Skip to content
14. August 2012 / AL

Grenzen des Wachstums?

Ein Hinweis zu Beginn: Dieser Artikel stand zwar schon auf meiner to-do-Liste, ist aber in der Priorität nach oben gerutscht, weil Laura H. in ihrem Kommentar explizit danach gefragt hat. Wenn ihr euch für ein bestimmtes Thema besonders interessiert, fragt einfach – ich versuche, mich danach zu richten, im schlimmsten Fall kommt die Antwort „da wollte ich vorher noch ein paar Grundlagen dazu bringen“.

„Wachstum um des Wachstums willen ist die Ideologie der Krebszelle.“
Edward Abbey (1927-1989), US-amerikanischer Naturforscher, Schriftsteller und Philosoph

Dieses Zitat ist eines von vielen, mit denen die Umweltschutzbewegung oft unser Wirtschaftssystem hinterfragt: Wir zielen ständig auf Wirtschaftswachstum ab, immer weiter – wie soll das auf unserer begrenzten Erde funktionieren? Unbegrenztes Wachstum kann doch nichts anderes als irgendwann einen großen Kollaps herbeiführen, oder? Ja und nein. Es kommt darauf an, was wächst und wie es wächst.

Das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab
Wenn von Wirtschaftswachstum gesprochen wird, bezieht sich das auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das Bruttoinlandsprodukt ist definiert als die Summe aller in einem Land erwirtschafteten Einkommen, egal ob von Inländern oder Ausländern, und umfasst sowohl Löhne und Gehälter als auch Kapitaleinkommen wie z.B. Unternehmensgewinne, Mieteinnahmen, Zinsen oder auch Spekulationsgewinne. Für das BIP ist dabei nur entscheidend, ob Geld von A nach B fließt: Wenn ich im Laden einen Fernseher kaufe und ihn meinem Nachbar zum gleichen Preis weiterverkaufe, steigt das BIP stärker, als wenn mein Nachbar den Fernseher gleich im Laden kauft. Wenn ein Wald niederbrennt, aber für die Brandbekämpfung Geld gezahlt wurde, steigt das BIP, auch wenn die Situation sich verschlechtert hat. Aus solchen Gründen steht das BIP als Maßstab auch immer wieder in der Kritik, ein allgemein anerkannter Ersatz existiert aber bislang nicht, auch wenn verschiedentlich daran gearbeitet wird. Clifford Cobb, ein amerikanischer Entwicklungsaktivist und Autor, hat es einmal sehr schön auf den Punkt gebracht: „Der merkwürdigen Sichtweise des BIP zufolge ist der Held einer Volkswirtschaft ein todkranker Krebspatient, der in einen teuren Scheidungsprozess verstrickt ist.“

Die Aussage verdeutlicht aber auch noch etwas Anderes: Das BIP kommt nicht nur durch Industrieproduktion zustande, sondern auch durch Dienstleistungen. Ingenieure, die Baupläne entwickeln, Programmierer, Anwälte, Ärzte, Journalisten, Verkäufer, Friseure und Taxifahrer – sie alle produzieren zwar keine Waren, aber tragen dennoch zu unserer Lebensqualität, unserem Wohlstand und auch dem BIP bei. Alles, was bezahlt wird, erhöht das BIP – mit der Einschränkung, dass es statistisch erfasst werden muss, weswegen Schwarzarbeit nicht zum BIP dazugerechnet wird bzw. werden kann.

Arten von Wachstum
Das heißt, Wachstum ist nicht notwendigerweise ein stumpfes „mehr von allem“. Diese Art von Wachstum wäre in der Tat sehr problematisch: Wenn jeder einen Zweitwagen, eine eigene Villa und jährlich drei Urlaube in der Südsee haben soll, bedeutet das einen enormen Ressourcenverbrauch. Dagegen ist der Ressorcenverbrauch ausnehmend gering, wenn jeder auf seinem Computer oder Lesegerät den Text von 10.000 Büchern zusätzlich hat – Bücher, die geschrieben und in elektronischer Form verkauft wurden. Ähnlich ist es mit guter Software, die es einem ermöglicht, mehr Arbeit in der gleichen Zeit zu bewältigen und damit mehr Werte zu schaffen, einem intelligenten Bauplan, der bei gleichbleibender Qualität Materialien einspart, einem guten Verkäufer, der unsere Bedürfnisse ermittelt und uns zielstrebig und gut berät, und einem Arzt, dessen Behandlung gut anschlägt. Und auch die Herstellung umweltschonender Stromproduzenten wie Windräder, Türbinen, Solarkollektoren etc. steigert das BIP, selbst wenn dadurch weniger Steinkohle gefördert und verbrannt wird.

Dass dewegen noch lange nicht jedes Wachstum sinnvoll ist, steht außer Frage. Wenn ein Gerätehersteller doppelt so viel produzieren kann, weil seine Geräte nur halb so lange halten, sorgt das zwar für mehr Wachstum, aber nicht für mehr Wohlstand oder Lebensqualität. Dieses Beispiel ist nicht völlig unrealistisch: In den 1920ern vereinbarten die großen Glühbirnen-Hersteller, die Lebenszeit ihres Produkts auf durchschnittlich 1.000 Stunden abzusenken, um mehr Glühbirnen verkaufen zu können. Unsere Produktivität hat sich so sehr gesteigert, dass wir nicht mehr alles konsumieren können, was wir produzieren könnten. Es ist noch nicht einmal fünfzig Jahre her, da mangelte es in Deutschland an Arbeitskräften und es wurden Gastarbeiter angeworben. Heute taucht Vollbeschäftigung fast nur noch in politischen Reden auf und wird von den meisten als Utopie angesehen.
Da unsere Produktionsprozesse immer effizienter werden, unsere Produktivität also immer weiter steigt, muss das BIP immer weiter wachsen, um die gleiche Anzahl an Menschen zu beschäftigen. Wenn weniger Menschen für die gleiche Arbeit benötigt werden, wird der Rest arbeitslos, es sei denn, es finden sich neu geschaffene Arbeitsplätze. Und das müssen eben keine Arbeitsplätze in der Produktion sein, sondern sind vielleicht neue Jobs im Dienstleistungsgewerbe, in dem ja immer wieder neue Berufsbilder entstehen. So haben Entstehung und Aufschwung des Internets eine ganze Branche neu geschaffen, die sich mit dem Erstellen und Betreuen von Websites befasst – und damit auch für mehr Lebensqualität sorgen kann, indem sie sinnvolle Informationen leichter zugänglich macht.

Fazit
Endloses Wachstum durch Produktion ist nicht möglich, aber beim Wachstum durch Innovation ist bislang keine Grenze absehbar. Die Herausforderung gerade in ökologischer Hinsicht besteht darin, die richtige Art Wachstum zu fördern und gleichzeitig die Rohstoff- und Energiekosten für den Produktionsteil immer weiter zu senken. In diesem Bereich haben wir schon beachtliche Fortschritte gemacht: Die Energieproduktivität, also das Verhältnis von geschaffenem BIP pro Primärenergieverbrauch, ist in Deutschland allein von 1990 bis 2010 um fast 40 % gestiegen. Bei der Rohstoffproduktivität lag der Anstieg zwischen 1994 und 2010 bei knapp 47 % – allerdings ist dafür teilweise eine Verfälschung der Statistik durch Importe verantwortlich: Importierte Materialien haben im Normalfall zumindest eine erste Stufe der Veredelung hinter sich, weswegen die gelieferte Materialmenge deutlich geringer ist als die anfangs eingesetzte. Das Statistische Bundesamt geht daher für den Zeitraum zwischen 2000 und 2008 nur von einem echten Rohstoffproduktivitätsplus von 6,9 % aus, während der Wert ohne Berücksichtigung dieses Effekts bei 17,1 % liegt. Die Steigerung in der Rohstoffproduktivität geht vornehmlich auf einen Wandel zu weniger rohstoffintensiven Branchen wie dem Dienstleistungsbereich zurück. Bei der Materialeffizienz geht das Umweltsbundesamt noch von großen Einsparpotentialen aus, bei der Wiederverwertung von Rohstoffen stehen wir den Zahlen nach noch am Anfang: 2006 stammten gerade 4 % des verarbeiteten Materials aus dem Recycling.

Beim Thema Wachstum ergibt sich also ein gemischtes Bild: Prinzipiell ist kontinuierliches Wirtschaftswachstum nach heutigem Kenntnisstand kein Problem, in der Praxis bleibt bei der richtigen Ausgestaltung dieses Wachstums noch jede Menge zu tun. Vor allem dürfte es eine Herausforderung werden, die Geldströme in ausreichendem Maß vom produktiven Sektor in den Dienstleistungssektor zu lenken. Zur Zeit gelingt uns das nicht: In Deutschland gibt es Geldvermögen in Höhe von 7,5 Billionen Euro, wir haben jede Menge potentieller Arbeitskräfte und dringenden Bedarf nach einem besseren Personalschlüssel in der Kranken- und Altenpflege – aber trotzdem schaffen wir nicht mehr Stellen im Pflegebereich, weil dort kein Geld vorhanden ist. Da ist doch was faul im Staate Dänemark 😉

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: