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26. August 2012 / AL

Wie kommen Preise zustande? – Teil 2: Aktien und Rohstoffe

Preis: „Wert plus angemessener Aufschlag für den durch die Forderung eingetretenen Gewissensverschleiß.“
Ambrose Bierce (1842-1914), amerikanischer Schriftsteller und Journalist

Es ist einleuchtend, dass die Preisentwicklung bei Aktien (und anderen Objekte zur Wertanlage und/oder Spekulation) und Rohstoffen eine andere ist als bei Gebrauchsgütern: Der Wert von Aktien und Rohstoffen steckt nicht im Gebrauch der Ware, Verarbeitungsschritte spielen keine oder kaum eine Rolle, außerdem ist der Wiederverkauf leicht möglich, weil der Käufer nicht befürchten muss, dass er den Gegenstand nur noch eingeschränkt benutzen kann. Hinzu kommt, dass ein Ausweichen auf Alternativen schwerer möglich ist (ich kann statt einer Keksmarke eine andere kaufen, aber ich kann Öl nicht einfach durch Kohle ersetzen), ein Rohstoff ist also unverzichtbarer als ein bestimmtes Fertigprodukt. Natürlich sorgen die Förderungs- oder Anbaukosten für einen Mindestpreis, aber oberhalb des Mindestpreises spielen tatsächlich Angebot und Nachfrage die entscheidende Rolle. Außerdem steht den Rohstoffen die „Veredelung“ zu Fertigprodukten noch bevor, der Anstieg eines Rohstoffpreises um 50% sorgt also nicht für einen Preisanstieg beim Endverbraucher um 50% und ist daher leichter zu verkraften. In vieler Hinsicht kommt der Preis tatsächlich nur darauf an, für wie viel Geld die Handelspartner zu kaufen bzw. zu verkaufen bereit sind.

Realwirtschaftlicher Handel
Natürlich werden Aktien und Rohstoffe aus unterschiedlichen Gründen börslich gehandelt: Aktien sind dem ursprünglichen Gedanken nach eine Geldanlage, mit der man über Auszahlungen (Dividenden) an den Gewinnen eines Unternehmens teilhaben kann. Ein Aktienverkauf kommt dann zustande, wenn der Verkäufer flüssiges Geld braucht und der Käufer investieren möchte. Hinter dem Handel mit Rohstoffen an Terminbörsen steckt die realwirtschaftliche, d.h. auf Warenproduktion ausgerichtete Überlegung, das Risiko von Wertschwankungen auszuschalten: Zum Beispiel verkauft ein Bauer den Weizen der nächsten Ernte im Voraus für einen bestimmten Preis pro Menge an einen Großbäcker, wodurch die Einnahme aus dem Verkauf bzw. die Ausgabe für den Weizen einen festen Wert annimmt. Mit diesem Wert können jetzt beide fest planen, ohne Reserven für mögliche Preisschwankungen bilden zu müssen.

Trotz der unterschiedlichen Gründe für den Handel funktioniert die Preisbildung nach dem gleichen Mechanismus: Der Bauer wie der Aktieninhaber wollen möglichst teuer verkaufen und verkaufen nicht unterhalb einer gewissen Schmerzgrenze, Bäcker und Aktienkäufer wollen billig kaufen und kaufen nicht oberhalb ihrer Schmerzgrenze. Der Verkäufer nennt dem Markt ein hohes Angebot, der Käufer ein niedriges; wenn sich kein Handelspartner findet, senkt der Verkäufer den Preis, während der Käufer mehr bietet – bis die Schmerzgrenze erreicht ist oder sich ein Handelspartner findet. Je knapper die gehandelte Ware ist, desto schneller gehen Käufer leer aus, sie müssen also höher bieten, um sicher auf ein Verkaufsangebot zu treffen; ist hingegen viel Ware vorhanden, konkurrieren die Verkäufer um die Kaufangebote, und müssen einen niedrigeren Preis akzeptieren, um sicher einen Käufer zu finden. So weit, so einfach. Zu beachten ist dabei, dass es aus Sicht der Handelnden keinen „richtigen“ oder „tatsächlichen“ Preis gibt: Der Preis ist einfach etwas, worauf sich beide einigen können.

Spekulativer Handel
Jetzt kommt aber ein weiteres, uns allen aus den Nachrichten wohlbekanntes Element dazu: Die Spekulation. Der Spekulant kauft eine Aktie nicht mit dem Ziel, durch Dividenden am Unternehmensgewinn beteiligt zu werden oder den Rohstoff, um ihn zu verbrauchen, sondern weil er glaubt, Aktie/Rohstoff teurer weiterverkaufen zu können. Er kommt als Bieter dazu, was das Verhältnis zwischen Anbietern und Verkäufern verschiebt und dadurch für höhere Preise sorgt. Nun könnte man denken, dass Spekulanten ja in der Summe genausoviel verkaufen wie kaufen und daher keinen großen Einfluss haben sollten. Aber ersten sind Spekulanten eine zusätzliche Gruppe, die zumindest vorübergehend einen Teil der Aktien oder Rohstoffe in ihrem Besitz haben wollen; ergo muss die Gesamtmenge auf mehr Köpfe verteilt werden und das Handelsgut wird deswegen knapper und damit teurer. Und zweitens verkaufen Spekulanten zwar über die Zeit hinweg so viel wie sie kaufen, aber eben nicht in jedem Zeitabschnitt. Der erste Effekt erhöht den Durchschnittspreis, der zweite sorgt für Preisspitzen.

Wenn sich jetzt z.B. die Nachricht verbreitet, dass es politische Spannungen mit einem ölproduzierenden Land gibt, gehen zumindest einige Spekulanten davon aus, dass das Öl knapper und daher teurer werden könnte, und andere Spekulanten wissen, dass solche Spekulanten die Ölnachfrage erhöhen und das Öl damit knapper und teurer werden lassen. Alle gehen also davon aus, dass Öl teurer wird und versuchen, Öl zu erwerben, um vom Preisanstieg zu profitieren. Der Ölpreis steigt, weitere erkennen eine günstige Anlagemöglichkeit und fragen ebenfalls stärker Öl nach, was den Ölpreis weiter treibt. Je stärker der Ölpreis steigt, desto stärker wird aber auch die Motivation, die Kurssteigerung mitzunehmen und durch Verkauf in Geld umzusetzen. Es kommt also mehr und mehr zu Verkäufen, bis irgendwann der Kurs wieder sinkt, was zu noch mehr Verkäufen führt. Irgendwann gilt das Öl wieder als recht billig, weswegen einige Spekulanten es vielleicht wieder kaufen. Selbst wenn nicht, sind die Förderkosten die Untergrenze, unter die der Ölpreis nicht langfristig fallen wird.

Während dieser Preisveränderungen fließt einiges Geld zwischen Spekulanten hin und her, manche gewinnen, manche verlieren, aber die Verbraucher müssen weiterhin Öl kaufen und zahlen deswegen einen Aufpreis, ebenso wie auf Öl angewiesen Produzenten, die dann den Kostenanstieg ganz oder teilweise an den Verbraucher weitergeben. In der Summe fließt bei Rohstoffspekulationen Geld von Produzenten und Endverbrauchern zu Spekulanten, was bei Nahrungsmittelspekulation auch zu Hungersnöten führen kann. (Bei Hungersnöten ist oft genug Nahrung vorhanden, sie ist aber teuer, und viele Menschen können nicht mehr genug Essen zum Überleben kaufen).

Gerade beim von Angebot und Nachfrage bestimmten Handel gilt: Wer die Kauf- und Verkaufgebote abgibt, bestimmt die Preise. Spekulanten sind den Rohstoffproduzenten und den Rohstoffverbrauchern gegenüber vielleicht in der Minderheit, aber auf einem  Markt, auf dem gerade viel Spekulation stattfindet, schließen sie weit häufiger Käufe und Verkäufe ab und haben somit einen großen Anteil am Handelsvolumen. Deswegen bestimmen Spekulanten auf einem solchen Markt auch die Preise.

Aktien
Prinzipiell gelten die gleichen Mechanismen wie bei Rohstoffen auch bei Aktien, die allerdings im Unterschied zu Rohstoffen nicht verbraucht und somit auch nicht hergestellt werden (müssen). Auch bei Aktien kann man von einem faktischen Mindestwert ausgehen, der allerdings abhängig von der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens ist: Wenn man als Aktienbesitzer davon ausgehen kann, eine Dividende von 5 € pro Aktie zu erhalten, wird man die Aktie nur zu einem deutlich höheren Preis als 5 € verkaufen. Gerät das Unternehmen allerdings in ernste Schwierigkeiten, kann der Preis auf fast Null stürzen.

Wie weiter oben erwähnt ist der Gedanke einer Aktie ursprünglich der, dass man einem Unternehmen Geld gegeben hat und ab jetzt an seinem Gewinn beteiligt wird. Inzwischen sind Aktien oft ein Spekulationsobjekt, bei dem man vor allem auf Gewinne durch steigende Kurse und damit einen teureren Verkauf hofft. Entscheidend für den Preis einer Aktie ist also nicht mehr, was sie tatsächlich an Gewinnausschüttungen bieten kann, sondern was man denkt, was andere dafür zu zahlen bereit sind. An dieser Stelle kann auch die Popularität eines Unternehmens eine Rolle spielen: ExxonMobil kann sowohl absolut als auch pro Mitarbeiter einen höheren Umsatz und einen höheren Gewinn als Apple vorweisen, aber Apple ist eben „hip“ und hat nun einen höheren Börsenwert.

Nach diesen Regeln entwickeln sich auch Kurse. Eine Aktie steigt im Wert, wenn viele sie kaufen wollen. Wenn ein Spekulant denkt, dass viele eine Aktie kaufen wollen, versucht er sie dementsprechend auch zu kaufen, um an der Wertsteigerung teilzuhaben. Wenn viele andere Spekulanten dasselbe denken, versuchen sie, die selbe Aktie zu kaufen, die deswegen aufgrund des Kaufinteresses im Wert steigt. Deshalb reicht oft eine unerwartete gute Nachricht über ein Unternehmen, dass Aktien dieses Unternehmens und oft auch ähnlicher Unternehmen steigen. Andere könnten ja denken, dass gute Verkaufszahlen bei VW bedeuten, dass gerade generell viele Autos gekauft werden und dass deswegen auch Opel gute Verkaufszahlen haben könnten – also kauft man selbst Opel-Aktien. Es kommt auf dem Aktienmarkt nicht auf die tatsächlichen Daten eines Unternehmens an, sondern darauf zu erraten, was die meisten anderen tun werden. Unternehmensdaten sind deswegen interessant, weil sie Hinweise auf die Reaktion der anderen Marktteilnehmer geben.

Fazit
Zusammengefasst: Bei Rohstoffen und Aktien als auf Angebot und Nachfrage basierenden Märkten legen entweder Kosten oder realwirtschaftlicher Ertrag einen faktischen Mindestpreis fest. Auf realwirtschaftlichem Handeln basierendes Angebot und Nachfrage sorgt für einen je nach Situation schwankenden („realwirtschaftlichen“) Preis, das Vorhandensein von Spekulanten erhöht das Preisniveau in einem gewissen Maß, Spekulation auf bestimmte Rohstoffe oder Aktien führen zu (evtl. massiven) Preisspitzen, die von realen Entwicklungen oft weitgehend abgekoppelt sind oder sie massiv übertreiben. Zu Aktienmärkten und Spekulation lässt sich noch eine ganze Menge sagen, aber wie üblich verweise ich auf einen zukünftigen Artikel 🙂

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  1. Boris / Aug 1 2016 15:57

    Auf der Hauptseite ist der Link falsch gesetzt, man kommt dort auf Teil 1.
    [Antwort: Danke für den Hinweis! Wurde korrigiert.]

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