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21. November 2013 / AL

Wie hoch sollten Löhne sein?

„2010 arbeiteten in Deutschland knapp über vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro.“
Armutsbericht der Bundesregierung 2012, ursprüngliche Fassung
„Sinkende Reallöhne sind Ausdruck struktureller Verbesserungen am Arbeitsmarkt.“
Armutsbericht der Bundesregierung 2012, überarbeitete Fassung

Es gibt wenige ökonomische Fragen, die so politisch sind wie diese; denn die Antwort auf diese Frage entscheidet einerseits über den Lebensstandard eines Großteils der Bevölkerung und andererseits über Reichtum (und Macht) der gesellschaftlichen Eliten. Entsprechend existieren verschiedene Theorien und Sichtweisen, die mal auf ethischen, mal auf ökonomischen Argumentationen beruhen. Ich möchte nur einige Ansichten wiedergeben und mich dann darauf konzentrieren, welches Lohnniveau volkswirtschaftlich sinnvoll ist und an welchen Merkmalen man erkennen kann, ob das Lohnniveau in einer Volkswirtschaft zu hoch oder zu niedrig ist.

Lohntheorien

Für das Verständnis des Themas ist dieser Absatz nicht notwendig; ich halte es aber für interessant, einen Blick auf einige Lohntheorien zu werfen.

Kaufkrafttheorie der Löhne
Dieser Theorie zufolge haben Lohnerhöhungen unter den real herrschenden Bedingungen immer einen positiven Einfluss auf die Nachfrage. Denn Arbeitnehmer verfügen meist über weniger Geld als Unternehmer; von geringeren Einkommen wird weniger gespart und mehr ausgegeben, d.h. der Arbeiter gibt mehr von dem umverteilten Geld aus, als der Unternehmer es getan hätte. Durch die höhere Nachfrage gäbe es eine höhere Auslastung, damit mehr Anreize für Investitionen und damit mehr wirtschaftliche Aktivität, Lohnerhöhungen seien also immer eine gute Sache. Diese Theorie betrachtet damit nur die Nachfrage-, nicht aber die Angebotsseite.

Gewinntheorie der Löhne
Anders herum sieht es die Gewinntheorie der Löhne: Ihr zufolge schmälern Löhne den Gewinn der Unternehmer, damit haben diese weniger Geld und können somit weniger investieren, wodurch es zu weniger wirtschaftlicher Aktivität kommt. Dieser Theorie zufolge sind hohe Löhne für die Allgemeinheit schlecht, niedrige gut. Hier wird nur die Angebotsseite betrachtet und die Nachfrageseite ignoriert.

Eisernes Gesetz der Löhne
Dieser Theorie zufolge nähert sich der Arbeitslohn auf lange Sicht immer dem Beschaffungspreis der Arbeit – also der Summe, die ein Arbeitnehmer für das bloße Überleben oder für das Durchbringen seiner Familie benötigt. Fordert ein Arbeitnehmer mehr, wird er durch einen (Ver-)Hungernden ersetzt. Das Eiserne Gesetz der Löhne kann nur gelten, wenn es keine Sozialleistungen gibt und die Arbeitnehmer keine Rücklagen haben.

Löhne als Leistungswert
Diese Theorie ist in der Mainstreamökonomie weit verbreitet. Ihr zufolge erhält jeder Arbeitnehmer soviel, wie er produziert, also zum Ergebnis seines Unternehmens beiträgt. Bekommt er weniger, sucht er sich den gleichen Job bei besserer Bezahlung, bekommt er mehr, wird er entlassen und der Arbeitgeber sucht sich jemand Günstigeres. Dieses Modell wird für eine arbeitsteilige Gesellschaft allerdings schnell unbrauchbar: Wieviel produziert ein Manager? Wie wertvoll ist die Arbeit der Sekretärin? Die Antwort ist häufig, dass „der Markt“ das irgendwie weiß bzw. durch Herumprobieren herausfindet. Wie das funktionieren soll, wenn zunächst keiner den Wert seiner Arbeit kennt, wird dabei wohlweislich ausgespart.

Die zwei Funktionen des Lohns
Löhne beeinflussen die Volkswirtschaft auf zwei verschiedene Arten: Als Kosten- und als Kaufkraftfaktor. Aus Sicht eines Unternehmens sind Löhne vor allem Kosten: Sind die Kosten niedrig, hat das Unternehmen prinzipiell mehr Geld für Forschung oder Investitionen – oder kann mehr Gewinne an seine Eigentümer auszahlen. Angebotsökonomisch sind also niedrige Löhne wünschenswert. Sind die Löhne zu hoch, kann sich das Unternehmen weniger Investitionen oder Forschung und Entwicklung leisten. Zudem lassen sich weniger Gewinne aus den (Sach-)Investitionen erwirtschaften; Investitionen sind damit für Unternehmenseigner weniger interessant und werden somit weniger getätigt. Weniger Investitionen bedeuten weniger wirtschaftliche Aktivität, weniger Wertschöpfung und weniger Beschäftigung.

Löhne bedeuten aber wie gesagt auch Kaufkraft; wenn die Lohnempfänger mehr Geld zur Verfügung haben, können sie sich mehr Waren und Dienstleistungen leisten. Nachfrageökonomisch sind daher hohe Löhne wünschenswert. Sind die Löhne zu niedrig, können die hergestellten Produkte nicht verkauft werden. Die Produktionsanlagen bzw. die Dienstleistungen erbringenden Mitarbeiter sind dadurch nicht ausgelastet, was es für Unternehmen uninteressant macht, Investitionen zu tätigen und ihre Kapazitäten zu erweitern.

Inländische Investitionen und Wirtschaftstätigkeit erlahmen also, wenn die Löhne zu hoch oder zu niedrig sind. Nur wenn die Lohnhöhe angemessen ist, gibt es genügend Nachfrage für Produkte und Dienstleistungen und haben Unternehmen sowie ihre Eigner Interesse an Investitionen. Wie lässt sich die richtige Lohnhöhe erkennen – und woran sieht man, ob das Lohnniveau zu hoch oder zu niedrig ist?

Der falsche Lohn
Wie oft erkennt man das Richtige leichter, wenn man einen Blick auf das Falsche wirft, also auf zu hohe und zu niedrige Löhne. Beginnen wir mit zu hohen Löhnen, wobei sich sofort die Frage stellt: Führen übertriebene Lohnerhöhungen nicht einfach zu höheren Verkaufspreisen, so dass der Gewinn für den Unternehmer gleich bleibt?
Kurz gesagt: Nur wenn es keinen Handel mit anderen Ländern gibt. Wenn nämlich die Preise in einer Volkswirtschaft zu stark steigen, werden ihre teuren und somit wenig wettbewerbsfähigen Produkte einfach durch ausländische vom Markt verdrängt. Es gibt also eine Obergrenze; spätestens, wenn die Preise sich dieser Obergrenze nähern, sinkt die Gewinnmarge. Wie sieht die Situation bei solchen zu hohen Löhnen dann aus?

Bei einem hohen Lohnniveau kann man davon ausgehen, dass es eine hohe Nachfrage gibt, weil die Lohnempfänger sich viel leisten können. Das hat zum einen Konsequenzen für den Außenhandel: Die Preise für heimische Produkte sind im Vergleich zu ausländischen recht hoch, die Volkswirtschaft kann dadurch wenig exportieren; gleichzeitig ist die Nachfrage recht hoch, so dass viele billigere Waren aus dem Ausland importiert werden – es entsteht ein Importüberschuss bzw. ein Export-(oder Leistungsbilanz-)defizit.
Im Binnenhandel sind aufgrund der hohen Nachfrage die Kapazitäten der Volkswirtschaft dennoch meist gut ausgelastet, was eigentlich ein Anreiz zum Investieren wäre. Den Unternehmen und ihren Eigentümern bleibt aber nur wenig Gewinn übrig, was den Anreiz zu investieren senkt, weil sich bei niedrigen Gewinnen eine Investition erst nach langer Zeit lohnt: Wenn eine neu gebaute Fabrik nur so wenig Gewinne abwirft, dass ich erst nach 100 Jahren die Baukosten wieder herein geholt habe, werde ich die Investition kaum tätigen. Man beobachtet in dem Fall also Außenhandelsdefizite, wenig Exporte, viel Binnenwirtschaft, eine hohe Auslastung der Kapazitäten, aber trotzdem niedrige Unternehmensgewinne und niedrige Investitionen.

Bei zu niedrigen Löhnen ist es gerade anders herum. Die Nachfrage im Land (also die Binnennachfrage) ist schlecht, der Export ist stark, dadurch entstehen Außenhandelsüberschüsse. Die Unternehmensgewinne sind hoch, trotz der aufgrund der schwachen Binnennachfrage oft niedrigeren Kapazitätsauslastung. Da die Fabriken entweder nicht gut ausgelastet sind oder man nicht von einer steigenden Nachfrage ausgehen kann (Auslandsnachfrage ist schwerer kalkulierbar als Inlandsnachfrage), sind die Investitionen im Inland tendenziell niedrig. Es bleibt also eine Kombination aus Exportüberschüssen, schwacher Binnennachfrage, hohen Gewinnen und niedrigen Investitionen im Inland.

Außenhandel und falsche Löhne
Es ist offensichtlich, dass sowohl zu hohe als auch zu niedrige Löhne auf Dauer zu Instabilitäten führen, da kein Handelspartner auf Dauer Überschüsse oder Defizite anhäufen kann – es kommt entweder zu einer Anpassung von Wechselkursen oder – in einer Währungsunion – zu einer Schuldenansammlung und letzten Endes zu einer Währungskrise, wie das im Euroraum auch passiert ist (dazu ein andermal mehr). Was passiert, wenn die Wechselkurse angepasst werden?

Sind die Löhne zu hoch und es kommt dadurch zu einem Exportdefizit, ist das Ergebnis eine Abwertung der Währung: Importierte Produkte verteuern sich, eigene Produkte werden billiger, das Exportdefizit wird abgebaut. Der Export belebt sich etwas, zudem werden vermehrt einheimische Produkte gekauft (-> mehr Auslastung) und Arbeitskräfte eingestellt, aber das Problem der niedrigen Gewinnmarge und der geringen Motivation zu investieren bleiben: Hohe Auslastung, hoher Konsum, wenig Gewinne, wenig Investition. Erst wenn die Währung noch billiger wird, können die Unternehmen wieder die Preise und damit die Gewinnmarge erhöhen.

Sind die Löhne zu niedrig, kommt es dementsprechend zu einer Aufwertung: Exporte werden teurer, Importe günstiger, der Exportüberschuss verschwindet. Dadurch sinkt die Auslastung. Die Gewinne bleiben trotzdem hoch, die Investitionen sind aber gering, da Nachfrage und Auslastung niedrig sind. Beschäftigungsquote und Nachfrage sinken weiter, dadurch bleiben schwache Binnennachfrage, hohe Gewinnen und niedrige Investitionen im Inland.

Der richtige Lohn
Aus diesen Überlegungen lässt sich das richtige Lohnniveau leicht erkennen: Es ist dann erreicht, wenn die Binnennachfrage solide und gleichzeitig die Außenhandelsbilanz in etwa ausgeglichen ist und wenn die Unternehmen gut ausgelastete Kapazitäten haben und daher Investitionen vornehmen. Ist die Binnennachfrage schwach und der Export stark (-> Außenhandelsüberschuss), während die Unternehmen hohe Gewinne machen, müssen die Löhne steigen, ist die Binnennachfrage stark und der Export schwach (-> Außenhandelsdefizit), während die Unternehmensgewinne niedrig sind, müssen die Löhne sinken.

Wie muss sich der Lohne aber entwickeln, wenn das richtige Lohnniveau erreicht ist? Die Antwort ist überraschend einfach: Wenn z.B. 3 % mehr erzeugt wird, muss auch 3 % mehr gekauft werden. Die Kaufkraft muss also genauso stark steigen, wie die Produktivität gestiegen ist. Die Kaufkraft entspricht dem Reallohn, also dem Lohn, aus dem der Inflationseffekt herausgerechnet ist. Daraus ergibt sich die sogenannte Goldene Lohnregel: Lohnzuwachs = Produktivitätszuwachs + Inflationsrate. Man könnte auf den ersten Blick denken, dass damit die Unternehmen um die Inflationsrate belastet werden, aber Unternehmen produzieren ja kein Geld, sondern Produkte – deren Preise auch um die Inflationsrate steigen. Wird die Goldene Lohnregel also eingehalten, wird der Produktivitätszuwachs auf die Gesamtbevölkerung gleich verteilt.

In der Praxis wird die Goldene Lohnregel nicht immer eingehalten werden, weil Löhne von der Stärke der Verhandlungspositionen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer abhängig sind: In Boomzeiten ist die Nachfrage nach Arbeitskräften höher, was die Position der Arbeitnehmer stärkt und die Löhne stärker steigen lässt, in der Rezession ist es genau umgekehrt. Solche Abweichungen von der Goldenen Lohnregel verstärken aber die Schwankungen des Konjunkturzyklus und damit auch seine Übertreibungen; insgesamt ist es daher im Interesse der Gesamtwirtschaft, dass die Goldene Lohnregel eingehalten wird.

Die Situation in Deutschland
Die Lohnsituation in Deutschland lässt sich schnell erfassen: Die Unternehmen verbuchen hohe Gewinne, die Binnennachfrage ist schwach (die realen Umsätze im Einzelhandel liegen unter der Niveau von vor 20 Jahren!), zugleich verzeichnet Deutschland seit Jahren einen hohen Exportüberschuss. Die Ursache dafür liegt unter anderem darin, dass in Deutschland die Löhne seit 1996 konstant schwächer steigen als die Goldene Lohnregel verlangen würde. Lohnerhöhungen und auch ein Mindestlohn wären also volkswirtschaftlich dringend geboten – und auch im Interesse der Eurozone.

Denn das Einhalten der Goldenen Lohnregel führt in einer Situation zu Problemen: Wenn man in einer Währungsunion mit einem Land ist, das eine Beggar-thy-neighbor-Politik betreibt. Darum geht es im nächsten Artikel zu den Ursachen der Eurokrise.

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  1. Julian / Nov 26 2013 22:19

    Danke fuer diesen Blog…
    Ich hab jetzt bei Juli 2012 angefangen und werde jetzt alles durcharbeiten.
    Bitte weiter so.

    • AL / Nov 27 2013 13:24

      Danke für das Feedback!
      Zwar habe ich gegenwärtig wenig Zeit für den Blog, deswegen kommen die Artikel grade mit langen Abständen, aber ich bleibe dran 🙂

  2. Betriebsrat WA / Apr 3 2015 04:15

    Herzlichen Dank für den überaus interessanten Artikel – insbesondre die Darstellung der Situation in Deutschland.
    Den Mindestlohn als eine Maßnahme zur Anhebung der Löhne aufzuführen, halte ich jedoch für falsch, da Löhne letztlich an die Wertschöpfung gekoppelt sind. Einseitige Änderung wie z.B. der Mindestlohn haben meist Nachteile und weitreichende Folgen.
    Im Fall des Mindestlohns wir es meiner Einschätzung dazu führen, dass über kurz oder lang selbst für hochqualifizierte Arbeit lediglich der Mindestlohn bezahlt wird. Spätestens dann sind wir im Sozialismus – mit allen seinen weiteren Folgen. Siehe auch „Eisernes Gesetz der Löhne“.

    • AL / Apr 14 2015 11:05

      Meiner Einschätzung nach stellt die Wertschöpfung zwar eine obere Grenze für die Löhne dar, aber die Löhne sind nicht automatisch an die Wertschöpfung gekoppelt. Meines Erachtens ergibt sich die Lohnentwicklung aus der relativen Verhandlungsmacht von Arbeitgebern und Arbeitnehmern – daher kann ein Mindestlohn ein Ansatz sein, zu niedrige Lohnentwicklung aufgrund von zu geringer Verhandlungsmacht ein wenig auszugleichen. Tatsächlich verringert der deutsche Mindestlohn die Subvention von Niedrigstlöhnen durch unsere Regierung: Aufstocken auf HartzIV ist nichts anderes, denn einen Arbeitslohn unterhalb des Existenzminimums kann sich kein Arbeitnehmer leisten (wir haben da das „Eiserne Gesetz der Löhne“ nach unten durchbrochen!).
      Wenn Löhne tatsächlich stabil an die Wertschöpfung gekoppelt wären, wäre ein Mindestlohn schädlich, da gebe ich Ihnen voll und ganz Recht. Die empirische Forschung zeigt aber, dass der Mindestlohn keine der prognostizierten Schäden mit sich bringt (interessant sind da v.a. Studien in den USA, da dort die Mindestlöhne in den Bundesstaaten unterschiedlich hoch sind); man kann daraus schließen, dass die Löhne eben nicht direkt an die Wertschöpfung gekoppelt sind. Eine solche Koppelung würde sich auch in einer konstanten Lohnquote wiederspiegeln – die sehen wir in der Praxis aber nicht.
      Deswegen teile ich Ihre Einschätzung, dass aus dem Mindestlohn letztlich ein Einheitslohn wird, auch nicht. Auch von jeder Art des Sozialismus sind wir meines Erachtens meilenweit entfernt – der Zug fährt eher in die andere Richtung (ÖPP/PPP, TTIP und TISA drängen alle den Staat zurück und vergrößern den Einfluss des Privatsektors). Wobei man bei der Gewinngarantie in ÖPP-Projekten oder dem Schutz der Finanzbranche vor ihrer eigenen leichtsinnigen Kreditvergabe schon von einer Art Sozialismus reden kann – aber nur für große Unternehmen 😉 Dafür finde ich den Begriff „Crony Capitalism“ zutreffender (auf Deutsch passt am besten noch der Begriff „Günstlingswirtschaft“, der es aber auch nicht genau trifft – „Mauscheleikapitalismus“ wäre eine genauere Übersetzung).

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