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21. November 2012 / AL

Schreckgespenst Inflation – Teil 2: Wie entsteht Inflation?

„Aufgrund seiner Geschichte fürchtet Deutschland sich mehr vor der Inflation als vor der Rezession. Im Rest der Welt ist das genau umgekehrt.“
George Soros (1930*), ungarisch-amerikanischer Spekulant u. Multimilliardär

Seit 2008 befinden wir uns in einer eigenartigen Situation: Gebetsmühlenartig warnen vor allem konservative Politiker, Mainstream-Ökonomen, die Vertreter der Bundesbank und ein Großteil der Medien vor einem drohenden Anstieg der Inflation – allein er will nicht kommen. Wieso erschallen trotzdem immer wieder Warnungen? Und wieso sieht eine frisch veröffentlichte Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) eher die Gefahr, dass es in Europa zu einer Deflation kommt – also dem genauen Gegenteil einer Inflation? Wann und wodurch kommt es überhaupt zu einer Inflation?

Die Standarderklärung und ihre Fehler
Die Antwort der Mainstream-Ökonomen lautet: Inflation entsteht dann, wenn die Geldmenge stärker steigt als die Menge der angebotenen Waren. Vereinfacht gesagt: Bleibt z.B. die Warenproduktion konstant und die Geldmenge steigt um 10%, steigen auch die Preise um 10%. Eine zu hohe Inflation liegt daran, dass die Zentralbank zu viel neues Geld in Umlauf gebracht hat, zum Beispiel indem sie mit aus dem Nichts geschaffenem Geld Staatsanleihen gekauft hat – was umgangssprachlich als „Geld drucken“ bezeichnet wird. Oder wie der von Mainstream-Ökonomen hochgeschätzte Milton Friedman es ausdrückte: „Inflation ist immer und überall ein monetäres (also von der Geldmenge herrührendes) Problem.“ Und weil die Zentralbanken seit 2008 zur Bekämpfung der Finanzkrise viel Geld geschaffen haben, droht laut dieser Sichtweise eine höhere Inflation.

Allerdings enthält diese auf den ersten Blick schlüssige Argumentation versteckte – und falsche – Annahmen und ist dadurch löchriger als ein Schweizer Käse. Zunächst einmal wird davon ausgegangen, dass die im Umlauf befindliche Geldmenge willentlich gesteuert werden könnte, weil die Zentralbank einen wesentlichen Einfluss darauf hätte – was ein schwerer Irrtum ist. Die nächste Annahme ist, dass das zusätzliche Geld im gleichen Maß für Konsum verfügbar und demnach genau so verteilt ist wie das schon länger vorhandene – dass also, wenn doppelt so viel Geld im Umlauf ist, jeder doppelt so viel Geld hat und auch doppelt so viel ausgibt. Das ist offensichtlicher Unsinn, denn das Geld wird ja nicht in Umlauf gebracht, indem der Kontostand jedes Bürgers erhöht wird, sondern indem die Banken mehr Giralgeld in Form von Krediten in Umlauf bringen können – falls genügend Eigenkapital vorhanden ist.

Vor allem aber lässt sich der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation nicht aus historischen Daten belegen. So hat sich seit 2000 die im Umlauf befindliche Geldmenge in den USA wie auch in der Eurozone verdoppelt, was einer jährlichen Geldmengensteigerung von ca. 6% entspricht. Die durchschnittliche Inflation lag in beiden Währungsräumen in diesem Zeitraum bei weniger als der Hälfte. Und auch die Zahlen der EU-Statistikbehörde Eurostat zeigen für den Zeitraum zwischen 1999 und 2011 keinen sichtbaren Zusammenhang zwischen der Geldmenge und der Inflationsrate. Mainstream-Ökonomen verweisen da unter Umständen auf die „Umlaufgeschwindigkeit des Geldes“, die aber lediglich ein Korrekturfaktor in einer Formel ist und in keiner praktikablen Weise empirisch bestimmt wird oder werden kann. Die Umlaufgeschwindigkeit als Kenngröße ist somit ökonomisches Voodoo oder kürzer gesagt: Bullshit.

Ergänzung: Aksel hat in seinem Kommentar darauf hingewiesen, dass ich keine Aussage zur Warenmenge gemacht habe – und hat damit völlig Recht. Die in einem Land im Umlauf befindliche Warenmenge (und vor allem ihr Wert) dürfte nicht ganz einfach zu ermitteln sein und greift außerdem zu kurz, da ja auch Dienstleistungen gehandelt werden. Am ehesten kann man noch auf das BIP zurückgreifen, das im entsprechenden Zeitraum im Durchschnitt um 1,4% (USA) bzw. 0,5% (Eurozone) pro Jahr wuchs. Angesichts der um im Durchschnitt 6% pro Jahr gewachsenen Geldmenge müsste man nach der Standarderklärung eine jährliche Inflationsrate von ca. 4,5% (USA) bzw. 5,5% (Eurozone) erwarten – etwa das Doppelte der tatsächlichen Werte. Und die oben verlinkten Eurostat-Zahlen müssten selbst unter Berücksichtigung des BIP eine stärkere Korrelation zeigen, wenn die Inflation durch Geldmengenwachstum verursacht würde.

Mögliche Ursachen einer Inflation
Woher kommt Inflation dann wirklich? Die Antwort ist recht einfach: Inflation heißt steigende Preise. Von der Entstehung der Preise hatten wir es in diesem Blog schon einmal: Bei (Alltags)-Gütern sind die Herstellungkosten der entscheidende Faktor, bei Rohstoffen und Wertanlagen ist es das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Für die Herstellung von Gütern braucht man:
– Rohmaterialien -> Rohstoffe
– Arbeitskraft -> Löhne
– Produktionsmittel wie z.B. Maschinen; Maschinen müssen gewartet (-> Rohmaterialien und Löhne) oder neu hergestellt werden (-> Herstellung von Gütern)
– Energie, um Maschinen zu betreiben -> Strom, Erdöl- oder Erdgasprodukte -> Strom und Rohstoffe
– Transport der Rohmaterialien oder der fertigen Waren -> Arbeitskraft und Energie -> Löhne, Strom und Rohstoffe
– evtl. Läden, in denen die Güter verkauft werden -> Ladenmiete, Arbeitskraft und Energie -> Kapitalkosten, Löhne, Rohstoffe
– eventuell musste Investitionen über Schulden finanziert werden, die mit Zinsen zurückgezahlt werden müssen -> Kapitalkosten
– der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch höhere Konsumsteuern wie z.B. eine höhere Mehrwertsteuer die Preise erhöhen kann und damit auch für Inflation sorgt

Die Kapitalkosten ändern sich in der Regel kaum oder gar nicht, weil Schulden meist zu festen Zinsen aufgenommen wurden und einkalkuliert sind und Ladenmieten vielleicht an einzelnen Standorten deutlich steigen, aber nicht überall. Damit lassen sich die Kosten also zurückführen auf Rohstoffe, Löhne und Strom. Daraus ergeben sich folgende mögliche Ursachen für die Inflation bei Alltagsgütern:

– Steigende Rohstoffpreise: Rohstoffpreise können steigen durch höhere Nachfrage oder sinkendes Angebot, durch Spekulation oder durch höhere Förderungskosten. Die Förderungskosten steigen z.B., wenn leicht abbaubare Vorräte erschöpft sind und neue Vorkommen erschlossen werden müssen, die aufwändiger abzubauen sind.

– Strom: Strompreise steigen durch höhere Rohstoffkosten, den Umstieg auf teurere Methoden der Stromerzeugung oder höhere Betriebskosten entsprechenden Anlagen.

– Steigende Steuern auf Zwischen- oder Endprodukte

– Löhne: Löhne sind Teil der Kosten, höhere Löhne bringen daher oft höhere Preise mit sich. Im Normalfall steigt die Produktivität einer Volkswirtschaft von Jahr zu Jahr, d.h. mit weniger Einsatz von Rohstoffen, Energie oder Arbeitszeit kann die gleiche Menge produziert werden kann. Damit können die Löhne im gleichen Maß steigen wie die Produktivität, ohne zur Inflation beizutragen. Sind die Lohnsteigerungen höher (meist wird zumindest ein Ausgleich der Inflation seit der letzten Lohnerhöhung verlangt), steigen auch die Preise. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Lohn-Preis-Spirale, da höhere Lohnsteigerungen zu höherer Inflation und damit wieder zu höheren Lohnsteigerungen (als Inflationsausgleich) führen. Allerdings steigt der Preis natürlich nicht so stark wie der Lohn, da die Löhne nur einen Teil der Kosten ausmachen. Löhne sind auch ein Teil der Kosten für Rohstoffförderung und Stromerzeugung, wenn auch selten für den vollen Anstieg der Strom- und Rohstoffkosten verantwortlich. Dadurch hat die Höhe der Löhne von den hier genannten Faktoren meist den stärksten Einfluss auf die Inflationsrate.

Löhne steigen stärker bei niedriger Arbeitslosigkeit und starker Nachfrage nach Arbeitskräften, Rohstoffpreise bei größerer Nachfrage infolge höherer Produktion. Damit kann man zusammenfassend sagen, dass Inflation eher bei starkem Wirtschaftswachstum auftritt.

Weitere mögliche Ursachen
Ein anderer Grund kann natürlich auch der Versuch des Herstellers sein, einen höheren Gewinn zu erzielen. Das tritt meistens auf, wenn ein Monopol oder (deutlich häufiger) ein Oligopol(mehrere zusammen marktbeherrschende Unternehmen) vorliegt.

Wird die Inflation nicht von der Wirtschaft im Inland verursacht, spricht man in importierter Inflation. Die eine mögliche Ursache dafür ist ein Preisanstieg bei schwer ersetzbaren importierten Fertigwaren oder Rohstoffen, wie zum Beispiel während der Ölkrise 1973, als sich der Rohölpreis innerhalb eines Jahres vervierfachte. Die andere Möglichkeit ist eine Abwertung der Landeswährung, die importierte Produkte generell verteuert; die Teuerung tritt aber erst nach einiger Zeit auf, da kurz- und mittelfristig Geschäfte meist gegen Wechselkursrisiken abgesichert werden.

Andere Gründe für eine Inflation sind selten. Prinzipiell kann das Preisniveau auch steigen, wenn es auf einmal deutlich weniger Waren zu kaufen gibt oder die Nachfrage so stark ansteigt, dass nicht genug produziert werden kann, um sie zu decken. Ein Preisanstieg durch Angebotseinbrüche ließ sich z.B. ab Herbst 2011 bei Festplatten beobachten, als durch die Flutkatastrophe in Thailand die Fabriken großer Hersteller lahmgelegt wurden. Ein gut belegtes Beispiel für eine echte Nachfrageinflation habe ich mit einer gut halbstündigen Google-Suche nicht finden können, wobei sich der Mechanismus sehr schön bei vorübergehenden Preissteigerungen beobachten lässt, z.B. bei den Preisen für rote Rosen um den Valentinstag herum.
Erwähnenswert ist an dieser Stelle noch der Begriff der Vermögenspreisinflation: Hier steigen nicht die Preise von Waren, sondern von Vermögensanlagen wie Aktien oder Immobilien. Dieser Anstieg ist aber oft nicht dauerhaft; Vermögensanlagen sind in der Regel Spekulationsobjekte, deren Preis nach einer Hochphase meistens wieder sinkt. Ist die Hochphase sehr stark ausgeprägt, spricht man von einer Spekulationsblase, die nach einer gewissen Zeit spektakulär wieder platzt: Von der Tulpenmanie 1636/37 bis zur Dotcom-Blase 2000 und der Subprime-Krise 2007 gibt es eine Vielzahl an Beispielen für Vermögenspreisinflationen, die ein abruptes Ende gefunden haben. Daher halte ich den Begriff Preisschwankungen hier für zutreffender als den Begriff Inflation.

Inflationsgefahr in Deutschland?
Und wie steht es jetzt mit der Inflation bei uns in Deutschland? Die inflationsbereinigten (= realen) Tariflöhne steigen nur schwach, nachdem sie das letzte Jahrzehnt schon stagnierten oder sogar rückläufig waren; die außertariflichen Löhne entwickeln sich noch schwächer als die tariflichen. Die Strompreise steigen für Unternehmen deutlich schwächer als für Endverbraucher, weil Unternehmen von der Ökosteuer für Strom teilweise bzw. im produzierenden Gewerbe fast ganz befreit sind. Das produzierende Gewerbe zahlt zudem für ca. die Hälfte des Stromverbrauchs keine oder eine deutlich niedrigere EEG-Umlage (Umlage für die Garantieabnahme von Strom aus erneuerbaren Energien). Die Entwicklung der Rohstoffpreise unterscheidet sich nicht deutlich von den letzten Jahren, für eine spürbare importierte Inflation gibt es ebenfalls keine Anzeichen. Lediglich die Menge an Zentralbankgeld ist gestiegen, aber die hat wie beschrieben keinen Einfluss auf die Inflation. Wir werden noch eine ganze Weile Warnungen vor dem kommenden Inflationsanstieg hören – weil er immer wieder ausbleiben wird.

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  1. Aksel / Apr 3 2013 14:30

    Schöner und informativer Artikel, aber die Sache mit der Nicht-Korrelation zwischen Geldmenge und Inflation ist mir zu kurz gedacht: wie im Text beschrieben wird, ist Inflation lt. Mainstream-Ökonomen das stärkere Ansteigen der Geldmenge als die Menge der angebotenen Waren.
    Also hat die Geldmenge NATÜRLICH einen Einfluss auf die Inflation, nur nicht absolut, sondern relativ, nämlich bezogen auf die Menge der angebotenen Waren. Dieser Punkt fehlt leider im Artikel.
    Außerdem wird aus dem Text nicht klar, wie stark die Gütermenge seit 2000 gewachsen ist. Wenn diese nur halb so stark gestiegen wäre wie die Geldmenge, dann kommt man sehr wohl auf 3% Inflationsrate pro Jahr.

    • AL / Apr 3 2013 17:21

      Hallo Aksel, danke für den Kommentar und den Hinweis! Ich muss den Text tatsächlich noch um die BIP-Angaben ergänzen und um Anmerkungen bezüglich Waren/Dienstleistungen/Gesamt-BIP, und hätte das ohne den Kommentar nicht bemerkt. Allerdings beeinflusst m.E. auch das Verhältnis von Waren- zu Geldmenge nicht die Inflation bzw. nur in Kombination mit anderen Faktoren, die sich dann eben über steigende Kosten ausdrücken. Es gibt sicherlich eine Korrelation zwischen Geldmenge und Inflation, schon allein deswegen, weil durch Inflation der nominale Bedarf nach umlaufendem Geld steigt – wenn alles doppelt so viel kostet, dürfte man auch in etwa einen doppelt so hohen Nennwert an umlaufendem Geld benötigen. Eine Kausalität von steigender Geldmenge hin zur Inflation (also dass die größere Geldmenge per se Inflation verursacht) ist meines Erachtens aber aus den im Text dargelegten Gründen nicht gegeben.

  2. Erdenkind / Mai 24 2014 11:07

    Vielen dank für die gute Erklärung. Leider verstehen nur wenige Menschen das Geldsystem und die ökonomischen Zusammenhänge richtig. Ich hoffe dein Artikel hat einigen die Augen geöffnet.

    Ich habe dennoch ein paar Anmerkungen und Denkanstöße, die ich kurz darlegen möchte. Unter „Mögliche Ursachen einer Inflation“ beschreibst du die Entstehung von Preisen auf Basis von Logikketten. Ich finde das diese Logikketten nicht vollständig sind. Aus meiner Sicht sind alle Preise am Ende ein Lohn. Ich halte es für einen Fehler bei Rohstoffen, Produktionsmitteln, Kapitalkosten usw. abzuschneiden. Jeder Rohstoff kommt aus der Erde. Aber man steckt ja keinen 50 Euroschein in den Erdboden und bekommt dafür Öl, Kohle, Gas oder dergleichen. Am Ende sind es immer Menschen die für einen Lohn die Rohstoffe aus der Erde graben. Genauso werden auch Produktionsmittel von Menschen für einen Lohn entwickelt und gebaut. Auch Kapitalkosten sind am Ende ein Lohn für die Menschen, die die Kredite verwalten, prüfen usw.

    Aus meiner Sicht gibt es auch weitere Ursachen für die Entstehung einer Inflation oder Hyperinflation. Diese sind:
    – die Menge des gesparten (gehorteten) Geldes auf Bankkonten und
    – das Vertrauen der Menschen in den Wert und die Möglichkeit des Zugriffs auf dieses Geld.

    Ich behaupte mal ganz wild, dass eine Inflation in Deutschland ganz schnell herbeigeführt werden kann. Frau Merkel und Herr Schäuble müssen sich nur vor die Kamera stellen und sagen das für die Bankeinlagen und den Werterhalt des Geldes keinerlei Garantie mehr übernommen werden kann. Das wäre der Start für eine Hyperinflation, weil die Menschen ihr gespartes Geld sofort in Güter, Dienstleistungen und Produkte umtauschen wöllten was erst zu sinkenden Arbeitslosenzahlen führt aber schliesslich zu steigenden Löhnen, die dann aber wiederum schnell wieder ausgegeben werden, was zu noch mehr Nachfrage führt und somit zu Inflation.
    Im Prinzip sehen wir das ja schon an der Vermögenspreisinflation. Ich behaupte das die Ursache dafür in der Höhe der geltenden Einlagensicherung (100.000 € pro Person) liegt. Wer mehr Geld hat will es eben los werden und kauft sich eine Eigentumswohnung, Aktien, Luxusautos, Edelmetalle (Schmuck) oder andere hochpreisige Dinge, die Menschen mit so viel Geld auf dem Konto eben besitzen möchten.

    Wenn in den nächsten Jahren das Risiko immer größer wird, das Staaten pleite gehen und damit anfangen Bankeinlagen zu enteignen (Zypern) und damit das Vertrauen in das Geld verpufft wird es wohl zu einer Hyperinflation mit anschließender Währungsreform kommen, weil einfach keiner mehr Geld besitzen möchte. Dadurch wird die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes extrem ansteigen so wie es auch 1923 in Deutschland geschehen ist. Gerade Deutschland ist prädestiniert für solch ein Szenario, weil die Deutschen gerne Geld horten, da sie ein sehr starkes (übermäßiges) Vertrauen in den Wert des Geldes haben. Geht dieses Vertrauen verloren, wird das anghäufte Geld plötzlich zur Last, man will es möglichst schnell los werden und es kommt zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, der Hyperinflation.

    Das ist nur meine Meinung. Wie denkst du darüber?

    • AL / Mai 25 2014 19:12

      Erst mal vielen Dank für den Kommentar und die Denkanstöße! Meines Erachtens ist ein Verstehen des Geldsystems tatsächlich unerlässlich, um vieldiskutierte geldbezogene Fragen wie Zentralbankpolitik, Inflation, Spekulationsblasen etc. richtig durchdenken zu können. Entsprechend geschockt war ich, von einem Soziologen, der VWL im Nebenfach studiert hatte, zu hören, dass das Geldsystem in seinem Studium nie behandelt wurde…

      Aber zurück zum Thema Deines Kommentars: Ich stimme Dir zu, dass letzten Endes auch Rohstoffe, Maschinen etc. auf menschliche Arbeit zurückgehen und dass im Preis für diese Dinge somit vor allem Lohnkosten stecken. So wie ich das sehe, stecken aber vor allem im Verkaufspreis nicht mehr nur Lohnkosten drin: Natürlich, die Rohstoffe werden aus der Erde geholt, aber im Verkaufspreis stecken auch noch Unternehmensgewinne und Spekulantengewinne drin. Der Rohstoffpreis kann also steigen, selbst wenn die Lohnkosten für die Rohstoffgewinnung gleich bleiben oder gar sinken. Lohnkosten führen zu einem Sockelpreis für Rohstoffe, aber die Preisschwankungen über dem Sockelpreis ergeben sich m.E. aus der Marktlage. Bei Kapitalkosten stecken ebenfalls Löhne drin, aber auch ein Profit dafür, dass jemand schon Geld hat (oder es erschaffen kann) und auch bereit ist, es zu verleihen. Bei Produktionsmitteln wie Maschinen ist auch ein Preisaufschlag für den Gewinn des Herstellers drin, zudem enthält der Anteil der Lohnkosten in der Maschine den Stand der Löhne zum Herstellungszeitpunkt, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Deswegen halte ich die Unterteilung in Lohn-, Rohstoff- und Kapitalkosten für letztlich sinnvoll, um die Komponenten der Inflation zu untersuchen.

      Ich glaube auch, dass eine Hyperinflation sich nicht so leicht herbeiführen ließe, und zwar aus folgenden Überlegungen:
      – Wenn die Einlagensicherung auf einmal aufgehoben würde, würden ängstliche Sparer einfach ihr Geld in bar unter die Matratze legen. Historisch gesehen kommt es bei Unsicherheit der Einlagen zu Bank Runs, aber meines Wissens nicht zu Inflationsschüben.
      – Wenn gesagt wird, die Geldwertstabilität könne nicht mehr garantiert werden, würde das m.E. nicht zu einer normalen Inflation, sondern wenn, dann zu einer Assetpreisinflation führen, weil Menschen ihre Geldreserven sicher verwahrt wissen wollen. Aber das hektische Geldausgeben, weil es eh gleich nix mehr wert ist, das kommt meiner Einschätzung nach erst dann, wenn die Hyperinflation schon da ist; denn einen Notgroschen wollen die Leute nach Möglichkeit immer haben.
      – Selbst wenn die Leute hektisch Güter kaufen wollen, führt das erst mal zu zusätzlicher Güterproduktion, weil Produktionsreserven i.d.R. vorhanden sind. Eine Hyperinflation ohne starken Rückgang der verfügbaren Warenmenge, der dann Händler zum Anheben der Preise zwingt, weil sie bei geringerer verkaufter Stückzahl mehr Gewinn aus jedem verkauften Stück brauchen, halte ich für kaum möglich.
      – Die Einlagensicherung ist für Menschen mit hohem Vermögen m.E. wenig bedeutsam, da diese ihr Geld ohnehin gestreut und oft in Sachwerten oder Unternehmensbeteiligungen anlegen. Die würden ihr Geld am ehesten ins Ausland verschieben, womit es zu einer Kapitalflucht käme. Die Kapitalflucht aus Spanien und Griechenland z.B. ist schon längst geschehen. Ich vermute übrigens, dass die einflussreichsten Länder des Euro mit keinem größeren Land das gleiche geschehen lassen würden wie mit Zypern. Zypern war eine bewusst politische Entscheidung.

      Eine Hyperinflation in Deutschland wäre m.E. erst dann denkbar, wenn sich die Situation des Landes drastisch verändert, v.a. weil seine Produktionskapazitäten zusammenbrechen. 1923 war eine sehr spezielle Situation, weil viele Faktoren zusammenkamen und sich aufaddierten; ich würde da auf den Blogartikel nach diesem hier verweisen 🙂

      Insofern sehe ich einige der angesprochenen Dinge etwas anders als Du. Aber ich will keinesfalls ausschließen, dass ich da was Wichtiges übersehe – ich bin ja nur belesener Laie auf diesem Feld, kein erfahrener Profi mit Connections hinter die Kulissen. Wenn ich was übersehen habe, bin ich für Hinweise immer sehr dankbar!

  3. masterofaccountzs / Okt 27 2014 14:41

    allein die diskussionen darüber zeigen mir dass es mit dem Vertrauen ins geld nicht mehr so vorhanden sind

    • AL / Nov 15 2014 14:55

      Das muss nicht unbedingt sein! Die Frage ist, wer die Diskussion beginnt, wer sie weiterführt und mit welcher Intention. Es mag sein, dass viele Leute, die seit fünf, sechs Jahren gebetsmühlenartig vor der „ganz sicher bald kommenden“ Inflation warnen, tatsächlich wenig Vertrauen ins Geld haben, aber ich bin skeptisch, ob das für einen spürbaren Teil der Bevölkerung zutrifft.

  4. Fritz Jörn / Nov 2 2014 13:55

    Im Warenkorb liegt der Hund begraben: Wenn etwa Haus- und Grundstückspreise nicht drin sind, so zeigen sich dortige »Blasen« auch nicht in der Inflationsberechnung. Und der statistische Warenkorb wird alle paar Jahre aufgefrischt. Ich meine, klassische Inflationen entstanden immer dann, wenn sich der Staat als (damals einzig) privilegierter Gelddrucker knappe Güter ersteigerte. Nichts ist heute knapp. Vor allem Geld nicht … Fritz Jörn

    • AL / Nov 15 2014 15:26

      Ja, aber Assetpreisblasen lassen sich ja auch durch einen Blick auf die Entwicklung der Assetpreise selbst ausmachen, dafür muss man die Assets nicht in den Warenkorb aufnehmen.
      Es braucht eben immer verschiedene Warenkörbe für verschiedene Zwecke: Den Korb ohne Energie und Nahrungsmittel, um langfristige Inflationstendenzen beobachten zu können (Kerninflation), den allgemeinen Warenkorb, um die Entwicklung der Lebenshaltungskosten der Bevölkerung zu verfolgen, und eigentlich braucht man auch einen Warenkorb für Geringverdiener, um die Höhe der Sozialhilfe korrekt festlegen zu können.
      Ich stimme Ihnen zu, dass wenige Waren heute knapp sind. Bei den Ressourcen ist die Frage „Knappheit bei welchem Preis“. Geld ist bei vielen Menschen knapp – lediglich für sehr Reiche und Institutionen, die damit handeln und sich mit immer mehr davon versorgen können wie eben Banken, gilt das nicht. Von außen betrachtet gibt es nicht zu wenig Geld im System, das stimmt, aber das heißt nicht, dass es keine Engpässe gibt.

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