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13. August 2012 / AL

Produktives und unproduktives Geld

„Sparen ist der vergebliche Versuch, sich an den eigenen spärlichen Einkünften zu bereichern.“
Wolfram Weidner (*1925), dt. Journalist

In den letzten Artikeln habe ich die Behauptung vertreten, dass Lohnsenkungen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage verringern. Auf den ersten Blick klingt das logisch: Weniger Löhne -> weniger Geld -> weniger Nachfrage. Aber so stimmt das natürlich nicht, denn die nicht gezahlten Löhne verschwinden ja nicht, sondern das Geld landet statt bei den Lohnempfänger eben bei den Arbeitgebern. Und einige Ökonomen vertreten die Ansicht, dass alle Einkommen voll nachfragewirksam sind (so sie nicht ohnehin Anhänger des Say’schen Theorems sind) und Lohnkürzungen deswegen nicht unbedingt zu einem Nachfrageeinbruch führen.

Worauf stütze ich meine Behauptung also? Auf eine einfache Beobachtung, die Statistikern schon lange bekannt ist: Je höher jemandes Einkommen, desto höher ist seine Sparquote, d.h. desto höher ist der Prozentsatz seines Einkommens, das er spart. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge hat für 2003 folgende Sparquoten nach Einkommen aufgeschlüsselt ermittelt (es gibt sicher neuere Zahlen, aber ich hab auf die Schnelle keine so gut aufgeschlüsselten gefunden):

Sparquoten: monatliches Haushalts-  nettoeinkommen   in Euro  Sparquote   in % unter 900€  – 11,9   900 – 1300€  – 0,5   1300 – 1500€  0,5  1500 – 2000€   2,4   2000 – 2600€   4,5  2600 – 3600€   9,0   3600 – 5000€   12,9   5000 – 18000€   21,8      Haushalte mit einem Einkommen über 18000 € wurden nicht erfasst

Das entspricht auch der Intuition: Wer ein niedriges Einkommen hat, kann weniger zurücklegen (und wenn er es tut, gibt er es dann wieder für größere Anschaffungen wie z.B. ein Auto aus, wodurch die Sparquote wieder gesenkt wird). Wer sehr viel Geld hat, muss nicht auf viel verzichten, um trotzdem großzügig beiseite legen zu können. Und tatsächlich legen Haushalte der höchsten hier erfassten Einkommengruppe mehr als ein Fünftel ihres monatlichen Einkommens beiseite – und zwar dauerhaft, d.h. ohne von diesem Geld größere Anschaffungen zu tätigen!

Geld, das gespart wird, wird nicht für Konsum und damit nicht für Nachfrage aufgewendet. Wenn ich also durch Lohnsenkungen Geld von unteren Einkommensgruppen (klassischerweise Lohnempfänger) auf obere Einkommensgruppen umverteile, wird automatisch ein größerer Anteil des Geldes gespart und nicht ausgegeben. Hinzu kommt, dass höhere Einkommengruppen das Geld auch spekulativer anlegen (auch dies, weil sie es sich leisten können), was das Geld eher in Richtung Finanzwirtschaft und damit von der Realwirtschaft weglenkt (die Details würden den Rahmen eines Eintrags sprengen und sind daher etwas für zukünftige Artikel).

Kurz und gut, das Geld wird bei höherem Einkommen eher gebunkert. Damit verlässt es aber zumindest teilweise den Kreislauf der Realwirtschaft und ist daher nicht mehr produktiv: Es sorgt nicht für Nachfrage und die daran gekoppelten Investitionen, es fließt auch nicht direkt in realwirtschaftliche Investitionen, es liegt herum und sammelt sozusagen Staub an, anstatt für Wachstum zu sorgen (natürlich sammelt es nicht wirklich Staub an, aber der Finanzsektor abseits des klassischen Kreditgeschäfts legt Geld oft unproduktiv an; auch da würden mir Mainstream-Ökonomen widersprechen, aber dazu ein andermal mehr). Aus diesem Grund sind zu große Einkommensunterschiede volkswirtschaftlich ungünstig. Unterschiede sind zwar ein guter Leistungsanreiz, oberhalb einer gewissen Grenze spielt dieser Effekt aber kaum eine Rolle mehr. Das heißt, es ist volkswirtschaftlich oft sinnvoll, hohe Einkommen durch Steuern zu belasten und sie über soziale Systeme umzuverteilen oder aber sie vom Staat investieren zu lassen. Denn auch der Staat spart das Geld nicht an, sondern gibt es gleich wieder nachfragewirksam aus.

Bislang haben wir vom Einkommen geredet. Wie sieht es mit Vermögen aus? Praktisch genauso – große Vermögen wachsen im Normalfall weiter und schwinden in Deutschland praktisch nur dann, wenn das Vermögen an das wirtschaftliche Schicksal eines Unternehmens gekoppelt ist und das Unternehmen insolvent wird. Beispiele für letzteres sind Karstadt/Quelle und ihre Erbin Madeleine Schickedanz (die bei weitem nicht mittellos ist, aber keine Milliardärin mehr) sowie die Drogeriemarktkette Schlecker. Statistisch gesehen steigen die Geld- und Sachvermögen in Deutschland gerade bei den Wohlhabendsten deutlich an, im Jahr 2011 um sechs Prozent und damit deutlich mehr als das BIP – ein Hinweis auf Vermögenskonzentration an der Spitze. Vermögen in dreistelliger Millionen- oder gar Milliardenhöhe werden realistischerweise nicht mehr konsumiert, und der Staat hält sich mit Zugriffen auf solche Vermögen vornehm zurück: Die Vermögensteuer wurde von der schwarz-gelben Regierung Kohl gleich ganz abgeschafft, als das Bundesverfassungsgericht 1995 die Bevorteilung von Immobilien bei der Berechnung der Vermögensteuer für verfassungswidrig erklärte. Die Erbschaftsteuer kennt in Deutschland zwar hohe Spitzensteuersätze, aber auch viele Umgehungsmöglichkeiten, weswegen aus jährlich ca. 250 Mrd. € Erbschaften (ja, eine Viertelbillion pro Jahr!) nur ca. 4,2 Mrd € Erbschaftsteuer anfallen – ein faktischer Satz von 2 %. Bei diesen Zahlen ist es nicht weiter verwunderlich, dass inzwischen der häufigste Weg, in Deutschland reich zu werden, eine Erbschaft ist.

Ist die Anhäufung von großen Vermögen in Deutschland also ein ökonomisches Problem? Das Datenmaterial weist jedenfalls darauf hin, dass zu viel Geld in Vermögen und zu wenig in die breite Masse der Bevölkerung fließt:
Das BIP stieg in Deutschland von Januar 2000 bis Januar 2012 real (also inflationsbereinigt) um 13%, das reale Vermögens- und Unternehmenseinkommen um 55%, die realen Nettolöhne sanken im gleichen Zeitraum um knapp 2,5%, der private Konsum aller(!) Haushalte (die Reichen also eingeschlossen), stieg im gleichen Zeitraum um 5,9%, also deutlich schwächer als das BIP. Übrigens wirkt sich die schlechte Lohnentwicklung das auch auf die Steuereinnahmen aus: Das reale Lohnsteueraufkommen des deutschen Staates sank zwischen Januar 2000 und Januar 2012 um ca. 15%, das Mehrwertsteueraufkommen stieg real nur um ca. 2% – obwohl die Mehrwertsteuer 2007 von 16% auf 19% (also fast um den Faktor 1,2) angehoben wurde. Ähnliche Folgen hat der stagnierende Lohn auch für Rentenkasse und Krankenversicherung, an die Abgaben in Höhe eines Prozentsatzes des Lohns gezahlt werden. Das wäre jetzt auch noch ein Thema, für das es im Texteditor noch viel Platz gäbe – aber dann stünde der Eintrag jetzt immer noch nicht hier.

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