Skip to content
4. September 2012 / AL

Exkurs: Preisbildung an der Warenterminbörse

„Wenn zwei Leute über die Zukunft unterschiedlicher Meinung sind, kann theoretisch jeder Recht behalten. Da empfiehlt sich der Abschluß einer Wette.“
Otto Schlecht (*1925), dt. Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium

Im letzten Eintrag habe ich mich über die Preisentstehung an der Warenterminbörse ausgelassen, bin aber nicht weiter ins Detail gegangen. Das möchte ich an dieser Stelle nachholen – zum einen um der besseren Anschaulichkeit willen, wie die Preise für zukünftiges Getreide (und andere Rohstoffe) die Preise heute beeinflussen, und zum anderen, weil ich inzwischen erfahren habe, dass selbst namhafte Ökonomen wie Paul Krugman auf den Trugschluss hereingefallen sind, Spekulanten oder Anleger könnten die Preise nicht treiben.

Der Einfluss der Anleger und Spekulanten
Der Trugschluss lautet wie folgt: Anleger und Spekulanten verbrauchen kein Getreide, verändern also nicht das Angebot (die Getriedemenge am Markt bleibt gleich). An der Warenterminbörse wird außerdem nur mit Futures gehandelt, also mit Kauf- und Verkaufverpflichtungen für einen bestimmten Zeitpunkt. Werden die Futures fällig, müssen die Anleger und Spekulanten ihre Kaufkontrakte „glattziehen“, also durch Verkaufskontrakte im gleichen Umfang ausgleichen, weil sie das Getreide ja nicht wirklich haben wollen. Dadurch verkaufen sie letzten Endes genauso viel, wie sie kaufen, also verändern sie die Nachfrage nicht. Wenn sie aber weder Angebot noch Nachfrage verändern, haben sie keinen Einfluss auf den Preis, richtig?

Falsch. Anleger und Spekulanten verändern die Nachfrage eben doch, und zwar, weil sie nicht zum gleichen Zeitpunkt die gleichen Kauf- und Verkaufkontrakte abschließen, sondern für unterschiedliche Endtermine.
Ein Beispiel: Anleger Anton will Geld in Getreide anlegen, um Inflationsverluste zu vermeiden (Getreide wird ja immer gekauft und verliert also nicht so leicht an Wert). Wahrscheinlich ist Anton keine Einzelperson, sondern Manager eines Pensionsfonds oder einer Versicherung und muss Geld eben irgendwo anlegen. Die Anlage soll eine längere Zeit laufen, also gibt er an der Börse ein Kaufangebot mit Fälligkeit in zwei Jahren ab. Der Computer der Börse sucht nach einem passenden Verkaufsangebot, findet eines von Vera und führt beide Angebote zusammen – aus den Angeboten werden in dem Moment bindende Kontrakte. Anton muss also in zwei Jahren Getreide zum entsprechenden Preis kaufen oder sein Kaufgebot in zwei Jahren mit einem Verkaufgebot ausgleichen. Umgekehrt muss Vera das Getreide in zwei Jahren zum vereinbarten Preis verkaufen oder mit Kaufgeboten ausgleichen.
Ausgleichen bzw. Glattziehen heißt konkret, dass der Marktteilnehmer zum Fälligkeitsdatum kein Getreide kauft oder verkauft, sondern seine Positionen mit Kauf- und Verkaufgeboten zum aktuellen Marktpreis ausgleicht und damit den Unterschied zwischen Gebot und Marktpreis als Gewinn (bei einem Verkaufgebot über oder einem Kaufgebot unter dem Marktpreis) oder Verlust (Verkaufspreis niedriger oder Kaufpreis höher) realisiert wird.

Wenn viele Anleger langfristige Kaufgebote abgeben, steigt natürlich das Risiko für die Verkäufer, die entsprechend viele Verkaufgebote machen – sie müssen entweder Weizen liefern können oder mit dem Risiko leben, dass sie ihre Verkaufgebote zum Stichtag mit Kaufgeboten zu einem hohen Marktpreis ausgleichen müssen und daher Verlust machen. Je mehr Kaufgebote vorhanden sind (bzw. akzeptiert wurden), desto höher ist Wahrscheinlichkeit, dass man nicht Weizen liefern kann, sondern zum ungewissen zukünftigen Marktpreis glattziehen muss. Ein zu niedrig angesetzter Verkaufspreis bringt in diesem Fall Verluste mit sich – die um so höher ausfallen, je mehr Verkaufsverpflichtungen man eingegangen ist. Also geht man dieses Risiko nur ein, wenn die Käufer höhere Preise zahlen und damit Kauf- und Verkaufverpflichtungen auf höhere Preise abgeschlossen werden. Auf diese Art treiben die Kaufgebote den Preis für den entsprechenden Fälligkeitstermin.

Kurz- und langfristige Preise
Das aber hat auch Auswirkungen auf die anderen Preise. Denn wenn der Weizenpreis für März niedriger ist als der für Mai, lagert der Verkäufer seinen Weizen lieber zwei Monate länger und zieht die Verkaufsposition glatt, als den Weizen zum niedrigeren Preis zu verkaufen. Vielleicht muss er den Weizen nicht einmal die zwei Monate lagern, sondern kann ihn innerhalb weniger Tage am Kassamarkt (an dem direkt und nicht zu künftigen Stichtagen ge- und verkauft wird) zum höheren Preis verkaufen, weil der Weizen von Endverbrauchern wie Bäckereien etc. jetzt gebraucht wird. Der kurzfristige Preis orientiert sich also am längerfristigen – und da Anleger in der Regel längerfristige Kontrakte abschließen, treiben sie mit den länger- auch die kurzfristigen Preise. Das gilt natürlich nicht nur für Weizen, sondern für alle Rohstoffe. Da Rohstoffe seit einiger Zeit als Geldanlage genutzt werden und die Anlagezertifikate häufig eine breites Spektrum an Rohstoffen abdecken, haben sich die Preisentwicklungen deutlich angenähert; und außerdem sind die Rohstoffpreise weniger stabil und vorhersehbar geworden – was ironischerweise das Ziel der stabilen Geldanlage konterkariert. Ökonomie bietet eben doch einiges an (versteckter) Komik.

Links

Foodwatch-Report „Die Hungermacher“ mit ausführlicher Erläuterung der Terminmärkte und der Preisbildung

UNCTAD-Studie „Price formation in financialized commodity markets“

Advertisements
  1. Felix / Nov 7 2012 11:46

    Ist das Blog tot oder kommt noch etwas? Ich fand die Texte recht gut geschrieben – wär schade, wenn schon nach den ersten paar Einträgen Schluß wär.

    • AL / Nov 8 2012 19:21

      Danke für den Kommentar und das Lob! Ich hab das Blog ruhen lassen, weil ich mit anderen Dingen ziemlich beschäftigt war und einfach nicht die Motivation aufbringen konnte, zusätzlich noch hier was zu tun. Die Pause hat länger gedauert als geplant, aber neue Texte sind geschrieben und werden ab diesem Wochenende wieder eingestellt; parallel möchte ich die alten Texte noch ein bisschen überarbeiten, um auf konstruktive Kritik einzugehen, die ich bekommen habe.
      Also nein, das Blog ist nur scheintot, und die Reanimation läuft (und hat grade nen Motivationsschub erhalten *g*).

      • Felix / Nov 12 2012 09:31

        Das freut mich. Dann wünsch ich viel Spaß beim Schreiben 🙂

  2. T.N. / Feb 24 2013 20:56

    Bin immer wieder froh, über die Links von den NachDenkSeiten auf neue, interessante Blogs zu stoßen, vor allem, wenn sie vertiefende Informationen und Einblicke vermitteln. Also hier werde ich mich häufiger blicken lassen…;)

    • AL / Feb 25 2013 09:59

      Vielen Dank, das freut mich natürlich sehr 🙂 Mir geht es übrigens genauso – auf die meisten interessanten Blogs oder Websites, die ich heute verfolge, bin ich über die NachDenkSeiten gestoßen. Viele Artikel, durch die ich Grundlagen zum Thema Wirtschaft gelernt habe, waren Hinweise des Tages oder stammten von genau solchen Blogs und Websites. Ohne die NachDenkSeiten hätte ich vermutlich nie mit dem Blog hier angefangen.

  3. Andreas Schulz / Mai 7 2013 16:40

    Ich kann die Argumentation im vorletzten Abschnitt nicht ganz nachvollziehen.“Je mehr Kaufgebote vorhanden sind, desto höher ist Wahrscheinlichkeit, dass man nicht Weizen liefern kann, sondern zum ungewissen zukünftigen Marktpreis glattziehen muss“. Heißt das, dass allein wegen der größeren Nachfrage die Preise steigen, weil die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man theoretisch die physikalische Menge Getreide gegeben der Nachfrage nicht liefern könne?
    Vielen Dank für eine Antwort.

    • AL / Mai 10 2013 14:42

      Vielen Dank für die Frage und Entschuldigung, dass die Antwort so lange gedauert hat. Ich habe gerade festgestellt, dass GMX die Hinweismails auf eingegangene Kommentare inzwischen als Spam einordnet.

      Zur Frage: Mehr oder weniger ja, wobei man im Auge behalten muss, dass die höhere Nachfrage durch die Anleger nicht mehr Nachfrage nach physischem Weizen ist, sondern Nachfrage nach Weizenkontrakten, in denen Geld angelegt wird. (Wer den Weizen als Geldanlage nutzt, will ihn ja nicht verbrauchen.) Es werden insgesamt viel mehr Gebote abgegeben, als es Weizen gibt, und auch viel mehr Gebote angenommen. Der Verkäufer weiß genau, dass er so viel Weizen nicht liefern kann und viele Käufer auch gar keinen Weizen wollen, sondern nur Geld anlegen. Er akzeptiert die vielen überschüssigen Kaufgebote nur, wenn er ebenfalls spekulieren will – und dann akzeptiert er eben nur zu höheren Preisen, um sein Verlustrisiko zu verringern und gleichzeitig für das eingegangene Risiko besser entlohnt zu werden.
      Also: Ja, allein der größeren Nachfrage wegen steigen die Preise. Und sie steigen, weil der Verkäufer mehr wird glattziehen müssen und damit das Risiko für ihn steigt.
      Wenn diese Antwort etwas unklar gelassen hat, einfach danach fragen, dann bemühe ich mich um eine bessere Antwort 🙂

Trackbacks

  1. Hinweise des Tages II | NachDenkSeiten – Die kritische Website

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: