall ist. Einige Ökonomen sehen das mit Löhnen und Gesamtnachfrage anders, aber mit deren Ansicht – und ihrer Widerlegung – befasse ich mich ein andermal.)

Direkte Folgen der Politikansätze
Länder, in denen Angebotspolitik vorherrscht, haben tendenziell durch niedrige Löhne eine niedrigere Nachfrage und zugleich niedrige Produktpreise. Die niedrigeren Produktpreise verbessern die Konkurrenzfähigkeit und machen solche Länder exportstärker. Gleichzeitig ist wegen der niedrigen Löhne die Nachfrage nach Waren sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland geringer, das heißt ein solches Land importiert auch weniger. In der Summe erzielt ein solches Land also eher Exportüberschüsse – ein Abfluss von Waren und ein Zufluss von Geld. Angebotspolitik stärkt tendenziell den Export und schwächt die Binnenkonjunktur.

Länder mit Nachfragepolitik haben höhere Löhne und dadurch mehr Nachfrage und höhere Produktpreise. Höhere Produktpreise verschlechtern die Konkurrenzfähigkeit, es wird also eher weniger exportiert. Andererseits sorgt die Nachfrage nicht nur für mehr Nachfrage nach einheimischen, sondern auch nach ausländischen Produkten. Nachfrageländer tendieren also eher zu Importüberschüssen – ein Zufluss von Waren, aber ein Abfluss von Geld, der sich in steigenden Schulden ausdrückt (Haushalte, Unternehmen und/oder Staat). Nachfragepolitik schwächt tendenziell den Export und stärkt die Binnenkonjunktur.

Direkte Folgen des Handels
Was passiert also, wenn ein Land mit Angebotspolitik und ein Land mit Nachfragepolitik miteinander Handel treiben? Vermutlich wird das „Angebotsland“ deutlich mehr ins „Nachfrageland“ exportieren als umgekehrt, da seine Produkte billiger sind. Selbstverständlich kann man davon ausgehen, dass in beiden Ländern Produkte hergestellt werden, die es genau so im anderen Land nicht gibt, weswegen Waren in beide Richtungen fließen werden. Aber bei den Produkten, die sich ausreichend ähnlich sind, wird der Kostenvorteil des Angebotslandes dazu führen, dass es bald insgesamt mehr Marktanteile hat als das Nachfrageland. (Diverse Ökonomen mögen mir hier widersprechen und auf das Konzept der „komparativen Kostenvorteile“ verweisen, das ich an anderer Stelle noch erläutern werde. Hier sei nur angemerkt, dass das Konzept allenfalls bei Vollbeschäftigung im Angebotsland wirklich greifen kann.) Zudem kann man davon ausgehen, dass das Nachfrageland pro Einwohner mehr importieren wird, da die Löhne höher sind, das Angebotsland hingegen weniger. Beide Faktoren führen, wie zu vermuten, in der  Summe zu einem Warenzufluss in das Nachfrageland und zu einem Geldabfluss in Richtung Angebotsland. Die Senkung der Löhne im Angebotsland zugunsten niedrigerer Preise, die man auch als Lohndumping bezeichnet, schadet dem Nachfrageland also in zweifacher Hinsicht. Und es zeigt sich noch ein Effekt: Damit in der Summe Waren abfließen können, müssen sie natürlich erst produziert werden, was für mehr Arbeitsplätze im Angebotsland sorgt – die Arbeitslosigkeit dort sinkt. Im Gegensatz dazu finden die Produkte aus dem Nachfrageland weniger Abnehmer, weil sie teilweise durch die billigeren Produkte aus dem Angebotsland verdrängt werden; dadurch muss/kann weniger produziert werden, dadurch gehen Arbeitsplätze verloren – die Arbeitslosigkeit steigt. Das Angebotsland exportiert also nicht nur Waren, sondern auch Arbeitslosigkeit.

Gleiches mit Gleichem
Aber konzentrieren wir uns wieder nur auf Geld und Waren. Durch den andauernden Importüberschuss wird auf die Dauer dem Nachfrageland das Geld knapp werden. Vielleicht kann es durch Innovation genügend neue Produkte entwickeln, die zumindest für eine Weile einzigartig sind, und dadurch doch zu einer ausgeglichenen Bilanz kommen. Wahrscheinlicher ist aber, dass dem Nachfrageland auf Dauer nichts Anderes übrigbleiben wird, als seine Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, indem es die Löhne senkt. Es wird also auch zu einem Angebotsland, erobert sich auf Sicht Marktanteile zurück und kann seine Handelsbilanz wieder ausgleichen. Will es die Schulden (von früheren Importüberschüssen) loswerden, muss es allerdings sogar billiger werden als sein Nachbar, der daraufhin vielleicht selbst mit Lohnsenkungen reagiert. So oder so sinken Lohnniveau und Nachfrage im (einstigen) Nachfrageland – und damit auch die Gesamtnachfrage. Die Summe der Waren, die beide Länder verkaufen können, hat damit abgenommen, und beiden geht es schlechter. Um dieses Problem zu beheben, wird eines der beiden Länder noch konkurrenzfähiger, noch billiger werden wollen und damit die nächste Runde Lohnsenkungen und Nachfrageeinbruch einläuten.

Das gilt natürlich nicht nur für Löhne, sondern für alle möglichen Kostenfaktoren, die politisch beeinflusst werden, wie z.B. Umweltauflagen, Arbeitsplatzvorschriften oder Auflagen für Großprojekte (mehr Bürgerrechte bedeuten meist längere Planungszeiten). Auch hier können sich Länder gegenseitig unterbieten, um Standortvorteile zu erhalten – die aber mit Nachteilen für Umwelt, Arbeitsqualität oder Lebensqualität einhergehen.

Zum Glück gibt es einige Faktoren, die diese Entwicklung bremsen: Wenn die beiden Länder unterschiedliche Währungen haben, kann das Nachfrageland seine Währung abwerten und damit sowohl seine eigenen Produkte günstiger als auch ausländische Produkte teurer machen (was dann das Angebotsland in Schwierigkeiten bringt; mehr zum Thema Wechselkurse in einem anderen Beitrag). Geht das nicht, weil beide Länder Teil einer Währungsunion sind, steht immer noch zu hoffen, dass die Arbeitnehmer im Angebotsland höhere Löhne, bessere Umwelt- und Arbeitsbedingungen etc. fordern und die Handelsbilanzen damit ins Lot bringen. Auch lassen sich Löhne nur gegen massiven Widerstand senken. Aber dennoch wird ohne das Ventil Währungsabwertung der oben beschriebene Mechanismus langsam einsetzen.

Der Tribüneneffekt
Für diesen Mechanismus gibt es unterschiedliche Bezeichnungen. Manchmal spricht man vom „Tribüneneffekt“: Wenn Zuschauer auf einer Tribüne aufstehen, um besser sehen zu können, müssen die hinter ihnen Sitzenden ebenfalls aufstehen, um wenigstens nicht schlechter sehen zu können, bis nach und nach dann alle stehen – und keiner besser sieht, aber es für alle unangenehmer ist. Eine andere Bezeichnung ist der „Race to the bottom“ (wörtl. „Wettrennen zum Boden“): Jeder Handelnde versucht den anderen bezüglich der Löhne weiter zu unterbieten, bis es irgendwann nicht mehr tiefer geht, bis beide am Boden des möglichen Lohnniveaus angekommen sind – und es allen Beteiligten noch einmal schlechter geht. Und wenn einer der Beteiligten die Löhne wieder anhebt, verliert er dadurch nur noch mehr, also ändert keiner von sich aus die Situation (-> sog. Nash-Gleichgewicht). Deswegen kann man in diesem Fall auch von einem Race-to-the-bottom-Problem sprechen – es kann dauerhaft spürbar negative Folgen für die Gesellschaft haben.

In der Spieltheorie, die ja oft auf menschliches Verhalten allgemein und damit auch auf in der Wirtschaft Handelnde anwendbar ist, kennt man als vergleichbare Situation das Gefangenen-Dilemma: Zwei Gefangene werden getrennt verhört. Jeder weiß, dass wenn beide schweigen, jeder mit einem Jahr Gefängnis davonkommt, wenn beide aussagen, werden es für jeden vier Jahre. Wenn aber einer aussagt und der andere schweigt, wird der Aussagende freigelassen und sein Kumpan muss sechs Jahre ins Gefängnis. Obwohl die beste Lösung nur erreichbar ist, wenn beide schweigen, ist es für jeden einzeln betrachtet besser auszusagen (Freispruch statt einem Jahr, wenn der andere schweigt, vier statt sechs Jahren, wenn der andere aussagt). In der Ökonomie ist es im oben beschriebenen Fall ähnlich.

Relevanz
Wieso reite ich so sehr auf einem Fall herum, der nur von Dauer ist, wenn zwei Länder eine gemeinsame Währung haben (was ja nicht so oft vorkommt)? Zum einen erfolgt bei zwei unterschiedlichen Währungen eine Währungsabwertung erst, wenn schon negative Folgen aufgetreten sind. Zum anderen wird bei solch einer Abwertung jeder Import teurer – auch lebenswichtige wie z.B. Öl, was ausgesprochen negative Folgen haben kann. Zum dritten kann die Konkurrenz auch zwischen Landesteilen (Bundesländer, Kantone, Bundesstaaten) auftreten. Und zum vierten ist dieser Mechanismus einer von mehreren Faktoren, die für das Entstehen der Eurokrise verantwortlich sind. Aber dazu in einem anderen Beitrag mehr.

Und um noch einen Beitrag auf die „to do“-Liste zu setzen: Der oben beschriebene Mechanismus läuft auch nur so ab, wenn Freihandel zwischen den Ländern herrscht. Die unterschiedlichen Handelskonzepte und Handel generell stehen natürlich auch irgendwann auf der Tagesordnung.

Und ich dachte, das hier wird nur ein kurzer Eintrag…

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