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17. April 2013 / AL

Spekulationsblasen – Teil 1: Entstehung, Zusammenbruch und Folgen

„Wenn ein Spekulant auf einen Tip „ja“ sagt, meint er „vielleicht“, sagt er „vielleicht“, meint er „nein“, und wenn er spontan „nein“ sagt, ist er kein wirklicher Spekulant.“
André Kostolany (1906-99), amerik. Börsenkolumnist ungar. Herkunft

Eine Anmerkung in eigener Sache: Leser der NachDenkSeiten haben vermutlich Jens Bergers Podcast zur Giralgeldschöpfung gesehen. So sehr ich Jens Berger und seine Analysen sonst schätze, meines Erachtens enthält dieser Podcast einige sachliche Fehler oder schwer verständliche Erklärungen in puncto Geldschöpfung, Inflation/Deflation, Geldpolitik und Definition eines Minsky Moment. Eine Erklärung des Minsky Moment findet sich im kommenden zweiten Artikel zu Spekulationsblasen.

Im letzten Artikel habe ich beschrieben, was laut der Theorie der Konjunkturzyklen in Boomphasen passiert, also in Zeiten, die von übertriebener wirtschaftlicher Euphorie gekennzeichnet sind: Unternehmen investieren leichten Herzens, weil sie mit weiteren guten Geschäften rechnen, Banken vergeben leichten Herzens Kredite, weil bei gut gehender Wirtschaft das Ausfallrisiko als niedrig eingeschätzt wird, Verbraucher konsumieren mehr, weil sie ihre Zukunft rosig sehen, es kommt zu Übertreibungen. Irgendwann werden die hochfliegenden Erwartungen nicht mehr erfüllt, Unternehmen und Banken werden vorsichtiger, Arbeitsplätze werden eher abgebaut als geschaffen, die Nachfrage geht zurück, es kommt zu einem Abschwung.
Spekulationsblasen funktionieren nach einem ganz ähnlichen Prinzip; da sie die konjunkturelle Lage beeinflussen, können sie sogar wesentlicher Teil eines Konjunkturzyklus sein. Dennoch verläuft eine Spekulationsblase nicht nur extremer, sondern hat auch eigene Mechanismen, die man separat betrachten sollte.

Wie entstehen Spekulationsblasen?
Spekulationsblasen basieren im Prinzip darauf, dass Wertanlagen („Assets“) wie z.B. Aktien (vor Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 oder der Dotcom-Krise) oder Häuser (Subprime-Blase vor 2007) eine ganze Zeit lang kontinuierlich im Preis steigen. Das wiederum ruft Spekulanten auf den Plan, die billig kaufen und teuer verkaufen wollen; solange die Blase sich weiter aufbläht, gelingt ihnen das auch, was weitere Spekulanten anlockt. Eine Spekulationsblase verstärkt sich also eine Zeit lang selbst.
Die Blase beeinflusst aber nicht nur den Markt für die im Preis steigende Wertanlage, sondern auch das gesamte Wirtschaftssystem, das sich auf die neuartige „todsichere Sache“ einstellt. Ein wesentlicher Teil dieser Ausrichtung ist eine großzügige Kreditvergabe durch die Banken, die diese Wertanlage als zuverlässige Sicherheit betrachten, die nach einem Zahlungsausfall ohne Verlust verkauft werden kann; die Reaktion auf den neuen Trend geht aber oft deutlich darüber hinaus. So konnte man in den 1920ern in den USA Aktien teilweise Aktien auf Kredit kaufen, wenn man nur 10-20% des Aktienpreises in Bargeld zur Verfügung hatte. Während der Dotcom-Blase Ende der 90er gaben viele neue Internet-Unternehmen große Summen Risikokapital oder durch Aktienemissionen erhaltenes Kapital für Bürogebäude und IT-Infrastruktur aus und wurden von Städten und Bundesstaaten mit neu angelegten Glasfasernetzen angelockt. Und während der Subprime-Blase in den USA entstanden dank der Immobiliennachfrage sehr viele neue Häuser. Spekulationsblasen haben also oft eine ähnliche Auswirkung auf die Wirtschaft wie (laut Konjunkturtheorie) der Optimismus der Boomzeit.

Wie stark dieser Schub für die Gesamtwirtschaft ist, hängt allerdings davon ab, wie viel der zusätzlichen Kredite in realwirtschaftliche Investitionen fließen und damit für zusätzliche Einnahmen anderer Unternehmen, zusätzliche Arbeitsplätze und zusätzliche Nachfrage sorgen. Der oft genannte Effekt, dass die Besitzer überbewerteter Häuser oder Aktien sich reicher fühlen und daher mehr Geld ausgeben, scheint dabei deutlich geringer zu sein als früher vermutet: Studien deuten darauf hin, dass nur etwas 6% des zusätzlichen Buchwerts der überteuerten Wertgegenstände („Assets“) zusätzlich ausgegeben werden. Dennoch haben auch diese Ausgaben einen spürbaren, wenn auch nicht sehr großen Effekt.

Wie platzen Spekulationsblasen – und was sind die Folgen?
Kurz vor dem Platzen der Blase lässt sich die Situation so beschreiben: Der Preis für die Wertanlage ist stark gestiegen und liegt deutlich über dem langfristigen Durchschnitt. Der Kauf der Wertanlage wurde von vielen Anlegern zu wesentlichen Teilen mit Krediten finanziert; diese Kredite die von den Banken aufgrund des Vertrauens in die ständig im Preis steigende Wertanlage gern gewährt wurden. Somit sind viele Besitzer der Wertanlage deutlich verschuldet. Entsprechend sind die Bankbilanzen durch Kreditvergabe (-> Giralgeldschöpfung) gewachsen und die Banken haben sehr viele Forderungen an Kreditnehmer. Die konjunkturelle Lage ist gut oder sogar sehr gut, da im Gefolge der Spekulation mehr konsumiert und investiert wurde. Aber die Wirtschaft ist sehr anfällig für schlechte Nachrichten bezüglich der Wertanlage geworden.

Irgendwann ist der Höhepunkt der Blase erreicht: Es kommen kaum noch Investoren oder Spekulanten hinzu und die bisherigen Marktteilnehmer nehmen keine weiteren Kredite mehr auf. Das geschieht spätestens, wenn alle potentiellen Spekulanten eingestiegen und die Kreditmöglichkeiten ausgeschöpft sind, es kann aber auch einen äußeren Anlasse geben wie z.B. steigende Kreditzinsen, sinkende Erträge aus der Wertanlage (z.B. sinkende Mieten) oder Verluste der Anleger in anderen Bereichen. So oder so: Die Preise beginnen zu fallen. Oft stabilisieren sie sich noch einmal kurz, weil nach einem Preisrückgang um 10% oder 20% die Wertanlage von manchen als preiswert empfunden und gekauft wird; bald aber fallen die Preise weiter. Das übt vor allem Verkaufsdruck auf jene Spekulanten aus, die ihre Käufe großteils mit Krediten finanziert haben; wenn die Preise fallen, können sie schon nach kurzer Zeit diese Kredite nicht mehr mit dem Erlös aus der Wertanlage zurückzahlen. Mehr Verkäufe drücken den Preis weiter, immer mehr Anleger müssen verkaufen oder versuchen einfach, ihre Verluste gering zu halten, und so fällt der Preis der Wertanlage, bis sie günstig genug ist, um wieder eine große Zahl Käufer anzulocken.

Der Preisverfall hat weitere Folgen, die den Geschehnissen in einer Abschwungphase entsprechen: Die Spekulanten können ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen, Banken erleiden durch eine hohe Zahl an Kreditausfällen Verluste und werden dadurch sehr zurückhaltend bei der Kreditvergabe. Unternehmen der Realwirtschaft können somit weniger investieren, manche können ihre Kredite nicht mehr erneuern und geraten trotz guter Geschäftslage in Schwierigkeiten oder gehen bankrott, Arbeitsplätze gehen verloren, die Nachfrage sinkt. Je größer die Blase war, desto schwerer und langanhaltender sind die Auswirkungen.
Man könnte nun die Frage stellen: Was ist so schlimm an Spekulationsblasen? Zugegeben, eine Weile wird alles übertrieben, aber durch den Crash schrumpft sich die Wirtschaft wieder auf normales Maß – und die unvernünftigen Leute gehen halt pleite. Leider stimmt das aber nicht. Während die Spekulationsblase wächst, werden viele Ressourcen – Geld, Rohstoffe, Arbeitskraft – in Bereiche investiert, wo sie nicht auf Dauer gebraucht werden; übrig bleiben oft Investitionsruinen wie z.B. die leerstehenden, z.T. halbfertigen Häuser nach der spanischen Immobilienblase der 2000er. Diese Ressourcen, die ansonsten in nachhaltig produktive und Bedürfnisse erfüllende Bereiche gegangen wären, sind verschwendet und verloren. Im Abschwung gehen dafür durch mangelnde Kredite auch Unternehmen kaputt, die gesund sind und Gewinne erwirtschaften, aber eben einen alten Kredit durch einen neuen ablösen müssten und diesen nicht bekommen. Die mangelnde Kreditvergabe hat außerdem die Folge, dass vernünftige kreditfinanzierte Investitionen unterbleiben oder verschoben werden. Drastisch ausgedrückt: Es wird erst sinnlos vergeudet und dann sinnlos zerstört.

Es ist also im Interesse der Gesellschaft, Spekulationsblasen zu verhindern. Aber ist das überhaupt möglich und wenn ja, wie? Ja, es ist möglich, und wie, das schreibe ich im nächsten Artikel, denn sonst wird der hier wieder so lang. Bis später in der Woche!

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