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15. Juni 2013 / AL

Die Deflationsfalle

„Die Phönizier haben das Geld erfunden – warum bloß so wenig?!“
Johann Nepomuk Nestroy (1801-62), östr. Lustspieldichter u. Charakterdarsteller

Nachdem wir uns in den letzten zwei Artikeln mit Spekulationsblasen und dem spekulativen Boom befasst haben, wäre als nächstes eigentlich das Gegenteil dran – die schwere Rezession. Allerdings dazu noch ein gedanklicher Baustein, nämlich die Deflation, also das Fallen der Preise auf breiter Front.

Wann tritt Deflation auf?
Abgesehen von wenigen Sonderfällen, in denen starke Produktionssteigerungen bei langsamer steigender Nachfrage die Ursache war, ist Deflation ein Merkmal schwerer wirtschaftlicher Krisenzeiten.* Auf breiter Front fallende Preise sind nur möglich, wenn in der ganzen Wirtschaft die Herstellungskosten sinken. Wie im Artikel über Inflation ausgeführt, sind die wichtigsten Faktoren für die Herstellungskosten die Rohstoffpreise, die Strompreise (die v.a. von Rohstoff- und Lohnkosten bestimmt werden) und vor allem die Löhne.
Allgemein sinkende Rohstoffpreise sind – wenn man vom Einfluss der Spekulation absieht – schnell erklärt: Dass die Preise der meisten Rohstoffe sinken, weil bei ihnen gleichzeitig das Angebot drastisch steigt, kann man getrost ausschließen. Entsprechend sind sinkende Rohstoffpreise das Ergebnis sinkender Nachfrage nach Rohstoffen, also sinkenden Verbrauchs und damit in der Regel sinkender Produktion.
Wie ist es bei den Löhnen? Kaum ein Arbeitnehmer (bzw. Leistungsgeber) nimmt einfach so Lohnsenkungen hin; er tut es meist dann, wenn er fürchtet, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Das passiert entweder, wenn das Unternehmen vor der Pleite steht oder aber wenn der Arbeitnehmer leicht ersetzbar ist – wenn es viele Arbeitslose gibt, die seinen Job gerne und für wenig Geld machen würden. Aber das allein ist noch nicht ausreichend, um für Preissenkungen zu sorgen; denn die Unternehmer könnten ja in einer solchen Situation auch nur die Löhne drücken und die Preise gleich lassen, um ihre Gewinne zu erhöhen. Deflation tritt erst dann auf, wenn es auch auf die Unternehmer Druck zu Preissenkungen gibt.

Angenommen, ein Autohersteller hat in einem solchen Umfeld große Schwierigkeiten, genügend Autos zu verkaufen, und es liegt nicht an seinem Produkt, sondern die Nachfrage nach Autos ist zur Zeit extrem gering. Zunächst drosselt er natürlich die Produktion, aber das kann er nur bis zu einem gewissen Grad; denn er muss Autos verkaufen, um seine Fixkosten für Maschinenwartung, Kredite zur Finanzierung der Investitionen, Mieten etc. zu decken. Es bleibt ihm also nichts übrig, als den Absatz zu erhöhen, und dafür gibt es nur einen zuverlässigen Weg: Er senkt die Preise. Damit will er zum einen erreichen, dass mehr Kunden seine Autos kaufen anstatt die der Konkurrenz, und zum anderen sollen Kunden durch die günstigen Preise dazu angeregt werden, das neue Auto gleich zu kaufen und nicht erst nächstes Jahr.
Allerdings leidet die Konkurrenz unter den gleichen Problemen und wird genau das gleiche versuchen – spätestens, wenn der erste Autohersteller seine Preise senkt, um ihnen Kunden abzujagen. Die Preise sinken also überall, ein paar Leute kaufen vielleicht tatsächlich ihr Auto ein Jahr früher, aber durch die niedrigeren Preise verdienen alle Hersteller noch weniger an ihren Autos. Spätestens jetzt versuchen die Autohersteller, Kosten zu sparen, und können nicht umhin, Leute zu entlassen und den übrigen Mitarbeitern die Löhne zu kürzen.

Woher kommt die extrem schwache Nachfrage, von der dieses Beispiel ausgeht? Zum einen sind viele Leute arbeitslos und können sich kein Auto leisten, zum anderen ist vermutlich gerade ein besonders starker Boom vorbei oder eine Spekulationsblase ist geplatzt – mit dem Ergebnis, dass die Wirtschaft gerade schlecht läuft. Viele Haushalte können sich weniger leisten, halten aus Unsicherheit ihr Geld zusammen oder müssen Schulden abtragen, Banken geben weniger Kredite, weil sie Verluste durch zahlungsunfähige Schuldner erlitten haben, Unternehmen investieren wegen geringer Nachfrage nicht. Nach einem starken Boom mit besonders viel übertriebenem Optimismus sind die Verluste höher und der Abschwung schlimmer. Das beste Beispiel ist die Weltwirtschaftskrise ab 1929, die auf den Wirtschaftsboom der „Goldenen Zwanziger“ folgte. Die Unternehmen verhielten sich wie beschrieben: Sie drosselten die Produktion, senkten die Preise, kürzten die Löhne und entließen Arbeitnehmer. Jeder Einzelne handelte damit aus seiner Sicht vernünftig; dennoch machten sie damit alles schlimmer.

Der Teufelskreis der Deflation
Was bedeuten diese sinkenden Preise für die Volkswirtschaft? Vor allem bedeuten sie, dass sich für die Unternehmen kreditfinanziertes Investieren nicht mehr lohnt: Denn wenn das Geld z.B. jedes Jahr 3% mehr wert wird, werden meine Schulden jedes Jahr von selbst 3% teurer und ich muss 3% mehr verkaufen, um nur auf Null herauszukommen. Also wird unter solchen Bedingungen kaum investiert und es werden keine Arbeitsplätze geschaffen. Auch Privathaushalte verschieben den Kauf eines Autos, einen geplanten Hausbau oder auch einfach nur einen Urlaub eher nach hinten, weil sie dann weniger Geld bezahlen müssen. Vor allem tritt eine Deflation in wirtschaftlich schlechten Zeiten auf, wenn die Zukunft unsicher ist und die Menschen ihre Geld ohnehin eher zusammenhalten. Die Nachfrage sinkt also immer weiter, die Unternehmen reagieren mit weiteren Preissenkungen, Lohnkürzungen und Entlassungen und senken dadurch die Nachfrage noch mehr; mehr und mehr Unternehmen können gar nicht mehr mithalten und gehen Bankrott. Jeder hat weniger Geld, jeder gibt weniger aus, und da  in einer Volkswirtschaft die Ausgeben das einen die Einnahmen des anderen sind, nehmen auch alle weniger ein und sind um so sparsamer, aus Angst vor der Zukunft. Die Wirtschaft schrumpft immer weiter – im schlimmsten Fall bis zum Zusammenbruch.

Den Teufelskreis durchbrechen
Die Deflation kann nur dann enden, wenn die Nachfrage wieder steigt. Da der Zusammenbruch der Nachfrage von den Privathaushalten und den Unternehmen ausgeht, bleiben nur zwei Kandidaten übrig: Der Handel mit anderen Ländern, also der Export, und der Staat.
Der Außenhandel ist nur selten dazu in der Lage, die Deflationsspirale zu stoppen: Schwere Wirtschaftskrisen sind nur selten auf ein Land beschränkt, und wenn der Außenhandelssektor groß und stabil genug ist, um die Deflationsspirale zu stoppen, verhindert er in der Regel bereits ihre Entstehung (viel Außenhandel bedeutet, dass Lohnkürzungen im Inland den Absatz nicht so sehr drücken, somit werden keine weiteren Lohnkürzungen nötig). Großbritannien gelang es zwar in den 1930ern, durch eine Währungsabwertung und stärkere Exporte aus einer Lohndeflation zu befreien, die aber durch überbewertete Währung bei gleichzeitigem Nachfrageeinbruch aus dem unter der Weltwirtschaftskrise leidenden Ausland entstanden war.
In der Regel bleibt nur der Staat, der im Gegensatz zu den anderen Akteuren auch während einer Deflation Schulden aufnehmen und damit Nachfrage erzeugen kann. Tut er das, verbessert sich die Lage der Unternehmen und sie kürzen die Löhne nicht mehr – die Nachfrage stabilisiert sich, der Teufelskreis ist durchbrochen.

Ein Blick in die Geschichte
Was passiert, wenn der Staat in einer schweren Deflation nicht eingreift, zeigt ein Blick in die Geschichte: In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 kam es v.a. in den USA und in Deutschland zu einer Preis- und Lohndeflation.
– In den USA fiel die Industrieproduktion innerhalb von drei Jahren um mehr als ein Drittel. Das Blatt wendete sich nach 1932: In diesem Jahr erhöhte Präsident Hoover trotz kollabierender Steuereinnahmen die Staatsausgaben um 30% und nahm ein gewaltiges Staatsdefizit in Kauf. Sein Nachfolger Roosevelt baute die Politik staatlicher Intervention massiv aus, und die Wirtschaft begann sich zu erholen. Das Vorkrisenniveau erreichte die US-Wirtschaft allerdings erst wieder, als das Land sich mit immensen Staatsausgaben für den 2. Weltkrieg aufrüstete.
– Der deutsche Staat konnte nicht einfach Geld ausgeben, da er die Reparationszahlungen aus dem Versailler Vertrag zu leisten hatte. Der Staat sparte daher selbst nicht weniger eisern als die Wirtschaft, erhöhte die Steuern, kürzte Sozialleistungen und übte u.a. mit Gesetzen Druck auf die Wirtschaft aus, Löhne und Preise zu senken, um den Export anzukurbeln. Die Folgen waren verheerend: Unter dem Reichskanzler Heinrich Brüning, der diese Deflationspolitik betrieb, sanken Löhen und Preise innerhalb von zwei Jahren um 20%, die Industrieproduktion brach um 30% ein, die Arbeitslosigenquote verdoppelte sich von knapp 16% auf beinahe 31%. Dieser Zusammenbruch ging Hand in Hand mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten.
– Großbritannien litt ebenfalls unter einer (leichteren) Lohndeflation, konnte ihr aber durch eine Währungsabwertung und stärkere Exporte entkommen (s.o.). In Schweden führte die Krise zur Einrichtung des Wohlfahrtsstaates und mehr als 40 Jahre Wahlsiegen der sozialdemokratischen Partei. Japan, das von der Krise weniger stark betroffen war, erlebte dagegen durch Währungsabwertung und massive öffentliche Ausgaben bald wieder einen so starken Aufschwung, dass die Ausgabenprogramme 1934 aus Furcht vor einer Überhitzung der Wirtschaft wieder eingestellt wurden.

Das Japan der 1990er wird ein wesentlicher Protagonist des nächsten Artikels sein. Dann geht es um eine andere Art der Rezession – die ebenfalls ohne staatliche Intervention kaum zu bewältigen ist.

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* Die Erklärung der sog. Monetaristen ist schlicht eine im Vergleich zur Gütermenge schrumpfende Geldmenge. Dieser Ansatz ist zwar sinnvoller als die monetaristische Erklärung für Inflation, da die steigende Gütermenge im Unterschied zur steigenden Geldmenge allgemein verfügbar ist; allerdings kann man die mir bekannten Beispiele auch mit Warenüberangebot bzw. schwächer als die Produktion steigender Nachfrage erklären. Außerdem gibt es Gegenbeispiele, in denen eine schrumpfende Geldmenge bei gleichem Angebot keine Deflation auslöste.

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  1. nometa1 / Feb 8 2014 16:23

    Sehr geehrter Herr Lorenz!

    Erstmal ein großes Lob für diesen Blog! Ich habe schon mehrere Wirtschaftsbücher gelesen, aber hier habe ich (v.a. im Bereich Außenhandel u. Wechselkurse) noch ein paar Dinge lernen können. Sie schreiben sehr verständlich, ungewöhnlich verständlich, das ist echt fein.

    Doch zu diesem Aufsatz ein paar kritische Anmerkungen:
    1. Zur Theorie: Für Sie ist, wenn ich richig verstanden habe, die Hauptursache für Deflation nicht eine schrumpfende Geldmenge, sondern die mangelnde Konsumgüternachfrage. Das lässt die Unternehmen die Kosten senken, dadurch fällt die Nachfrage weiter u.s.w.
    Dazu ein paar Fragen. Erstens: Warum haben so viele Unternehmer, deren Job es ja ist, die Zukunft richtig zu antizipieren, sich gleichzeitig geirrt? Hätten sie nicht die fehlende Absetzbarkeit vorhersehen müssen? Natürlich, irren ist menschlich – aber kommt so ein „cluster of errors“ wirklich einfach aus dem Nichts?
    Zweitens: Wenn die Konsumgüternachfrage sinkt, natürlich, dann erfahren erstmal die Produktionsbereiche, die nahe am Konsum angesiedelt sind, Verluste. Aber sehr konsumferne, kapitalintensive Bereiche spüren davon noch nichts. Jedenfalls nicht gleich. Das müsste die Investitionen eigentlich in die kapitalintensiven Bereiche drängen lassen, zumal bei höherer Sparquote (=weniger Konsum) die Zinsen sinken, was ebenfalls langfristige (kapitalintensive) Investitionen anregt. Es ist hier wichtig, zu erkennen, dass es eine Kapital- bzw. Produktionsstruktur gibt, nicht nur die neoklassische Einteilung: Konsumgüterindustrien vs. Kapitalgüterindustrien.
    Drittens: Wenn die Leute sich mit ihren Ausgaben zurückhalten, dann beschleunigt das ja den Preisverfall. Und ich denke nicht, dass Menschen ihre Einkäufe so lange wir nur irgendwie möglich aufschieben. Schließlich sinken die Preise in der IT-Branche seit Jahren, und haben die Unternehmen deshalb Absatzschwierigkeiten?

    2. Zu den historischen Beispielen:
    Ad „Große Depression“: Die Depression dauerte extrem lang für amerikanische Verhältnisse, trotz (oder wegen?) aller möglichen staatlicher Interventionen. Ich weiß nicht, ob das als Erfolg verbucht werden kann. Ich finde diesen Artikel hier sehr empfehlenswert: http://ef-magazin.de/2010/04/25/2038-der-new-deal-und-seine-ueberwindung-roosevelts-desaster
    1920 gab es einen ähnlichen Konjunktureinbruch in den USA. Der Staat tat wenig bis nichts. Nicht dass so etwas zu wünschen wäre, aber die Lage verbesserte sich schon 1921.
    Jedenfalls war keine mangelnde Konsumgüternachfrage das Problem, denn hauptsächlich Kapitalgüterindustrien brachen ein.
    Und eines würde ich doch überdenken: Glauben Sie wirklich, dass Kriege gut für die Wirtschaft sind? Also dass WK2 die USA aus der Krise geholt hat? Ich weiß nur, dass immer mehr Ökonomen und Historiker das verneinen.
    Ad „Brüning“: Ich habe hierzu einen interessanten Artikel gelesen, der Ihrer Darstellung ein wenig widerspricht (er ist zwar etwas schönmalerisch, aber…): http://ef-magazin.de/2011/05/23/3000-heinrich-bruening-der-geschmaehte-der-mythos-vom-nationalsozialistischen-wirtschaftswunder

    So. Das ist jedenfalls das, was ich bisher über Wirtschaft gelernt habe, hauptsächlich aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie (deren Ideologie ich nicht teile, aber ich finde, sie argumentiert sehr logisch). Vielleicht interessiert es Sie oder einen Ihrer Leser ja, diese Gegendarstellung.

    Liebe Grüße,

    nometa

    • AL / Feb 10 2014 00:47

      Sehr geehrter nometa,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihr Feedback! Es freut mich natürlich besonders, von einem Leser zu hören, dass ich verständlich erkläre und somit ein wesentliches Ziel meines Blogs bislang erreicht habe. Das motiviert auch, doch etwas von meiner knappen Zeit abzuknapsen und an einem Artikel weiterzuschreiben – oder ausführlich auf einen Kommentar zu antworten.

      Eine Bemerkung vorab: Der vom Monetarismus behauptete direkte Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation bzw. Deflation klingt zwar plausibel und ist in mathematischen Modellen elegant anzuwenden, kann aber m.E. weder die niedrigen Inflationsraten nach der Finanzkrise 2007/08 noch Japans zwei Jahrzehnte währenden Kampf gegen Deflation bzw. für eine moderate Inflation erklären. Und selbst das überzeugendste und in sich logischste Modell ist wertlos, wenn es reale Beobachtungen nicht erklären kann.

      Ich weiß Ihre kritischen Fragen sehr zu schätzen und werde mich bemühen, auf sie angemessen zu antworten:
      1) Zur Theorie:
      1. Guter Unternehmer können m.E. die Lage in ihrem Marktsegment in der Gegenwart und der nahen Zukunft abschätzen. Sehr gute Unternehmer können dies und zugleich etwas Distanz zu konjunkturellen Stimmungen wahren. Die Aufgabe eines Unternehmers besteht aber hauptsächlich darin, ein Unternehmen so zu leiten und weiterzuentwickeln, dass es erfolgreicher ist als die Konkurrenz, und zugleich potentielle Kundenwünsche richtig zu erkennen. Eine generelle Konjunkturabschätzung der nächsten Jahre (und oft auch nur des nächsten Jahres) ist eine Aufgabe, der die wenigsten Ökonomen gewachsen sind und die daher außerhalb der Fähigkeiten fast aller Unternehmer liegen dürfte. Die Planung von Kapazitäten (die Jahre später im Krisenfall ungenutzt bleiben, Kosten verursachen und daher zu Einsparungen zwingen können) hat einen Zukunfthorizont, den der Unternehmer nicht antizipieren kann. In der Praxis schätzen Menschen die Zukunft ab, indem sie die Gegenwart um die Trends der jüngsten Vergangenheit ergänzen. Das „cluster of errors“ ist daher nichts Ungewöhnliches, zumal der Nachfrageeinbruch üblicherweise einer konjunkturellen Übertreibung oder einer Spekulationsblase folgt, also recht plötzlich kommt.

      2. Eine Deflation tritt üblicherweise nur in einem Umfeld auf, in dem sich die gesamtwirtschaftliche Situation schnell verschlechtert hat (Japan hat die zu erwartende Deflation 1990 durch staatliche Interventionen abgefedert und dadurch Stagnation statt eines harten Einbruchs und danach langsamen Wachstums erfahren). Der sinkende Privatkonsum trifft die Konsumgüterindustrie, die daraufhin deutlich weniger Investitionen tätigt. Das bekommt auch die Investitionsgüterindustrie mit (die zwar kapitalintensiver als viele, aber nicht als alle Bereiche der Konsumgüterindustrie ist) – sie wird es vielleicht nicht gleich spüren, sich aber selbst ebenfalls mit Investitionen zurückhalten. Hinzu kommt, dass der Bankensektor in Krisenzeiten Kreditausfälle hat und dadurch mit der Kreditvergabe deutlich vorsichtiger wird – wodurch gesunde Unternehmen teilweise ebenfalls weniger investieren können.
      Meines Erachtens wird das Geld in einer solchen Situation eher in Staatsanleihen gebunkert oder in anderen Ländern investiert als an die Investitionsgüterindustrie verliehen, die ja ohnehin kaum einen Grund hat zu investieren. Warum sollte sie zusätzliche Kapazitäten aufbauen, die in absehbarer Zeit nicht benötigt werden – und seien die Zinsen noch so niedrig; die Kapazitäten aufrechtzuerhalten würde Geld kosten, aber keines einbringen.
      Auch bei der Sparquote habe ich einen anderen Blickwinkel: Ein niedrigerer Konsum und damit eine höhere Sparquote bedeutet zunächst einmal sinkende Einnahmen für die Verkaufenden, und zwar in Höhe des zusätzlich gesparten Geldes. Damit steht nur die gleiche Geldsumme zur Verfügung, wenn alles zusätzlich Ersparte als Kredit aufgenommen wird. Letzten Endes ist das aber bedeutungslos, weil die Menge des zur Verfügung stehenden Kredits nicht von der Summe an Erspartem abhängt, sondern von a) der Nachfrage nach Kredit und b) der Bereitwilligkeit der Banken, die faktisch soviel Geld verleihen können wie nachgefragt wird.
      Die Höhe der kurzfristigen Zinsen werden von Zentralbanken festgelegt und von den Banken auch als langfristige Zinsen (natürlich mit einem gewissen Aufschlag) an die Kunden weitergegeben.

      3. Da haben Sie Recht, die Menschen (bzw. ein spürbarer Teil) schieben aber größere Anschaffungen auf oder entscheiden sich für billigere Varianten, weil ihre eigene Zukunft in einer schlechten wirtschaftlichen Lage ihre Zukunftsaussichten ungewiss sind und sie einen Notgroschen zurückbehalten wollen. Natürlich werden ceteris paribus bei sinkenden Preisen wieder etwas mehr Produkte gekauft, aber da diese sinkenden Preise eben mit einer sich verschlechternden Wirtschaftslage einhergehen, die den Konsum dämpft, wird insgesamt der Konsum nicht anziehen.
      Die IT-Branche ist m.E. leider kein geeignetes Beispiel, da der wahrgenommene Preisverfall v.a. auf technischem Fortschritt beruht; und es handelt sich um Preisrückgänge in einer Branche, nicht in einer gesamten Volkswirtschaft.

      2) Zu den historischen Beispielen:
      1. Vielen Dank für den Link zum Artikel über den New Deal, auch wenn ich dem Text aus verschiedenen Gründen nicht zustimme:
      – Der Einbruch 1937 folgte auf Roosevelts Entschluss, den Haushalt wieder auszugleichen, da die Erholung ja nun eingetreten sei.
      – Die These, Furcht vor Inflation und Steuererhöhungen hielten Unternehmen von Investitionen ab, halte ich für gelinde gesagt originell. Inflation begünstigt den Schuldner (im Extrem sichtbar zu Zeiten der Hyperinflation 1923, als Glücksritter sich das im Wert schnell verfallende Geld liehen, um damit bleibende Werte wie Unternehmen zu erwerben, und auf diese Art steinreich wurden), sollte also wenn überhaupt zur Investition anregen. Den Punkt Steuererhöhungen hat Warren Buffett in einem Interview einmal sehr schön kommentiert: „Wenn ich Sie morgen anrufe und Ihnen einen tollen Investitionsplan vorschlage, werden Sie mich daraufhin nicht fragen, wie viel Steuern Sie denn auf Ihre Gewinne zahlen müssen.“
      – Zu den postulierten Crowding-Out-Effekten habe ich m.E. mit dem Hinweis auf die Verleihpraxis der Banken bereits oben Gegenargumente genannt.
      – WK2 hat die USA zu hohen Staatsausgaben und zu hohen Investitionen gezwungen, hatte also einen ähnlichen Effekt wie ein riesiges Konjunkturprogramm – Nachfrage war in vieler Hinsicht kein wachstumsbeschränkender Faktor mehr. In dieser und nur dieser Hinsicht sind Kriege „gut für die Wirtschaft“. Private Schulden sind in einer Zeit mit hoher Beschäftigung für die Haushalte kein großes Problem, Schuldenüberhänge aus Deflationszeiten können leichter abgebaut werden bzw. werden auf den Staat umgelegt, der diese leichter schultern kann. Der Investitionsboom nach dem Krieg war wesentlich darauf zurückzuführen, dass die finanzielle Lage der Haushalte extrem viel besser als zu Zeiten der Großen Depression.
      – Die Phase der Depression dauerte in den USA übrigens nur von Ende 1929 bis Ende 1933, ab da wuchs die Wirtschaft (abgesehen vom Einbruch 1937/38) wieder deutlich; die Arbeitslosenquote ging aber langsamer zurück als zunächst erhofft.

      2. Zum Brüning-Artikel: Brüning befand sich sicherlich in einer extrem schwierigen Lage, gerade die Reparationsverpflichtungen schränkten seine politischen Möglichkeiten stark ein. Die Überzeugung, der durch Deflation gestärkte Export hätte die Weimarer Republik bald aus der Wirtschaftskrise führen können, halte ich aber für ausgesprochen fragwürdig – Brüning hielt (ob erzwungen oder willentlich) am Goldstandard fest, von dem sich andere Länder schon längst verabschiedet hatten, deutsche Produkte hätten somit durch Abwertungen immer wieder unterboten werden können. Die Terms of Trade hatten sich für die deutsche Industrie meines Wissens nicht nennenswert verbessert. Vor allem muss man auch berücksichtigen, dass die Binnenwirtschaft praktisch immer einen deutlich größeren Anteil des Gesamtwirtschaftsleistung ausmacht als der Export (selbst in Deutschland ist das so, wenn man zur Berechnung nicht gerade die unechte Exportquote heranzieht, die z.B. für Singapur 200% Außenhandelsanteil am BIP ausweist).
      Dennoch hätte die Streichung der Reparationszahlungen Brüning wohl so lange stabilisiert, dass er – ob durch mehr Staatsausgaben oder durch langsames exportgetriebenes Wachstum – politisch hätte überleben können. In dieser – politischen – Hinsicht ist er tatsächlich kurz vor der Ziellinie gescheitert. Aber seine Wirtschaftspolitik deshalb zum Erfolg zu erklären ist in meinen Augen doch arg gewagt.

      • nometa1 / Feb 11 2014 14:57

        Danke für die Antwort, und ich muss Sie schon wieder loben – bisher bin ich noch auf kaum einen (Selfmade-)Ökonomen gestoßen, der auf konträre Meinungen sachlich eingegangen wäre, und ich glaube, noch nie hat sich jemand von mir verlinkte Artikel angesehen 😉
        Ich werde mir daher auch Mühe für meine Antwort geben.

        Eine Bemerkung vorab: Ich bin nicht vom Monetarismus beeinflusst, und ich teile Ihre Ansicht über die viel zu mechanische Darstellung von Geldmenge und Preisen. Meine ökonomische Bildung stammt fast ausschließlich von der „Österreichischen Schule“ (ÖS), deren Hauptvertreter Ludwig von Mises und Friedrich Hayek waren. Und die bewegt sich weit abseits des neoklassischen Mainstreams, auch in dieser Frage: Für die „Österreicher“ ist Inflation gleichbedeutend mit der Ausweitung der ungedeckten Geldmenge. Das ist die altmodische Definition, die sonst von keiner ökonomischen Schule mehr verwendet wird und die deshalb immer wieder für Missverständnisse bei anderen Ökonomen sorgt. „Österreicher“ sprechen auch dann von Inflation, wenn die Preise nicht steigen bzw. sogar sinken. Sie meinen einfach, dass die Preise mit mehr Geld höher sind als sie es sonst wären. Allerdings auch nicht alle Preise – sie betonen, dass Geld niemals neutral sein kann, nie in allen Taschen gleichzeitig auftaucht, sondern immer an bestimmten Stellen in der Wirtschaft eintritt und sich von dort aus quasi durch die Volkswirtschaft „frisst“, wodurch relative Preisverzerrungen entstehen (und natürlich Umverteilungseffekte von Spät- zu Frühempfängern des neuen Geldes, gemäß des Cantillon-Effekts), die sich dann wieder umkehren müssen, wenn der Geldfluss versiegt. Das ist auch ein zentraler Aspekt in ihrer Konjunkturtheorie, und so sehen sie die Kreditexpansion der 1920er Jahre als Ursache für die Große Depression – ein Jahrzehnt, in dem es offiziell überhaupt keine Inflation gab, weil die Konsumgüterpreise etwa gleich blieben.
        Deflation – eine Kontraktion der Geldmenge – kann es „Österreichern“ zufolge nur geben, wenn die Geldmenge zuerst künstlich aufgebläht war.
        Übrigens lehnt die ÖS mathematische Modelle ab, ebenso wie das Konzept des „Homo Oeconomicus“.

        Zur Theorie:
        1. Sie schreiben: „Die Aufgabe eines Unternehmers besteht aber hauptsächlich darin, ein Unternehmen so zu leiten und weiterzuentwickeln, dass es erfolgreicher ist als die Konkurrenz, und zugleich potentielle Kundenwünsche richtig zu erkennen.“ – Das stimmt, wobei die richtige Antizipation der Zukunft (der Marktlage, der Konsumentenwünsche) dafür ja eine notwendige Voraussetzung ist. Ich denke, Unternehmer werden allzu oft als „Automaten“ behandelt: Nachfrage rein, Angebot raus. Aber Unternehmer werden nur dann investieren und das Angebot erhöhen, wenn sie denken, dass die Nachfrage auch in Zukunft da sein wird. (U.a. daran scheitern oft staatliche Konjunkturbemühungen.)
        Eine generelle Konjunkturabschätzung können sie in der Regel nicht abgeben, das stimmt natürlich.
        „Das “cluster of errors” ist daher nichts Ungewöhnliches, zumal der Nachfrageeinbruch üblicherweise einer konjunkturellen Übertreibung oder einer Spekulationsblase folgt, also recht plötzlich kommt.“ – Da gebe ich Ihnen recht, aber ich denke, unsere Ansichten gehen ein bisschen auseinander, wenn es um die Frage der Ursache dieser Übertreibungen kommt. Aber das würde hier zu weit führen, hinein in die Österreichische Konjunkturtheorie (nur falls es Sie einmal interessieren sollte, empfehle ich diesen Artikel als Einführung in die sogenannte „ABCT“: http://mises.org/daily/4993)
        2. Ich muss Ihnen hier widersprechen. Wenn Menschen sparen, dann tun sie das in aller Regel nicht, um einfach dauerhaft weniger zu konsumieren. Meistens tun sie es, um später mehr (oder besser) konsumieren zu können. Es ist also nicht die Frage: Konsum oder nicht Konsum?, sondern: Gegenwärtiger Konsum oder zukünftiger Konsum? Deshalb gibt es durchaus einen Grund, warum konsumferne, längerfristigere Projekte Investitionen anziehen, wenn Konsumgüterindustrien schwächeln. Es ist m.E. nicht viel anders als wenn die Konsumentenpräferenzen sich von Birnen zu Äpfeln verändern. Nur dass es hier eben um eine zeitliche Präferenzverschiebung geht. Die Produktionsstruktur wird sich entsprechend anpassen (sich verlängern) und auf diese zukünftigen Bedürfnisse hinarbeiten. Dieser intertemporalen Koordination dient der Zinssatz: Steigen die Ersparnisse, sinken die Zinsen (ceteris paribus). Das gibt grünes Licht für längerfristigere Investitionen, die einige Zeit benötigen, bevor sie Konsumgüter hervorbringen. Und das steht voll im Einklang mit den Konsumentenpräferenzen.
        Wenn Sie schreiben, dass weniger Konsumausgaben zu weniger Einkommen führen, dann gilt das aus meiner Sicht nur für die Nominaleinkommen, nicht aber für die Realeinkommen. Denn wenn man auf die Ressourcen schaut, dann gibt sich eher ein umgekehrtes Bild: Wenn jemand viel konsumiert, können andere Marktteilnehmer entsprechend weniger konsumieren (niedrigeres Realeinkommen). Wenn jemand weniger Geld ausgibt, sinkt die Geldmenge zwar, aber an der Gütermenge (realem Wohlstand) ändert sich nichts, und deshalb führt das zu sinkenden Preisen, um die sich andere Menschen nun mehr kaufen können. Das mag sich simplifiziert anhören, weil Sie eben sagen, sinkende Preise führen zu Verlusten, aber ich denke eben, dass das auch nur zu sektoralen Verschiebungen führen kann, weil dadurch ja Ressourcen (nicht nur Konsumgüter) freiwerden… Na ja, ich glaube, ich bin ein bisschen zu ausführlich. Aber ich kann’s nicht lassen, ich lasse Ihnen schon wieder einen Link da, ganz unverbindlich: http://www.misesde.org/?p=5365 – da legt ein „Österreicher“, verständlich geschrieben, dar, was Horten mit Finanzmärkten zu tun hat.)
        Dass in unserem Teilreservebankensystem die Geldmenge weitgehend unabhängig von den Spareinlagen ist, das stimmt natürlich. Ebenso dass sich die Banken in Krisenzeiten mit Krediten zurückhalten. (Wobei die Frage zu stellen ist, ob das wirklich schlecht ist – da kommt es eben darauf an, was man als Krisenursache sieht. Aber das würde schon wieder zu weit führen…)
        3. Ich habe leider nicht verstanden, warum für Sie der IT-Bereich ein schlechtes Beispiel abgibt. Warum führt Preisverfall ohne Produktivitätssteigerung zu Absatzschwierigkeiten, aber Preisverfall mit Produktivitätssteigerung nicht? Und inwiefern spielt es hier eine Rolle, ob es sich nur um einen Sektor oder um die ganze Wirtschaft handelt?

        Zu den historischen Beispielen: Damit habe ich mich, um ehrlich zu sein, zu wenig befasst, um wirklich mitreden zu können. Ich will immer verschiedene Blickwinkel kennenlernen, daher freue ich mich über Ihre Antwort. Ich werde sie speichern und berücksichtigen, wenn ich mich den Themen näher widme.
        Nur zwei Anmerkungen:
        1. Guter Einwand, es klingt für mich ebenfalls sehr unrealistisch, dass Steuererhöhungen und Inflation zu einer solchen Investitionszurückhaltung geführt haben sollen…
        2. Ich glaube nach wie vor nicht, dass der Krieg die Krise gelindert hat. Selbst wenn die Staatsausgaben und die Investitionen davon stiegen und das BIP (eine kritisierenswerte Größe!) sich erholte – man muss doch folgendes sehen: Ein großer Teil der Bevölkerung, insbesondere fitte junge Männer, wurden aus der Wirtschaft abgezogen und in den Krieg geschickt. Die Produktion arbeitete dem Krieg zu, nicht mehr den Bedürfnissen der Menschen. – So etwas soll zu mehr Wohlstand führen? Sorry, da bin ich vielleicht stur, aber das ist für mich derart unlogisch… Beschäftigung und Produktion sind ja kein Selbstzweck. (Wenn ich mich recht erinnere, habe ich auch einmal gelesen, dass die Menschen zwar mehr Geld in der Tasche hatten während des Krieges, sich aber tatsächlich weniger kaufen konnten, u.a. weil es allerlei Restriktionen gab etc.) Wobei das mit dem Schuldenabbau, der nach dem Krieg positive Wirkungen entfaltete, das kann natürlich sein.

        Jetzt raucht mein Kopf. Ich hoffe, es war nicht zu lang. Bitte fühlen Sie sich nicht unter Druck, mir (schnell) zu antworten. Ganz wie Sie wollen. Meine Zeit ist ebenfalls knapp, und ich werde wohl nicht mehr so ausführlich antworten können… und wollen, denn im Moment bin ich recht fertig…

        Liebe Grüße

      • AL / Feb 12 2014 17:29

        Vielen Dank für das Lob, über das ich mich sehr gefreut habe und das ich in dieser Form nur zurückgeben kann! Meiner Wahrnehmung nach ist Ökonomie für viele Menschen stark mit ihrer Weltanschauung verknüpft, so dass sie Kritik am einen auch als Kritik am anderen auffassen und dementsprechend harsch reagieren. Das finde ich umso bedauerlicher, als Ökonomie eben eine Wissenschaft sein sollte und kein ideologisches Spielfeld. Daher schätze ich es sehr, wenn jemand so sachlich über diesen Themenkomplex diskutiert, wie Sie es tun.
        Meiner Überzeugung nach ist eine sachliche Diskussion prinzipiell ein Gewinn: Im Mindestfall versteht man den Standpunkt des anderen (und auch oft seinen eigenen) besser, im Optimalfall kann man seine eigene Sichtweise weiterentwickeln und verbessern oder jemand anderem genau dazu verhelfen.

        Übrigens möchte ich zu Ihrer Aussage, sich bei der Antwort Mühe geben zu wollen, ergänzen, dass man beiden Ihrer Kommentare das Interesse an einem guten und beiderseits respektvollen Meinungsaustausch und den entsprechenden Aufwand im positivsten Sinne anmerkt.

        Vorab: Ich kenne mich mit der Österreichischen Schule nicht gut aus, lerne in dem Bereich durch Sie also einiges dazu. Die „Österreicher“ haben den arg modellverhafteten Neoklassikern, soweit ich das sehen kann, schon einiges voraus. Dennoch bin ich einen gegenüber skeptisch, vor allem da sie den Markt allzu leicht als Allheilmittel anpreisen und Verzerrungen durch Marktmacht m.E. nicht ausreichend berücksichtigen. Auch der deduktive, kaum empirische Ansatz ist in meinen Augen problematisch – z.B. stehe ich den Konzepten der vollständigen Konsumentensouveränität und vor allem der Grenzwertlehre sehr skeptisch gegenüber. Deduktive Ansätze neigen meiner Einschätzung nach dazu, über reale Flecken auf dem reinen Gewand der Theorie hinwegzusehen – ironischerweise genau das, woran auch die Theorie des Kommunismus gescheitert ist.
        Obwohl die Österreicher keine formalen Monetaristen sind, sehen sie – wenn ich Sie richtig verstanden habe – doch einen starken Zusammenhang zwischen der in Umlauf befindlichen Geldmenge und dem Preisniveau. Ich persönlich sehe den Einfluss der Geldmenge als deutlich nachrangig an und halte die wirtschaftliche Gesamtlage für den hauptsächlich bestimmenden Faktor: Steigende Nachfrage (oder steigendes Angebot bei gleichzeitig unbefriedigter Nachfrage) führt zu höherem Bedarf an Rohstoffen und Arbeitskräften, damit zu höheren Preisen (im Fall der Arbeitskräfte zu einer stärkeren Verhandlungsposition der Arbeitnehmer/Leistungsgeber) und somit stärkerer Inflation. Dass Geld nicht neutral ist und dass es aufgrund des Eintrittsortes in die Wirtschaft zu Verzerrungen kommen kann, sehe ich wieder genauso. Und dass es deflationäre Wirtschaftseinbrüche vor allem als Folge von Übertreibungen in der Boomzeit gibt, würde ich auch unterschreiben – aber die Mechanismen sehe ich wieder anders als die Österreicher.
        Eine Frage zu dem Thema: Sie haben von „ungedeckter Geldmenge“ gesprochen. Inwiefern ist sie weniger gedeckt als anderes Geld bzw. durch was ist dieses gedeckt?

        Zur Theorie:
        1. Ich halte den überschaubaren Zeithorizont für sehr klein, ebenso ist es sicherlich schwierig, die Entwicklung der Gesamtwirtschaft und die Stärke des Einflusses auf den eigenen Sektor abzuschätzen. M.E. reicht es bei weitem nicht dazu aus, zukünftige Überkapazitäten zu vermeiden (und die Erfahrung lehrt auch, dass viele Unternehmer den Boom freudig mitmachen).
        Danke für Ihren Link zum Artikel über Österreiche Konjunkturtheorie! Ich habe ihn (und den darin erwähnten Artikel zur Sushi-Analogie) sehr interessiert gelesen, auch wenn ich (wenig überraschend) einige Lücken darin sehe. Zum Beispiel geht in der Realität der Produzent ja automatisch in Vorleistung und hat im Normalfall auch noch ungenutzte Kapazitäten (und wenn nicht er, dann der Konkurrent), so dass die Nachfrage häufig tatsächlich der limitierende Punkt ist.
        Höchst skeptisch stehe ich der Hypothese gegenüber, dass in Boomzeiten die Produktionsinfrastruktur „auf Verschleiß“ gefahren wird. Meines Wissens existiert dafür kein empirisches Beispiel – bis jetzt klingt es für mich danach, als sollte einfach eine Gleichung „Konsum + Investition = konstante Gesamtproduktion“ wieder aufgehen, die ich für nicht korrekt halte. In Boomzeiten wird tatsächlich mehr produziert (und es werden mehr Ressourcen verbraucht), in einer Depression sinken Produktion und Ressourcenverbrauch.
        Zu „Boom and Bust“ hätte ich eine interessante Leseempfehlung des von mir sehr geschätzten Postkeynesianers Steve Keen, die sich vor allem auf Spekulationsblasen bezieht: http://ineteconomics.org/sites/inet.civicactions.net/files/keen-steve-berlin-paper.pdf
        2. Ich stimme Ihnen sofort zu, dass Menschen im Normalfall sparen, um in der Zukunft mehr zu konsumieren, als sie es sonst können (zumindest gilt das für das Individuum, auf die Gesamtwirtschaft lässt es sich nicht so einfach übertragen). Aber der Punkt ist „als sie es sonst könnten“ – das Sparen hilft ihnen vielleicht später nur, über eine Zeit geringeren Einkommens hinwegzukommen. Und das zurückgelegte Geld führt nicht zwangsläufig zu mehr Investitionen – meines Erachtens gibt es keinen starken „Money-Push“(es ist viel Geld da, also wird viel investiert)-Effekt beim Investieren, sondern vor allem einen „Demand-Pull“(es ist Nachfrage da, also erweitern wir die Produktionskapazität)-Effekt. Hinzu kommt eben, dass in unserem Geldsystem problemlos jederzeit so viel Geld verfügbar sein kann, wie Kreditnachfrage besteht – es gibt also keine Investitionsbremse durch zu wenig Geld für Kredite und Investitionen, sondern nur durch zu geringen Verleihwillen oder zu geringe Nachfrage.
        Mein Argument/Meine Sichtweise: Aus der praktisch unendlichen verfügbaren Geldschöpfung folgt, dass a) Sparen keine Voraussetzung für Investieren ist, und dass b) der Zinssatz vom Preis für das geschöpfte Geld und nicht für das gesparte Geld abhängt (und der Zinssatz damit von den Zentralbanken und nicht von Marktmechanismen bestimmt wird). Damit kann man nicht mehr davon ausgehen, dass die Ressourcennutzung in einer gegebenen Situation eine Konstante ist, und damit wird auch das Konzept der Sektorverschiebung weniger stichhaltig.
        3. Das Sinken der Preise in einer Deflation ist m.E. nur das Ergebnis einer wirtschaftlichen Notlage: Erst stagniert die Nachfrage, dann drosseln Unternehmer die Produktion, dann senken sie aus Verzweiflung die Preise und drücken u.a. die Löhne, was die Nachfrage weiter senkt etc. Preissenkungen können aber auch durch zusätzlichen Wettbewerb oder bessere und damit billigere Produktionsmöglichkeiten etc. ausgelöst werden, was nicht zu Lohnverfall und Nachfrageschwäche führt. Und das ist bei der IT-Branche der Fall. Die Preise fallen nicht, weil die Nachfrage gesunken ist, sondern weil die gleiche Leistung bei gleichen Löhnen billiger erzeugt werden kann und es dadurch (funktionierenden Wettbewerb vorausgesetzt!) zu Druck von der Angebotsseite kommt. Die Nachfrage bleibt aber bestehen oder nimmt sogar zu, die Branche muss also nicht die Löhne drücken. Und selbst wenn sie es täte, würde dadurch nicht die Nachfrage nach IT-Produkten einbrechen, weil IT-Produkte von allen gekauft werden, nicht nur von Mitarbeitern der IT-Branche. Sinken die Löhne aber in der gesamten Volkswirtschaft, ist das ein Alarmsignal, weil das zu sinkender Nachfrage in der gesamtenVolkswirtschaft führt – was wieder Lohnsenkungen nach sich zieht.

        Zum Effekt des Zweiten Weltkriegs:
        Der Krieg hat meines Erachtens zwar für Voll“beschäftigung“ gesorgt und dadurch ökonomische Schieflagen beseitigt, ganz sicher hat er aber nicht den Wohlstand gemehrt – da gebe ich Ihnen sofort und mit Nachdruck Recht. Es hätte sicherlich viele andere und bessere Wege gegeben, für mehr Beschäftigung zu sorgen und die Krise endgültig hinter sich zu lassen, Wege, die auch tatsächlich den Wohlstand gemehrt hätten.

  2. nometa1 / Feb 13 2014 15:17

    Herzlichen Dank!
    Ich stimme Ihnen hundertprozentig zu: Viele nehmen inhaltliche Kritik gleich als Angriff auf ihre Weltsicht. Wirtschaft behandelt ja auch sehr emotionale Themen, von daher verstehe ich es auch ein wenig. Ich denke, noch ein Aspekt kommt hinzu: Wenn sich Leute sehr lang mit etwas beschäftigt haben und dann Kritik daran wahrnehmen, dann sehen viele es als potenzielle Entwertung ihrer Bemühungen. So viel Zeit haben sie investiert, und jetzt soll das falsch sein, also teils wertlos? Ich kenne das in Ansätzen von mir selbst. Anderen wiederum unterstelle ich einfach, gar nicht wirklich an Erkenntnissen interessiert zu sein. Es wird solche und solche Gründe geben.

    Vorab: Ich teile Ihre Skepsis insofern, als ich die ÖS menschlich sehr – oft erschreckend – abstoßend finde. Wirtschaft muss ja wohl auch etwas mit Menschlichkeit zu tun haben, nicht nur mit Effizienz. Grundsätzlich finde ich aber auch andere ökonomische Denkrichtungen problematisch, die alle Lösungen in „mehr Staat“ sehen. Der Staat besteht ja genauso nur aus fehlbaren, manchmal bösartigen und egoistischen Menschen, und warum sollten die es besser können als die Marktteilnehmer, die direkt betroffen sind und ihr eigenes Geld aufs Spiel setzen? Dass sie das nicht tun, erkennt man u.a. daran, dass staatliche Interventionen meist zu dauerhaften Einrichtungen werden, und oft entstehen regelrechte Interventionsspiralen, weil die Eingriffe selbst neue Probleme schaffen (einfachstes Beispiel: Preiskontrollen). Aber gute Ärzte erkennt man daran, dass sie sich rar machen. Ich bin da also ebenfalls sehr skeptisch.
    Ich denke schon, dass der deduktive Ansatz dem empirischen überlegen ist. Denn die Empirie zeigt nur Korrelationen, aber wie was zusammenhängt, wie die Kausalität ist, das kann sie per se nicht sagen. Fakten sprechen nie für sich selbst, sie müssen immer erst interpretiert werden, und dafür braucht es ein grundlegendes Verständnis. Außerdem widerspricht die Empirie sich oft, von dem her könnte man im Grunde ja überhaupt keine ökonomischen Gesetze ableiten. Zum Beispiel gibt es viele empirische Studien, die darauf hinweisen, dass Mindestlöhne Arbeitslosigkeit fördern. Es gibt aber auch Studien, die das negieren. Was stimmt nun? Oder: Nicht immer führt ein niedrigeres Angebot zu höheren Preisen. Vielleicht kam zur selben Zeit ein Zeitungsartikel raus, der vor negativen Folgen dieses Produkts warnte. Aber heißt das jetzt, dass man den Zusammenhang von Menge und Preisen negieren kann? Nein! Ökonomische Gesetze gelten nach wie vor – aber eben nur unter der „ceteris paribus“-Bedingung, die es in der realen Welt nicht gibt. Auch das Grenznutzengesetz ist m.E. allgemein gültig und tatsächlich quasi unwiderlegbar, weil man in der Realität eben nie einen „ceteris paribus“-Zustand herstellen kann. Man kann ökonomische Theorien nicht so testen wie physikalische.
    Dass der Kommunismus in der Theorie geklappt hätte, dem würde ich widersprechen. Ludwig von Mises hat zum Beispiel darauf hingewiesen, dass es ohne Markt natürlich auch keine Preise geben kann, und dass es ohne Preise für Produktionsfaktoren völlig unmöglich ist, die komplexe Aufgabe der Ressourcenallokation zu bewältigen. (Mehrere Sozialisten haben ihm dafür großen Dank ausgesprochen, irgendeiner wollte ihn sogar mit Statuen ehren.) Deshalb hat Mises auch den Zusammenbruch des Kommunismus prognostiziert.
    Einige Sozialisten haben geantwortet, sie würden das mit den Preisen einfach ausprobieren, quasi per trial and error, und so würde das schon gehen. Andere Sozialisten wollten einen Wettbewerb simulieren, um die richtigen Preise zu finden. Die „Österreichische“ Antwort darauf lautete, dass die Kapitalstruktur sehr filigran ist und es viele komplementäre Güter gibt, und dass daher selbst eine einzige falsche Preisfestsetzung weitreichende Folgen haben würde. Z.B.: Der Preis für Stahl wird zu niedrig angesetzt. Es wird zu wenig Stahl produziert. Nun sind aber tausende Produkte auf Stahl angewiesen, nicht nur Konsumgüter, sondern auch andere Kapitalgüter. Die Produktion derer muss also auch sinken. Wenn die Zentralplanung den Irrtum bemerkt und behebt, braucht es erst einige Zeit, bis mehr Stahl erzeugt wird, dann muss das auch wieder erst weiterverarbeitet werden, zum Beispiel zu Eisenbahnschienen, die müssen ebenfalls erst weiterverarbeitet werden usw. Bis dahin können die Konsumgüter alle nicht produziert werden. „Österreicher“ sprechen oft vom „geplanten Chaos“ im Kommunismus. Und das mit dem simulierten Wettbewerb vergleichen sie mit dem Versuch, sich selbst zu kitzeln…
    Zur ungedeckten Geldmenge: Für die „Österreicher“ ist ungedecktes Geld solches, das durch nichts „Reales“ gedeckt ist, also einfache Papierscheine, die nicht Gold oder Silber oder sonstwas repräsentieren; Geld, das daher praktisch unbegrenzt vermehrbar ist. Dieses Geld-aus-dem-Nichts-Schaffen (genauer: das Teilreserve-Bankensystem) sehen sie als Ursache für die immer wiederkehrenden Booms und Busts.

    Zur Theorie:
    1. Stimmt, eigentlich kann ich es mir auch vorstellen, dass Unternehmer eine allgemeine Überproduktion nicht antizipieren. Da haben Sie mich überzeugt. (Auch wenn es Argumente gegen die Überproduktionstheorie per se gibt…)
    Sie schreiben: „Danke für Ihren Link zum Artikel über Österreiche Konjunkturtheorie! Ich habe ihn (und den darin erwähnten Artikel zur Sushi-Analogie) sehr interessiert gelesen, auch wenn ich (wenig überraschend) einige Lücken darin sehe. Zum Beispiel geht in der Realität der Produzent ja automatisch in Vorleistung und hat im Normalfall auch noch ungenutzte Kapazitäten (und wenn nicht er, dann der Konkurrent), so dass die Nachfrage häufig tatsächlich der limitierende Punkt ist.“
    – Gern und – wow, Sie sind echt fleißig! Hier muss ich wieder mit der Heterogenität des Kapitals antworten. Es gibt spezifische und weniger spezifische, komplementäre, fixe, zirkulierende, „höher-“ und „niedrigergeordnete“ Kapitalgüter. Der Punkt ist: Die Güterproduktion erfordert die Zusammenarbeit bestimmter in einer bestimmten Zahl an einem bestimmten Ort vorhandener Produktionsfaktoren – nicht einfach irgendwelcher. Kapitalgüter, die im Boom für langfristige Projekte entstanden sind, können z.B. unbrauchbar sein für konsumnahe Bereiche, etwa weil sie angewiesen sind auf komplementäre Kapitalgüter, die noch nicht entstanden sind.
    „In Boomzeiten wird tatsächlich mehr produziert (und es werden mehr Ressourcen verbraucht), in einer Depression sinken Produktion und Ressourcenverbrauch.“
    – Das besagt die Österreichische Konjunkturtheorie eh auch. „Fehlinvestitionen und Überkonsum“ prägen den Boom, eine Restrukturierung der Investitionen und weniger Konsum in der Krise. Zugegeben, hier kann es verwirrend sein. Ich habe feststellen, dass hier innerhalb der ÖS keine Einigkeit herrscht. Einige behaupten z.B., dass der Boom von Fehlinvestition geprägt ist und wehren sich gegen die Darstellung, wie sie etwa bei Wikipedia zu finden ist, wonach die ÖKT eine Überinvestitionstheorie sei. Meiner Meinung nach – und das sagen auch andere „Österreicher“ – ist es logischer, dass beides zutrifft: sowohl Fehl- als auch Überinvestition. Zu niedrigen Zinsen wird oft mehr investiert, auf jeden Fall aber in längeren Projekten. Gleichzeitig wird mehr konsumiert – aber mehr konsumiert kann ja nur werden, wenn auch der Konsumgüteroutput steigt. Beide, konsumnahe und konsumferne Bereiche (letztere am stärksten), ziehen Ressourcen an und erweitern die Produktion. Teils indem sie mittleren Produktionsstufen (relativ) etwas wegnehmen, teils aber auch indem die Arbeitslosigkeit sinkt oder eben – wie in dem Sushi-Beispiel – die Wartung von Kapitalgütern aufgeschoben wird, weil’s grad so gut läuft und viel Optimismus herrscht…
    Vielen Dank für den Link! Ich kann ihn leider im Moment noch nicht lesen, aber ich werde es auf jeden Fall demnächst ganz genau tun. Der Postkeynesianismus scheint mir nach der ÖS die interessanteste ökonomische Schule zu sein.
    2. Dass in unserem Geldsystem der Zusammenhang zwischen Ersparnissen und Investitionen monetär nicht mehr so besteht, da haben Sie völlig Recht. Das ist auch die Kritik der ÖS am Geldystem: Sparen hat eigentlich nichts mit Geld zu tun, sondern mit Konsumverzicht. Wenn man nun spart und Geld auf die Bank legt, dann repräsentieren diese Geldscheine reale Ressourcen, auf die man eben verzichtet und die man anderen (oft für Investitionen) bereitstellt. Wenn aber nun Geld aus dem Nichts geschaffen wird, dann respräsentiert das überhaupt keine realen Ressourcen – es wird investiert, obwohl niemand auf Ressourcen verzichtet hat. Aber nur reale Ersparnisse (= nicht konsumierte Ressourcen) können investiert werden. Deshalb kann ein Wachstum, das auf Geldausweitung beruht, nicht nachhaltig sein. Irgendwann zeigt sich, dass es tatsächlich zu wenige Ressourcen gibt bzw. dass sie nicht so reichlich (und daher günstig) vorhanden sind, wie zuerst gedacht. Aus dieser Sicht wäre eine voll gedeckte Währung wünschenswert.
    Übrigens habe ich in meiner vorigen Antwort vergessen, auf den Crowding-Out-Effekt einzugehen. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann sehen Sie diesen Effekt als nichtig, weil die Banken ja sowieso praktisch soviel Geld wie sie wollen erzeugen können. Darauf würde ich antworten, dass das wenig zur Sache tut, weil das an den realen Ressourcen nichts ändert. Die werden entweder vom Staat oder privat genutzt. Natürlich kann man sagen, es gibt eh so viele ungenützte Ressourcen, und das stimmt auch zum Teil, aber auch hier muss man sehen, dass theoretisch ein einziges fehlendes Kapitalgut ausreichen kann, um eine Investition zu verhindern.
    3. Okay, jetzt habe ich es verstanden, danke. Aber ich weise darauf hin, dass der Konsum nur einen eher kleinen Teil der Ausgaben ausmacht (der vom BIP jedoch, einer Nettogröße, die alle intermediären Kapitalgüter ignoriert, übertrieben dargestellt wird).

    Ad WK2: Okay, dann sind wir uns da eh einig. Hätte mich auch sehr gewundert.

    Jetzt habe ich sogar länger geschrieben als beim letzten Mal. Ich muss unsere Konversation hier leider beenden. Unser Austausch hat mich sehr gefreut, ich denke, wir beide sind sehr aufeinander eingegangen. Das ist selten. Ich habe auch wieder so manches dazugelernt. Leider tut mir eine zu intensive Beschäftigung mit Wirtschaft eigentlich nie gut. Es hat etwas Zwanghaftes bei mir, und es wirft mich ein bisschen aus der Bahn… Deshalb ist dies hier mein letztes Schreiben.

    Machen Sie weiter so!

    • AL / Feb 13 2014 18:29

      Dann sage ich Danke für die angenehme Diskussion und versuche es kurz zu machen, um Sie nicht zu einer weiteren Diskussionsrunde zu verleiten 🙂

      Ich bin skeptisch gegenüber allen einfach Patentrezepten, sowohl „mehr Staat“ als auch „mehr Markt“; es kommt auf eine ausgewogene Mischung an. Allerdings ist es meine Überzeugung, dass – aufgrund von Marktmacht – ein echter Markt ohne staatlich festgelegte Regeln und Überwachung dieser Regeln nicht existieren kann. Da bin ich ganz bei den Ordoliberalen um Walter Eucken, der schulssfolgerte: „Es sind also nicht die sogenannten Mißbräuche wirtschaftlichen Macht zu bekämpfen, sondern wirtschaftliche Macht selbst.“

      Meines Erachtens braucht man Empirie und Deduktion: Reine Empirie ohne das Entwickeln von Erklärungsmodellen ist nutzlos, reine Deduktion führt zu Theologie. Die Modelle müssen sich mit empirischen Erkenntnissen decken. Von einer Theorie darf man in meinen Augen erst dann deduktiv ableiten, wenn sich gezeigt hat, dass sie anwendbar ist, d.h. die Wirklichkeit gut abbildet. Unwiderlegbarkeit bzw. Unüberprüfbarkeit einer Theorie ist laut Popper ein Zeichen von Unwissenschaftlichkeit.
      Bei den Studien muss man dann eben auf die Details schauen. Die guten mir bekannten Studien zeigen, dass Mindestlöhne die Arbeitslosigkeit nicht erhöhen.
      Der Kommunismus hätte in seiner eigenen Theorie schon funktioniert; er ist eben daran gescheitert, dass seine theoretischen Grundannahmen nicht mit der Wirklichkeit vereinbar waren.
      Zum Begriff des „ungedeckten Geldes“: Gold und Silber als Deckung für Geld anzusehen halte ich für ein Überbleibsel des Goldstandards, der sich als nicht sinnvoll herausgestellt hat. Warum ich eine Goldwährung nicht als intrinsisch werthaltiger ansehe, habe ich in meinem ersten Artikel über Geld angeschnitten. Kurz zusammengefasst: Geld ist ein Mittel für den Wertaustausch – es muss nicht gedeckt sein, es muss keine realen Ressourcen repräsentieren, es muss nur von allen Beteiligten akzeptiert werden. Die im Umlauf befindliche Geldmenge reicht auch bei weitem nicht aus, um sämtliche Waren aufzukaufen, insofern halte ich es für willkürlich, von Unterdeckung zu reden.

      Sie schreiben: „Die Güterproduktion erfordert die Zusammenarbeit bestimmter in einer bestimmten Zahl an einem bestimmten Ort vorhandener Produktionsfaktoren – nicht einfach irgendwelcher. Kapitalgüter, die im Boom für langfristige Projekte entstanden sind, können z.B. unbrauchbar sein für konsumnahe Bereiche“
      Das bestreite ich nicht. Aber in der Realität sind die Produktionsfaktoren eben schon am Zielort vorhanden, weil Produktion ja ein kontinuierlicher Prozess ist – und zwar einer, bei dem Produktionsreserven vorhanden sind. Und ich glaube eben nicht, dass anderen Produktionsstufen etwas weggenommen wird oder man die Wartung der Kapitalgüter vernachlässigt – hier verrennt die ÖS sich meines Erachtens in ihrer Theorie und übersieht, dass es in der Realität Puffer gibt, Reserven, die man verbrauchen kann, bevor etwas nachgeliefert werden muss; und wenn nachgeliefert werden muss, ist die Vorproduktion schon gestiegen. Unternehmen arbeiten im Normalfall nicht an ihrer Lastgrenze.

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