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12. November 2012 / AL

Schreckgespenst Inflation – Teil 1: Wen trifft die Inflation?

Vorbemerkung: Ja, das Blog wird reanimiert 🙂 Die Pause sollte eigentlich nie so lang werden, aber so ist das mit Vorsätzen… In der nächsten Zeit werde ich einige der alten Artikel leicht überarbeiten, aber zumindest wöchentlich was Neues posten.

„Inflation: Die Methode, einen Geldschein zu halbieren, ohne das Papier zu verletzen.“
Anonym

Was Inflation ist, kann praktisch jeder Normalbürger auf Anhieb beantworten: Inflation ist, wenn „die Preise steigen“ bzw. „das Geld weniger wert wird“ – also, wenn Waren mehr Geld kosten als in einem früheren Vergleichszeitraum, und man dementsprechend für gleich viel Geld weniger Waren bekommt. Demnach sollte klar sein, wen die Inflation trifft: Die Besitzer von Geld, ob in bar oder auf einem Konto, sind die Verlierer der Inflation und die Besitzer von Waren die Gewinner. Im Prinzip ist das richtig, aber der Teufel steckt im Detail und oft auch darin, wie Inflation gemessen wird.

Wie bestimmt man Inflation?
Denn natürlich hängt es von der einzelnen Ware ab, ob und wie viel weniger von ihr man für das gleiche Geld bekommt – nicht alle Warenpreise steigen gleich stark, manche sinken sogar trotz höherem allgemeinem Preisniveau. Um die durchschnittliche Preissteigerung so zu bestimmen, dass sie die Lebensrealität der Menschen abbildet, stellt das Statistische Bundesamt einen Warenkorb zusammen, in dem sich nach Menge gewichtet all das befindet, was Otto Normalbürger im Durchschnitt einkauft. In Deutschland umfasst dieser Warenkorb ca. 750 Güter und Dienstleistungen, deren Preis in ca. 40.000 Supermärkten, Läden und Dienstleistungsbüros abgefragt wird. So weit, so trivial.

Ebenso trivial ist die Feststellung, dass es den Durchschnittsbürger mit dem Durchschnittswarenkorb so nicht gibt. Menschen mit hohem Einkommen geben vergleichsweise viel für Reisen und Luxusgüter aus, Menschen mit niedrigem Einkommen wenden den Großteil ihres Budgets für Lebensmittel, Miete und Strom auf. Entsprechend trifft es ärmere Menschen hart, wenn die Preise für diese Dinge stark steigen, während sie von höheren Preisen für edle Uhren, Maßanzüge oder Plasmafernseher weniger betroffen sind.

Zudem nimmt man die Inflation unterschiedlicher Güter auch unterschiedlich wahr. Die meisten erinnern sich vermutlich noch gut an die Debatte um den „Teuro“, die im Zuge der Eurokrise manchmal wieder aufflammt. Damals klagten viele Bürger über stark steigende Preise für Alltagsbedarf, während Statistiker dagegenhielten, dass die von ihnen gemessene Inflationsrate kaum gestiegen sei, und erklärten, es handele sich nur um eine „gefühlte Inflation“. Viele vergaßen allerdings zu erwähnen, dass die sogenannte gefühlte Inflation oft etwas sehr Reales ist, nämlich das, was man beim alltäglichen Einkaufen wahrnimmt. Wenn mein üblicher Wocheneinkauf auf einmal 5% teurer wird und ich für manche Waren 15% mehr bezahlen muss, ist das eine Inflation, die ich bei jedem Griff in meinen Geldbeutel direkt wahrnehme. Andererseits bemerke ich es nur am Rande, wenn gleichzeitig Mieten und Strompreise gleich bleiben und die Inflation dadurch im Durchschnitt niedriger ist.

Statistische Zerrbilder?
Lustig wird das Thema in dem Moment, in dem die diversen statistischen Spezialitäten dazukommen. Die erste davon ist die sogenannte Kerninflation, die zuweilen als echte oder maßgebliche Inflationsrate bezeichnet wird.  Während die Inflationsdaten des Statistischen Bundesamtes die Preise über das Jahr hinweg mitteln und dadurch die üblichen stärkeren Preisschwankungen bei Lebensmitteln oder Energie (Strom, Sprit etc.) glätten, entfernt die Kerninflation diese Güter, die vergleichsweise oft importiert werden, einfach aus der Berechnung. Das Ergebnis sind weniger schwankende Zahlen, die den Preisanstieg von im Inland hergestellten Gütern besser abbilden, dafür aber die Lebensrealität gerade der ärmeren Bevölkerung schlechter wiedergeben. Die Kerninflation ist nützlich und wichtig für die Geldpolitik, weil sie anzeigt, ob sich die Inflation tendenziell verstärkt oder abschwächt; eine geeignete Kenngröße für Inflation im Alltag der Bürger ist sie nicht.

Die zweite wesentliche Spezialität ist die sogenannte hedonische Berechnung, die den Qualitätsanstieg der Güter berücksichtigen soll. Wenn beispielweise ein PC doppelt so leistungsstark ist wie das im Vorjahr verkaufte Modell, aber gleich viel kostet, hat sich gemäß hedonischer Berechnung der Preis halbiert, da man für die gleiche Rechenleistung nur halb so viel bezahlen muss. Ähnlich verhält sich die Berechnung für größere Bildschirme/Fernseher oder solche mit besserer Auflösung. Da sich die Qualität technischer Produkte in der Regel deutlich stärker erhöht als der Preis, sinkt bei Anwendung der hedonischen Methode die statistische Inflation. Allerdings berücksichtigt die hedonische Methode nicht, dass im Lauf der Zeit schnellere Rechner für die jeweils übliche Software benötigt werden. Außerdem hat eine Person, deren Gehalt nur noch um die hedonische Inflationsrate steigt, keinen Anschluss mehr an die Verbesserung der Lebensqualität durch technischen Fortschritt. Und manche Produkte sind auch nicht mehr in früherer Form verfügbar – zum Beispiel Autos ohne ABS und Airbag.

Interessanterweise wird die hedonische Berechnung in den USA, Großbritannien und einigen weiteren Ländern auch für die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts herangezogen, woraus auf dem Papier ein höheres Wirtschaftswachstum resultiert. In den USA werden auch für die Berechnung der Inflation noch weitere statistische Methoden herangezogen, namentlich die Substitution und die Gewichtung. Substitution heißt hier, dass bei einem starken Preisanstieg eines teureren Produkts wie z.B. frischem Obst davon ausgegangen wird, dass es durch etwas Billigeres, z.B. Dosenobst, ersetzt wird. Damit weicht man natürlich klar davon ab, die tatsächliche Inflation zu berechnen, sondern stützt sich auf Lebenshaltungskosten – freilich unter der abstrusen Voraussetzung, dass die Qualität der gekauften Waren keine Rolle spielt (vielleicht sollte man von Überlebenskosten sprechen). Gewichtung bedeutet, dass Güter und Dienstleistungen, deren Preis besonders stark steigt, weniger stark in die Berechnung einfließen, weil man davon ausgeht, dass sie weniger gekauft werden. Das mag angehen, wenn es bedeutet, dass ich etwas seltener zum Friseur gehe – allerdings wird diese Methode auch auf den Anstieg der Gesundheitskosten angewendet. Fazit: Wachstums- und Inflationsangaben aus unterschiedlichen Ländern sind nicht immer miteinander vergleichbar.

Inflation von Einkünften
Aber jetzt bin ich ziemlich vom Thema abgeschweift (und habe dafür Informationen untergebracht, die ich wichtig finde und die jetzt nicht mehr in den nächsten Artikel müssen 😉 ). Zunächst einmal trifft Inflation sowohl den Wert des Geldes das ich habe, als auch den Wert des Geldes, das ich erhalte. Bei den Löhnen kann man als Arbeitnehmer einen Inflationsausgleich fordern, aber ob der sich durchsetzen lässt, hängt vor allem von der Stärke der eigenen Verhandlungsposition ab. Bezieher hoher Arbeitseinkommen sind tendenziell eher in einer Machtposition und können Einkommensverluste abwenden. Eine schlecht organisierte und damit machtpolitisch schwache Arbeitnehmerschaft leidet eher unter Inflation. Am härtesten betroffen sind Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz leicht verlieren können, also gerade Menschen in Teilzeitarbeit und prekären Jobverhältnissen. Ihre Situation hängt stark vom Willen der Politik ab, Mindeststandards zu erlassen und auch durchzusetzen.

Auch Rentner und auf Sozialleistungen angewiesene Menschen müssen hoffen, dass die Politik für eine entsprechende Anpassung der Leistungen sorgt. Vor diesem Hintergrund ist die oft gehörte Warnung von Befürwortern der Geldwertstabilität, dass Rentner von der Inflation besonders hart betroffen seien, heuchlerisch – ob Rentner von der Inflation betroffen sind oder nicht, liegt allein in den Händen der Politik. Rentner und Bezieher staatlicher Leistungen sind also nicht per se in einer schlimmen Situation, aber relativ machtlos.

Inflation von Besitz
Für Eigentümer von Sachwerten wie Immobilien, Edelmetallen, Unternehmensbeteiligungen etc. ist die Inflation zunächst unproblematisch, sie kann allenfalls den Wert mancher Anlagen stärken oder schwächen. Nachteilig ist die Inflation vor allem für den Eigentümer von Geld und von Forderungen, also für Kreditgeber, wohingegen sie für Schuldner vorteilhaft ist: Der Wert ihrer Schulden sinkt, nicht aber der Wert ihrer erworbenen Güter. Dadurch sinkt die Verschuldung, was höhere Ausgaben für Investitionen ermöglicht. Moderate Inflation macht außerdem das Sparen von Geld zu einem schlechten Geschäft und sorgt dadurch generell für mehr Konsum und mehr Investitionen.

Der Effekt kehrt sich bei einer höheren Inflation allerdings wieder um, denn mit der Inflation steigen auch die Zinssätze. Schulden zu einem festen Zinssatz aufzunehmen wird dann ungünstig, weil der hohe Zinssatz auch dann erhalten bleibt, wenn die Inflation wieder zurückgeht. Schulden zu inflationsabhängigen Zinsen wiederum verschlechtern die Planbarkeit und machen schuldenfinanzierte Investitionen damit riskanter – weswegen weniger investiert wird. Vor allem macht eine hohe Inflation aber das Vermeiden von Inflationskosten zu einer wichtigeren und lohnenderen Aufgabe und lenkt damit von produktiver Arbeit ab.

Inflation trifft also nicht generell die kleinen Leute, sondern sie trifft zum einen Einkommensbezieher in schwacher Verhandlungspostion und ohne politische Unterstützer (bei Einkünften) und zum anderen Kreditgeber aller Art (beim Besitz). Bei entsprechendem politischem Willen können die Einkommensbezieher vor Schaden geschützt werden, wenn man z.B. Mindestlöhne festlegt und mit der Inflation erhöht oder Renten und Sozialleistungen im Gleichschritt mit der Inflation steigen lässt. Ein Naturgesetz, für welche Bevölkerungsgruppe Inflation schädlich ist, gibt es entgegen aller politischen Beteuerungen nicht.

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