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8. Dezember 2012 / AL

Exkurs: Schreckgespenst Inflation – Teil 3: Die Hyperinflation von 1923 – ein perfekter Sturm

„Die ganze künftige Lebenshaltung unseres Volkes muss, soweit es irgend möglich ist, von der ungeheuren Bürde befreit bleiben und entlastet werden, die der Krieg anwachsen lässt. Das Bleigewicht der Milliarden haben die Anstifter dieses Krieges verdient; sie mögen es durch die Jahrzehnte schleppen, nicht wir.“
Karl Helfferich (1872-1924), Ökonom und Politiker, 1915-17 zuständig für die Kriegsfinanzierung des Deutschen Reiches

Die Hyperinflation von 1923 ist in Deutschland mehr als ein historisches Ereignis; sie ist ein Trauma des deutschen Bürgertums, das von Anhängern einer strikten Geldwertstabilität stets als mahnendes Beispiel vorgehalten wird. Oft wird sie in einem Atemzug mit der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1930er oder noch vor ihr als Ursache genannt, dass die Deutschen kein Vertrauen in die Weimarer Republik entwickelten und Hitlers NSDAP ab 1930 Wahlerfolge bescherten. Das ist allerdings eine deutliche Übertreibung: Auch wenn die NSDAP von allen Schichten die höchsten Stimmanteile in Bürgertum und Mittelstand hatte, hat nicht die Hyperinflation Hitler die Wähler  zugetrieben, sondern erst mit Beginn der Weltwirtschaftskrise wurde die NSDAP von einer Splitter- zur Massenpartei.

Bei den Ursachen der Hyperinflation sind viele Texte unkonkret: Es wird zwar über die wachsende Geldmenge gesprochen und in Modellen erklärt, dass dadurch früher oder später das allgemeine Preisniveau steigen müsste. Nach einer konkreten Ereignisabfolge sucht man allerdings vergebens; nirgends wird erklärt, wer wann und warum begonnen hat, die Preise anzuheben. Das ist aus einem sehr einfachen Grund unbefriedigend: Es ist keine Inflation, wenn es keinen Preisanstieg gibt. Deswegen sollten Ursachen und Abläufe der Hyperinflation auch mit Blick darauf betrachtet werden.
Der Begriff „perfekter Sturm“ (eine Eindeutschung des Begriffes „perfect storm“) passt einfach sehr gut zu der Hyperinflation von 1923; er beschreibt eine Situation, in der ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren ein unerwartet schweres Resultat erzeugt. Denn 1923 geschah viel mehr als nur die Ausweitung der Geldmenge durch die Zentralbank.

Inflation während des Ersten Weltkriegs
Bereits während des Ersten Weltkrieges kam es zu einer spürbaren Inflation in Deutschland, die aber keinen nennenswerten Beitrag zur Hyperinflation 1923 geleistet hat. Zu Kriegsbeginn 1914 hatte das Deutsche Reich beschlossen, die Bindung der Mark an einen Goldstandard aufzugeben, um den Krieg mit frisch erzeugtem Geld finanzieren zu können. (Im Nachhinein bezeichnete man die nicht goldgedeckte Mark daher als Papiermark, um sie von der Mark mit Golddeckung von vor 1914 zu unterscheiden.) Wenn viel neues Geld geschaffen wird, wird es immer schwieriger, einen Umtausch von Papiergeld in Gold zu garantieren, weswegen ein Goldstandard nicht mehr praktikabel ist. Davon abgesehen mussten hauptsächlich Firmen im Inland für Kriegsgüter bezahlt werden, wofür Papiergeld eingesetzt werden konnte; Importe konnte man statt mit goldgedeckter Währung im Zweifelsfall mit Gold bezahlen.

Es gelang der Regierung mit der Zeit immer schlechter, das neu geschaffene Geld durch Kredite bei der Bevölkerung („Kriegsanleihen“, die durch Kriegsbeute bezahlt werden sollten) wieder aus dem Geldkreislauf zu entfernen; vor allem aber wurden Bedarfsgüter knapp. Wenn es weniger zu verkaufen gibt, müssen kleine Händler an jedem Stück mehr verdienen, so dass allein deswegen schon die Preise steigen, außerdem wird es aufwändiger und teurer für die Händler, an Güter zu kommen. Und oft bildet sich ein Schwarzmarkt, auf dem man Dinge sicherer bekommt, aber auch mehr dafür zahlen muss – faktisch auch eine Art der Inflation. All diese Faktoren sorgten für einen Wertverfall der Papiermark: 1918 musste man für einen Dollar – der in Gold umtauschbar war – doppelt so viel Papiermark zahlen wie 1914. Der Preisanstieg ereignete sich vor allem 1918 und setzte auch 1919 fort. Der Staat war zu diesem Zeitpunkt mit etwas mehr als 100% des BIP verschuldet, allerdings vor allem bei seinen Bürgern und damit in der Währung, die er selbst kontrollierte. Unter normalen Bedingungen wäre die Inflation in einer Friedenswirtschaft bald wieder auf das normale Maß zurückgegangen: Das Fundament für die Hyperinflation wurde erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gelegt.

Die Saat der Hyperinflation: Die Folgen des Ersten Weltkriegs und der Vertrag von Versailles
Die direkten ökonomischen Folgen des Ersten Weltkriegs für Deutschland waren vor allem folgende:

  • Kosten durch Pensionszahlungen für Kriegswitwen und -waisen sowie Kriegsversehrte
  • verringerte Militärausgaben durch die vertraglich stark beschränkte Armee
  • keine Zerstörung, da der Krieg auf fremdem Territorium stattgefunden hatte
  • Verlust von 90% der Handelsflotte, dadurch geringere Exportmöglichkeiten
  • Verringerung des BIP durch Verlust von knapp einem Siebtel der Landesfläche (darunter wesentliche Agrar- und Schwerindustrie-Gebiete) und einem Zehntel der Bevölkerung -> dadurch größerer Importbedarf, v.a. an Nahrungsmitteln und Rohstoffen; dadurch außerdem Auswanderer aus diesen Gebieten nach Deutschland, die staatlich unterstützt wurden
  • eine Bevölkerung, die nach den Entbehrungen des Krieges Besserung ihrer Lage erwartete
  • im Vertrag festgelegte Reparationen, die in Fremdwährung oder Gold zu zahlen waren; die Höhe betrug 132 Mrd. Goldmark, zahlbar in Raten von 2 Mrd., plus 26% vom Wert aller Exporte; 2 Mrd. Goldmark entsprachen ca. 3-5% des BIP. Bei 80 Mrd. Goldmark, den sogenannten C Bonds, streiten sich Historiker, ob sie tatsächlich eingefordert werden sollten, ein politisches Manöver z.B. gegenüber der französischen Bevölkerung waren oder aber Verhandlungsmasse den USA gegenüber (die USA wollten Deutschland nicht zu hart behandeln, England und Frankreich zielten auf eine Streichung ihrer Kriegsschulden bei den USA ab). Die anfängliche Belastung ändert sich dadurch aber nicht.

Die Pensionszahlungen, die Unterstützungszahlungen für die Auswanderer aus abgetretenen Gebieten und die Sozialleistungen zur Sicherung des sozialen Friedens waren eine spürbare finanzielle Last, die aber durch die gezwungenermaßen niedrigen Militärausgaben teilweise wieder aufgefangen wurden. Das Haushaltsdefizit nach dem Krieg betrug 1919 etwa 16% des BIP, sank bis 1922 aber auf die Hälfte. Dieser Teil der ökonomischen Kriegsfolgen war für sich gesehen sicher zu bewältigen, zumal die Ausgaben dafür Teil der inländischen Wirtschaft blieben und über Steuern teilweise wieder dem Staat zugute kamen. Damit bleiben als die andere große Belastung die Reparationen, die man allerdings im Zusammenhang betrachten muss. Denn neben der rein wirtschaftlichen Komponente gab es auch eine psychologische, die das Handeln der deutschen Regierungen ganz entscheidend mitbestimmte.

Erster Akt: Kriegsschuldfrage, Reparationen und Innenpolitik
Der Artikel 231 des Versailler Vertrages sollte die Forderung nach Reparationen moralisch begründen. Er lautete: „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber aller Verluste und aller Schäden verantwortlich sind, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Angehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben.“
Aus der Sicht der Alliierten war der Artikel eine notwendige Anerkennung der deutschen Verpflichtung, Ersatz für angerichtete Schäden zu leisten, denn schließlich hatten die deutschen Offensivaktionen gerade im Westen den Krieg unvermeidlich gemacht. Die Deutschen sahen darin eine einseitige Schuldzuweisung für den Krieg, die so nicht gerechtfertigt war. Auch wenn Historiker heute noch über die genaue Bedeutung des Artikels streiten, kann man meines Erachtens festhalten, dass er durchaus eine alleinige Kriegsschuld der Mittelmächte impliziert und dass dieser Interpretation von alliierter Seite nicht ernsthaft widersprochen wurde.

Durch die Kombination aus großen Gebietsverlusten, starker Einschränkung der militärischen Macht, Reparationsforderungen und dem Kriegsschuldartikel 231 war der Versailler Vertrag in den Augen der meisten Deutschen inakzeptabel, zumal viele nicht wussten, wie militärisch aussichtslos die Lage der Mittelmächte zu Kriegsende gewesen war. Damit wurde eine aufrichtige Umsetzung des Versailler Vertrages zum politischen Selbstmord für jede gewählte Regierung und somit eine Revision des Vertrages zu einem unverrückbaren politischen Ziel.

Waren die Reparationen überhaupt bezahlbar? Die jährlichen Raten lagen bei 3-5% des BIP, das entspräche heute 80-120 Mrd. €. Sicher eine hohe Summe, aber bezahlbar, selbst wenn man bedenkt, dass damals ein größerer Teil des BIP für Nahrungsmittel und Unterkunft ausgegeben wurde als heute. Leicht nachzukommen war dieser Forderung trotzdem nicht, denn gezahlt werden musste entweder in Gold oder in Devisen, was beides durch Export beschafft werden musste. Erschwert wurde der Export allerdings dadurch, dass die alliierten Staaten hohe Einfuhrzölle errichtet hatten, um die heimische Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. Ab Ende 1921 wurde dieses Problem dadurch gemildert, dass zumindest ein Teil der Zahlungen in Rohstoffen wie Holz und Kohle geleistet werden.
Manche Historiker stellen sich auf den Standpunkt, die Zahlungen seien keine so schwere Last gewesen, da das deutlich verkleinerte Militär große Summen eingespart habe. Diese Aufrechnung ist allerdings unsinnig, da 1) die Militärausgaben nicht in Gold oder Devisen gezahlt wurden und 2) Militärausgaben großteils in der Volkswirtschaft verbleiben und damit zum Teil als Steuern wieder auftauchen, während die Reparationen komplett aus der Volkswirtschaft abflossen. Die Reparationen zuverlässig zu bedienen wäre letzten Endes ein großer Kraftakt zulasten des ohnehin mageren Lebensstandards gewesen, den die deutsche Bevölkerung und damit auch die deutsche Regierung nicht leisten wollten. Also wählte die Regierung einen anderen Weg.

Zweiter Akt: Der Wechselkurs verfällt
Zwischen März 1920 und August 1921 legte die Inflation weitgehend eine Pause ein, ja, die Kaufkraft der Papiermark stieg sogar wieder. Die deutsche Wirtschaft war aufgrund niedriger Reallöhne, die durch die Inflation stark gesunken waren, ausgesprochen wettbewerbsfähig, die Wandlung zurück zur Friedenswirtschaft war geglückt. Dann stieg die Inflation wieder stark an. Warum?
Die erste Rate der Reparationen war im Juni 1921 fällig geworden. Um an Devisen für die nächste Rate zu kommen, kaufte die Reichsregierung ab August 1921 reparationstaugliche Fremdwährungen zu jedem beliebigen Kurs an und bezahlte mit frisch erzeugtem Geld. Der Wechselkurs der Papiermark verfiel dadurch rasant. Damit wurden importierte Güter und mit importierten Rohstoffen hergestellte Güter teurer; deutsche Waren wurden dadurch im Ausland billiger, weswegen sie möglicherweise stärker nachgefragt wurden und dadurch auch in Deutschland selbst im Preis stiegen. Zudem wurde der Dollarkurs von der Bevölkerung als „Fieberthermometer“ der Inflation genutzt, so dass Händler den Kursverfall verfolgen konnten und als Reaktion darauf die Preise anhoben. Ende 1922 war Wert der Papiermark im Vergleich zum August 1921 auf ein Hundertstel gesunken.

Dieses Vorgehen war wirtschaftlicher Selbstmord, aber dennoch durchdacht. Die Strategie der Reichsregierung bestand darin, die Reparationen als unbezahlbar zu brandmarken, um dann eine deutliche Verringerung oder gar eine Streichung zu erreichen. Bis dahin durfte der Vertrag weder offensichtlich gebrochen werden, da sonst Krieg drohte, noch durfte er mit einem deutlich sinkenden Lebensstandard durch Ausgabenkürzungen erkauft werden, da dies einem politischen Selbstmord gleichgekommen wäre. Der Devisenaufkauf mit frisch gedrucktem Geld war eine bequeme Lösung, zumal der Schaden durch die galoppierende Inflation die Unbezahlbarkeit der Reparationsforderungen verdeutlichen sollte. Die zu erwartende Inflation wurde von der Reichsregierung also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einfach hingenommen oder war sogar politisch erwünscht. Trotzdem war die Hyperinflation auch zu diesem Zeitpunkt noch alles andere als unvermeidbar.

Dritter Akt: Ruhrkampf und Hyperinflation
Der Startschuss für die Hyperinflation des Jahres 1923 fiel am 11. Januar 1923, als französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet und das Gebiet westlich des Rheins und westlich der Linie Köln-Frankfurt-Worms besetzten. Auslöser war, dass Deutschland zum wiederholten Mal in Zahlungsrückstand geraten war – nicht nur mit Geldzahlungen, sondern auch mit Warenlieferungen. Ende 1921 hatte Frankreich eingewilligt, einen größeren Teil der Reparationszahlungen in Form von Gütern wie Kohle und Nutzholz zu akzeptieren; der Zahlungsplan war deutschen Schätzungen über den möglichen Lieferumfang angepasst. Die Zahlungsrückstande waren daher aus französischer Sicht nicht mangelnder Zahlungsfähigkeit, sondern mangelnder Zahlungswilligkeit geschuldet, daher sollte Druck auf das Deutsche Reich ausgeübt werden. Nach den Klauseln des Versailler Vertrags war die Besetzung eine rechtmäßige Reaktion auf verweigerte Reparationszahlungen.
Die deutsche Bevölkerung reagierte mit Empörung, was für die Reichsregierung ein Nachgeben noch weniger attraktiv machte. Sie stellte die Reparationszahlungen an Frankreich und Belgien umgehend ein und rief zum passiven Widerstand auf. Generalstreiks, das Nichtbefolgen von Anweisungen und einzelne Sabotageakte legten in den besetzten Gebieten Teile des öffentlichen Lebens und der Industrie lahm.

Um den Lebensunterhalt der Streikenden zu sichern, zahlte die Reichsregierung die Löhne von etwa zwei Millionen Arbeitern in den besetzten Gebieten weiter. Da gleichzeitig die Produktion in den besetzten Gebieten zusammenbrach und damit sowohl Warenproduktion als auch Steuereinnahmen schrumpften, blieb als einziges Finanzierungsmittel die Schaffung neuen Geldes. Zudem sorgt wie oben beschrieben ein deutlicher Rückgang der Produktion – und damit des Warenangebotes – selbst für Inflation. Und bei galoppierender Inflation erhöhen die Händler verständlicherweise laufend die Preise, um mit der Inflation Schritt zu halten, was die Inflation noch einmal beschleunigt. Die Inflationsrate schoss aus all diesen Gründen in die Höhe und das Wirtschatsleben war mehr und mehr durch Vermeidung der Inflationsfolgen als durch Produktivität gekennzeichnet, was die Produktion schrumpfen ließ und dadurch die Inflation noch weiter anheizte: Der Dollarkurs gegenüber der Papiermark verhunderfachte sich in den sieben Monaten von Januar bis Ende Juli, verhundertfachte sich erneut in den anderthalb Monaten bis Mitte September und verhundertfachte sich erneut in den 19 Tagen vom 3. bis zum 22. Oktober. Zeitweise waren fast 1800 Druckmaschinen und 30.000 Menschen damit beschäftigt, Geldscheine zu produzieren. Die Wirtschaft brach zusammen, gerissene Spekulanten kauften ganze Unternehmen mit Krediten, die bald darauf nicht einmal den Gegenwert eines Stundenlohns hatten.

Die Inflation endet
Schließlich musste die Reichsregierung den Ruhrkampf Ende September abbrechen und die Inflation auf die einzige noch mögliche Art bekämpfen – mit einer Währungsreform. Am 16. November wurde die Papiermark zum Kurs von 1 : 1 Billion durch die Rentenmark abgelöst, die nicht durch Gold gedeckt war (dafür besaßen Reichsbank und Regierung zu wenig Gold), sondern indirekt durch Ackerland und Industriegüter wie z.B. Maschinen: Ackerland und Industriegüter waren wie bei einer Hypothek die Sicherheiten für Wertpapiere, deren Wert in Gold (z.B. 1 kg Gold) angegeben war. Diese Wertpapiere wiederum waren die Deckung für die Rentenmark – sie konnten für 2790 Rentenmark pro Kilo Gold-Wert gekauft werden. Auf diese Art verfügte die Rentenmark über eine Quasi-Golddeckung, obwohl kein Gold vorhanden war. Die Rentenmark wurde sofort als wertstabiles Zahlungsmittel akzeptiert und blieb auch in Umlauf, als Ende August 1924 die nominell goldgedeckte Reichsmark eingeführt wurde. Ohne die zwischenzeitliche Einführung der Rentenmark wäre die Reichsmark vermutlich auch nicht als stabiles Geld akzeptiert worden, da sie nur teilweise goldgedeckt und somit eher eine Fiatwährung war. Die Bevölkerung hatte sich in der Zwischenzeit aber an die stabile Rentenmark gewöhnt und nahm daher die Reichsmark mit gleichem Nennwert als Zahlungsmittel an.

Lehren aus der Hyperinflation
Oft wird die Hyperinflation von 1923 als Paradebeispiel dafür angeführt, dass die Schöpfung großer Mengen Geldes zwangsläufig zu mehr Inflation führt. Diese Schlussfolgerung ist allerdings grob vereinfachend, da sie wesentliche Ursachen der Hyperinflation vollständig ignoriert:
– Der Wechselkurs fiel ab Mitte 1921 besonders drastisch, da Devisen zu jedem Kurs angekauft wurden; importierte Waren wurden daher deutlich stärker verteuert, als es von der Neuschaffung von Geld allein verursacht worden wäre.
– Das Geld wurde während der Hyperinflation nicht nur neu geschaffen, sondern sehr schnell in die Realwirtschaft eingebracht, u.a. indem es direkt an die streikenden Arbeiter an Rhein und Ruhr ausgehändigt wurde.
– Durch den Verlust der Produktion in den besetzten Gebieten sank die verfügbare Warenmenge deutlich. Gerade dieser Punkt ist sehr wichtig und wird oft übersehen. Es gab noch keine Hyperinflation ohne drastischen Produktionseinbruch.

Die Hyperinflation war nicht wie heute oft behauptet der Anfang vom Ende der Weimarer Republik. Sie führte zwar zu drastischen Verwerfungen in Besitz und Vermögen, aber dennoch folgte ihr zunächst eine Periode des Aufschwungs und der politischen Stabilität. Stefan Zweig schrieb, nichts habe das deutsche Bürgertum so bereit gemacht für Hitler wie die Hyperinflation. Das mag insofern stimmen, als dass viele Mitglieder des Bürgertums ihren Besitz verloren und der Weimarer Republik nunmehr Verbitterung entgegenbrachten. Aber die Massen in die Arme der NSDAP getrieben hat die Verelendung durch Brünings radikale Kürzungspolitik. Nicht Inflation, sondern Deflation besiegelte den Untergang der ersten deutschen Demokratie.

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  1. Martin Hark / Okt 23 2013 17:30

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes … jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …

    • AL / Nov 21 2013 16:39

      Ich bitte um Entschuldigung für die späte Antwort – die Benachrichtigungsmails zu Beiträgen landen bei mir zur Zeit immer im Spam 😦

      Zum Kommentar:
      – Je nach Konjunkturphase wird die Neigung zur Inflation stärker oder schwächer sein, das sehe ich auch so. Eine Deflation tritt m.E. aber nur dann auf, wenn ernste Fehlentwicklungen stattgefunden haben – eine Deflation ist also immer ein Ausufern, für das es auch gar kein Fehlverhalten von Staat oder Zentralbank braucht (siehe Weltwirtschaftskrise ab 1929 und die Deflation in den USA), sondern das genauso durch Fehler im Markt entstehen kann bzw. vor allem durch die Korrektur solcher Fehler. 1929 war es die Korrektur der Spekulationsblase, die zur Deflation führte. Meines Erachtens gibt es keine „gesunde Deflation“ – vor allem, weil eine Deflation sich immer mehr selbst verstärkt.

      – Wie ich in dem Artikel über Inflation ausgeführt habe, handelt es sich bei der Inflation in meinen Augen nicht um ein primär monetäres Phänomen, sondern um ein realwirtschaftlich verursachtes. Wäre Inflation durch ein simples Anwerfen der Druckerpresse zu erreichen, hätte Japan nicht zwei Jahrzehnte lang gegen Deflation ankämpfen müssen, während die Bank of Japan große Mengen Geldes erzeugt hat. Die Menge an Zentralbankgeld (M0) kann also kaum der primäre Antreiber der Inflation sein – auf die aggregierten Geldmengen wie z.B. M3 hat eine Zentralbank aber nur recht wenig Einfluss, da das Geld von den Geschäftsbanken verliehen werden muss, um in den Wirtschaftskreislauf zu kommen.

      – Bei einer Hyperinflation spielt eigentlich immer ein Zusammenbruch der Produktion eine wesentliche Rolle – die Hyperinflation 1923 wurde erst mit dem Ruhrkampf zu einer Hyperinflation.

      – Eine „Deflationsphase, die „durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist“, ist ein Widerspruch in sich, da Deflation als Fallen der Preise auf breiter Front definiert ist. Wenn sich keine Deflation beobachten lässt, liegt auch keine vor – wohl kann können wirtschaftliche Probleme vorliegen, die eine Deflation auslösen oder befördern können.

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