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22. Februar 2013 / AL

Die Theorie der Konjunkturzyklen

Eine Anmerkung in eigener Sache: Spätestens nachdem mein Artikel über Preisbildung an der Warenterminbörsen zu meiner großen Freude in die „Hinweise des Tages“ der von mir hochgeschätzten NachDenkSeiten aufgenommen wurde, sollte ich nicht mehr nur im stillen Kämmerlein schreiben, sondern auch wieder regelmäßig posten 🙂 Vielleicht findet der eine oder andere Besucher ja hier noch mehr, was er/sie für lesenswert hält.

„Eine Theorie ist eine Vermutung mit Hochschulbildung.“
Jimmy Carter, US-Politiker, US-Präsident 1977-1981

Die Theorie der Konjunkturzyklen ähnelt zunächst vielen anderen einfachen Modellen der Ökonomie: Auf den ersten Blick ungeheuer einleuchtend, auf den zweiten Blick nur schlecht mit Daten belegbar, auf den dritten Blick so vereinfachend, dass man sie fast nur als falsch bezeichnen kann. Im Unterschied zu diversen anderen Theorien, die ich noch vorstellen werde, ist sie aber für das Verständnis ökonomischer Vorgänge sehr nützlich, weil sie sich u.a. mit einem häufiger auftretenden Muster beschäftigt: Aufschwung, Übertreibung und Abschwung. Die Theorie der Konjunkturzyklen schärft den Blick für dieses Muster und  mögliche Ursachen – für buchstäblich wahr halten sollte man sie allerdings nicht.

Die Theorie: Aufschwung, Boom, Abschwung, Talsohle
In dieser Theorie wird ein Konjunkturzyklus grob in diese vier Phasen unterteilt. In der Aufschwungphase wächst die Wirtschaft solide: Die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen ist gut und steigt, die Unternehmen haben also Anreize zu investieren. Sie nehmen Kredite auf und erweitern damit ihre Kapazitäten, um die steigende Nachfrage befriedigen zu können; zugleich fragen sie dadurch selbst bei anderen Unternehmen mehr nach, denn neue Fabriken müssen mit Materialien gebaut und mit Maschinen ausgerüstet werden. Außerdem werden mehr Mitarbeiter eingestellt, die durch ihre neuen Jobs mehr Geld zum Ausgeben haben und die Nachfrage somit weiter ankurbeln. Die Kredite für die Erweiterungen zu bekommen ist kein Problem, denn die Unternehmen haben niedrige Schulden, außerdem sind die Investitionen solide kalkuliert. Es herrscht Optimismus. Die von Unternehmen aufgenommen Kredite (= Fremdkapital) steigen im Verhältnis zum Eigenkapital, also dem eigenen Geld; man bezeichnet diesen Vorgang als „Hebelung“ bzw. „Leveraging“.

In der Boomphase „überhitzt“ die Wirtschaft allmählich: Wegen der starken Nachfrage sind größere Kapazitäten aufgebaut worden, die trotzdem ausgelastet sind. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, weswegen Arbeitskräfte nicht mehr so leicht zu ersetzen sind und daher höhere Löhne heraushandeln können (was für eine höhere Inflation sorgt). Gleichzeitig sind Unternehmen optimistisch, haben sie in den Monaten und Jahren des Aufschwungs doch gelernt, dass ihre Investitionen sich auszahlen. Deswegen investieren sie leichten Herzens noch mehr; die zusätzlichen Kredite werden sich ja durch künftige Gewinne zurückzahlen lassen und es wird sicher noch viel Gewinn übrigbleiben. Die Banken wiederum haben im Aufschwung gelernt, dass Unternehmen solide kalkulieren und die Kredite problemlos zurückzahlen können. Außerdem ist die Konjunktur hervorragend, wie sollten Unternehmen da in Schwierigkeiten geraten? Also vergeben sie leichten Herzens mehr und mehr Kredite, selbst wenn die Prognosen der Unternehmen sehr optimistisch sind und manche Investitionen früher als riskant angesehen worden wären. Auch Verbraucher sparen weniger und/oder kaufen mehr auf Kredit, weil sie gute Jobs haben und auf bessere hoffen können.

Irgendwann kippt die Stimmung: Die Verbraucher können sich keine Konsumkredite mehr leisten, auch die Unternehmen wollen ihren Schuldenstand nicht weiter erhöhen, zudem erweisen sich einige Investitionen als zu optimistisch. Die Wirtschaft kühlt sich ab, die Nachfrage geht zurück. Die neu aufgebauten Kapazitäten können nicht ausgelastet werden und rentieren sich nicht wie geplant. Mitarbeiter werden entlassen, was die Nachfrage weiter dämpft. Verbraucher und Unternehmer konsumieren und investieren nicht mehr stark, sondern nutzen ihre Einnahmen dazu, ihre Schulden abzubauen – bei schlechter Konjunktur erscheint der gleiche Schuldenstand viel bedrohlicher als in Boomzeiten. Banken sind sehr zurückhaltend bei der Kreditvergabe, weil Kredite aus der Boomzeit ausgefallen sind und weil sie ebenfalls ihre Schulden abbauen wollen. Die von Unternehmen aufgenommen Kredite sinken im Verhältnis zum Eigenkapital („Deleveraging“). In dieser Abschwungphase muss es nicht notwendigerweise zu einer Schrumpfung der Wirtschaft kommen, das Wachstum ist nur deutlich geringer als es normalerweise der Fall wäre.

Nach einer Phase des Abschwungs ist die Talsohle erreicht (meist wird hier der Begriff Rezession oder Depression benutzt – beides aber Begriffe, die eigentlich eine andere Bedeutung haben). Das Wachstum ist jetzt am schwächsten. Allerdings haben Unternehmen, Banken und Privatpersonen ihre Schulden irgendwann wieder auf ein beruhigendes Niveau heruntergefahren und können sich deswegen wieder Investitionen oder Kreditvergabe mit einem gewissen Minimalrisiko leisten bzw. etwas mehr konsumieren. Die Nachfrage geht nicht weiter zurück, die Konjunkturlage nimmt eine Wende und der Zyklus beginnt von neuem.

Der Schweinezyklus und andere Faktoren
Wie viel ist an dieser einleuchtend wirkenden Theorie tatsächlich dran? Es gibt durchaus zyklische Entwicklungen in der Wirtschaft wie z.B. den sogenannten Schweinezyklus. Bei hohen Preisen für Schweine investieren viele Leute gleichzeitig  in die Schweinezucht. Bis die neuen Ställe gebaut und die Schweine Schlachtgewicht erreicht haben, vergeht eine gewisse Zeit – und erst dann merken alle, wie viele Leute in die Schweinezucht investiert haben und wie viele Schweine es im Angebot gibt – nämlich ein Überangebot. Der Preis verfällt, viele Züchter gehen pleite, das Angebot geht zurück, die Preise steigen etc. Der Schweinezyklus wurde Mitte der 1920er für den Schweinemarkt empirisch nachgewiesen und gilt für viele produzierende Wirtschaftsbereiche wie z.B. Wohnungsbau oder Computerchips.
Allerdings werden Konjunktur und Schweinepreise noch von vielen anderen Faktoren beeinflusst. Der Schweinzyklus kann von Auftreten eine Tierkrankheit wie z.B. der Schweinepest völlig durcheinander gebracht werden. Die Konjunktur einer Volkswirtschaft wird von noch viel mehr Faktoren bestimmt: Die Konjunktur in wichtigen Exportländern und vor allem die Wechselkurse der eigenen Währung sind besonders bedeutende Faktoren, aber auch Finanzmärkte, Rohstoffpreise, Geldpolitik, inländische politische Entscheidungen (der Staat trägt viel zur Inlandsnachfrage bei), geänderte Handelsregeln oder auch Psychologie können deutlich Auswirkungen auf die Konjunktur haben. Neben diesen Faktoren nimmt sich der Einfluss des vermuteten Konjunkturzyklus gering aus, und tatsächlich folgen die statistischen Daten zum Wirtschaftswachstum einzelner Länder keinem regelmäßigen Zyklus, sondern ändern sich oft sprunghaft aufgrund äußerer Ereignisse (z.B. Ölkrise 1973), spekulativer Blasen (Dotcom-Boom um 2000) oder aufgrund von Politikwechseln.

Was ist tatsächlich dran?
Wenn der ab dem zweiten Abschnitt beschriebene Konjunkturzyklus in der Realität so nicht beobachtet werden kann, warum sollte man sich mit dieser Theorie überhaupt beschäftigen? Sie ist meines Erachtens ein nützliches Denkmodell, weil einige wesentliche Elemente tatsächlich beobachtbar sind und auftreten:
– Auf- und Abschwung verstärken sich oft tatsächlich selbst, weil in einem Aufschwung investiert wird, dabei in der Regel Arbeitsplätze entstehen und das die Nachfrage stärkt, während in einem Abschwung Arbeiter entlassen werden, dadurch ihr Gehalt verlieren und somit die Nachfrage schrumpft
– In Boomphasen führt übertriebener Optimismus oft zu Leichtsinn, genauso wie in einem Abschwung übertriebener Pessimismus auftritt und zu Fehlentscheidungen führt; Pessimismus und übertriebene Vorsicht können zum Beispiel Banken davon abhalten, gesunden Unternehmen Kredite zu gewähren – benötigt das Unternehmen diese Kredite aber, um alte Schulden zu erneuern (was völlig normal ist), kann es bankrott gehen, obwohl es stetig Gewinne erwirtschaftet
– die Abfolge von übertriebenem Boom, irgendwann kippender Stimmung und dann Talfahrt lässt sich speziell an von Spekulation getriebenen Märkten wie Finanzmärkten für Aktien, Derivate und manche Rohstoffe beobachten, außerdem z.T. am Immobilienmarkt, der phasenweise spekulativ ist; das wird noch interessant, wenn es in einem anderen um den Ökonomen Hyman Minsky und seine Theorie von den instabilen Finanzmärkten geht
– die Auslastung von Produktionsanlagen ist ein wertvoller Indikator für die wirtschaftliche Lage; zwar macht der Dienstleistungsbereich inzwischen einen deutlich größeren Teil des BIP aus als die Produktion, allerdings hängen sehr viele Dienstleistungen vom Produktionssektor ab
– die Verschuldungsrate von Unternehmen und Privathaushalten beeinflusst die Entscheidungen dieser Wirtschaftsteilnehmer gerade in Abschwungphasen erheblich; Verschuldung wird von Wirtschaftsteilnehmern immer im Verhältnis zu ihrer Einnahmesituation betrachtet – in der Boomphase wird darum mehr an Krediten aufgenommen, als man später im Abschwung für akzeptabel hält, weswegen im Abschwung gespart wird; zu hohe Kreditaufnahme im Aufschwung und Boom kann im Abschwung zu einer Bilanzrezession führen, die in einem eigenen Artikel behandelt werden wird
– entsprechend ist das Verhältnis zwischen Eigenkapital und Verschuldung eines Unternehmens auch ein wichtiger Indikator für seine Wirtschaftssituation: ist dieses Verhältnis (der „Hebel“) niedrig, hat es Spielraum für kreditfinanzierte Investitionen und steht auf soliden Füßen – ist das Verhältnis hoch, ist das Unternehmen anfällig gegenüber Verlusten und kann es sich kaum noch leisten, weitere Investitionen mit Krediten zu finanzieren
– Aufschwünge kommen nicht von selbst, sondern weil sich an der Lage der Wirtschaftsteilnehmer etwas ändert und irgend jemand wieder mehr Geld ausgibt; das können Unternehmen einer bestimmten Branche sein, z.B. weil sie mehr Aufträge aus dem Ausland bekommen oder eine neue Erfindung umsetzen wollen, das können Konsumenten sein, die ihre Schulden ausreichend verringert haben, das kann der Staat sein, der in Infrastruktur investiert; aber es braucht einen gewissen Anstoß, genau wie auch der Übergang vom Aufschwung in den Abschwung nicht einfach so passiert, sondern weil Wirtschaftsteilnehmer das Wachstumstempo nicht mehr durchhalten

Fazit
Die Theorie der Konjunkturzyklen fasst all diese Punkte sehr schön und anschaulich zusammen; in einer komplexeren Version geht man von mehreren einander überlagernden Zyklen unterschiedlicher Länger aus. Dennoch sollte man nie vergessen, dass äußere Faktoren eine viel größere Rolle spielen und dass es sich dabei um ein reines Modell handelt, das keinesfalls die ganze Wirklichkeit wiederspiegelt.

Da während des Booms und während des Abschwungs leicht irrationale Entscheidungen getroffen werden, die für Unternehmen und auch die Gesamtwirtschaft auf die Dauer schädlich sind, liegt es im Interesse der Allgemeinheit, dass die Ausschläge nach oben und unten möglichst gering ausfallen und stattdessen ein möglichst stabiles und gleichmäßiges Wachstum werden. Deswegen reagieren zum Beispiel Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik auf Wirtschaftsentwicklungen, indem sie durch Zinserhöhungen in den Boomzeiten die Kreditvergabe bremsen und sie durch Zinssenkungen während des Abschwungs ankurbeln. Ein weiterer Stabilisierungsfaktor sind die oft geschmähten sozialen Sicherungssysteme: Während des Booms fließt z.B. in die Arbeitslosenversicherung wegen guter Geschäfte und geringer Arbeitslosigkeit mehr Geld als ausgegeben wird. Dieser Geldabfluss schwächt den Konsum und die Tendenz zu Investitionen, dadurch die Nachfrage und damit den Boom. In wirtschaftlich schlechten Zeiten wiederum gibt die Arbeitslosenversicherung in der Summe Geld an die Wirtschaftsteilnehmer ab und stabilisiert durch das gezahlte Arbeitslosengeld die Nachfrage, die sonst aufgrund des Verlust von Arbeitsplätzen viel stärker zurückgehen würde. Insofern ist es auch ausgesprochen dümmlich, die Arbeitslosenversicherung als reinen Kostenfaktor zu betrachten.

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