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26. Mai 2014 / AL

Schulden – Teil 2: Sparer, Schuldner und deren Gründe

„Die Sparsamkeit ist keine Tugend. […] Geld ablegen kann auch der Dümmste […] Daher auch solche Personen, die das Geld durchs Sparen erwerben, sehr niedrige Seelen sind. Unter den Verschwendern findet man aber aufgeweckte und geistreiche Personen.“
Immanuel Kant (1724 – 1804), deutscher Philosoph

Im letzten Artikel ging es darum, dass in unserem Geldsystem Schulden und Vermögen zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind: Jedem Cent an Vermögen steht ein Cent an Schulden gegenüber und umgekehrt. Außerdem habe ich erwähnt, dass es rein technisch möglich wäre, das Geldsystem so zu ändern, dass es Vermögen ohne entgegengesetzte Schulden gibt.
Allerdings würden auch in diesem Fall mit Sicherheit weiterhin Schulden existieren und würden Darlehen aufgenommen. Denn auch wenn es unangenehm ist, Schulden zu haben, ist es oft sehr sinnvoll, Schulden zu machen.

Schuldner und Gläubiger
Wer sind eigentlich in einer Volkswirtschaft die Schuldner und wer die Sparer? Wer nimmt Schulden auf – und aus welchem Grund?
Üblicherweise unterteilt man die Volkswirtschaft in drei große Gruppen von Akteuren: Unternehmen, Privathaushalte und den Staat. Privathaushalte sind im Normalfall die Sparer in einer Volkswirtschaft, wobei der Löwenanteil des Gesparten auf die reichsten Haushalte entfällt, die deutlich mehr Einkommen haben, als sie ausgeben müssen oder sogar können: 2007 besaßen laut dem staatlich finanzierten Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die reichsten 10% der Deutschen zwei Drittel des Gesamtvermögens, von diesen 66,6% entfielen 35,8% auf das reichste Prozent. Die untere Hälfte der Bevölkerung besaß damals 1,4% des gesamten Vermögens und hat daher am gesamten Sparen der Privathaushalte praktisch keinen Anteil.*
Diese Daten berücksichtigen zwar nicht nur Geld-, sondern auch Sachvermögen, dennoch ermöglichen sie eine gute Einschätzung, wer in Deutschland die wesentlichen Sparer sind, nämlich Haushalte aus der oberen Gesellschaftsschicht. Die Menge an angespartem Geld ist beeindruckend:  2007 hatten deutsche Privathaushalte laut Bundesbank ein Nettogeldvermögen von ca. 3 Billionen Euro**. Aus der Benennung der Nettosparer ergibt sich logisch, wer die (Geld-)Schuldner sind, nämlich Staat (2007: 1,1 Bio €) und vor allem Unternehmen (2007: 1,5 Bio. €).***

Die Gründe der Schuldner
Aus welcher Motivation heraus verschulden sich Staat und Unternehmen?
Unternehmen der Realwirtschaft leihen sich in aller Regel Geld, um es in Sachwerte zu investieren, so dass (z.B. in einer neuen Fabrik) mehr und/oder (durch bessere Maschinen) effizienter produziert werden kann. Deswegen sind Unternehmenskredite für gut durchdachte Investitionen gesamtwirtschaftlich überaus sinnvoll, da sie für den nützlichen Einsatz von Ressourcen sorgen. Müsste das Unternehmen das Geld stattdessen vorher ansparen, könnte es erst viel später investieren und produzieren und Jahre des Erschaffens realer Werte gingen verloren.
In einer florierenden Realwirtschaft nimmt der Unternehmenssektor in jedem Jahr mehr Kredite auf als er zurückzahlt. Das ist auch kein Problem, denn mit dem geliehenen Geld werden Sachwerte erworben, die den Schulden gegenüberstehen. Angenommen, ein Unternehmen macht 10 Mio.€ Schulden und kauft für das Geld eine Fertigungsstraße. Dann hat das Unternehmen Sachkapital im Wert von 10 Mio.€ dazugewonnen. Gleichzeitig kann es mit der Fertigungsstraße Waren im Wert von 2 Mio.€ pro Jahr mehr produzieren und verkaufen; es zahlt 0,5 Mio.€ Zinsen pro Jahr und braucht nochmal 1 Mio.€ für die Rohstoffe, die Wartung der Maschinen und die Gehälter der zusätzlichen Mitarbeiter. Dann hat es nach dem Jahr 10 Mio.€ mehr Schulden, 10 Mio.€ mehr Sachkapital und 0,5 Mio.€ mehr Gewinn. Es ist also trotz höherer Schulden reicher als vorher. Die höheren Schulden sind also bei vernünftiger Investition für das Unternehmen gut und gesamtwirtschaftlich ebenso, weil die Wertschöpfung steigt und weil andere Unternehmen durch den Verkauf der Fertigungsstraße mehr Gewinn gemacht haben. Jeder profitiert.
Unternehmen der Finanzwirtschaft nehmen, kurz gesagt, Kredite auf, um mehr Kredite gewähren zu können (vgl. Mindestreserve), und um mit dem Geld auf eigene Rechnung zu spekulieren.

Beim Staat sieht es großteils ähnlich aus, wobei es hier um die Erhöhung der Steuereinnahmen durch eine Erhöhung der Wirtschaftstätigkeit geht. Wenn die Investitionen des Staates z.B. in Straßen (besserer Warentransport) oder Bildungseinrichtungen (fähigere Erwerbstätige) ein höheres Wirtschaftswachstum mit sich bringen und dadurch für höhere Steuereinnahmen sorgen, wird er dadurch ebenfalls reicher, als wenn er die Schulden nicht aufgenommen hätte. Außerdem baut der Staat ebenfalls Sachkapital auf, das den Schulden gegenübersteht – etwas, das in der Staatsschuldendiskussion gern vergessen wird.
Tatsächlich war und ist der deutsche Staat alles andere als der Verschwender, als der er gerne gebrandmarkt wird:  Laut Grundgesetz durfte der deutsche Staat schon vor Einführung der sogenannten Schuldenbremse im Jahr 2011 nur so viel an neuen Schulden aufnehmen, wie er im gleichen Jahr für Investitionen ausgab. Es war der Bundesrepublik also schon immer verboten, ihre laufenden Kosten mit Schulden zu finanzieren, selbst wenn das vielleicht als sozialpolitisch wünschenswert angesehen wurde.
Natürlich sind nicht alle Ausgaben des Staates dazu da, in Zukunft Rendite abzuwerfen: Ein Staat hat nicht die Aufgabe, möglichst hohe Gewinne einzufahren, sondern er soll das Leben seiner Bürger dauerhaft verbessern. So sind öffentliche Schwimmbäder und Bibliotheken betriebswirtschaftlich gesehen Verlustbringer, aber sie sind ein erfreulicher Service für die Allgemeinheit. Hier verlässt man aber den Bereich der rein ökonomischen Abwägung und kommt zu Werturteilen – ein spannendes Thema, aber davon handelt dieses Blog nicht 😉

Für den einzelnen Privatschuldner ist die Verschuldung übrigens auch oft sinnvoll: Vielleicht um Wohneigentum zu erwerben, das er dann mit dem Geld abbezahlt, das er sonst für Miete ausgegeben hätte, oder um ein Auto zu kaufen, mit dem er zu einer guten Arbeitsstelle kommt.

Kurz und gut: Schuldner haben nicht immer, aber in den meisten Fällen gute Gründe. Schulden automatisch mit Verantwortungslosigkeit gleichzusetzen, ist grundfalsch. Bei der Beurteilung von Schulden wird meistens der aktuelle Zustand mit einem hypothetischen verglichen, bei dem einfach nur die Schulden weg sind, ganz so, als wäre mit dem geliehenen Geld nichts Produktives getan worden. Dass mit dem geliehenen Geld Sachgüter beschafft oder die Einnahmesituation verbessert wurde, erwähnt kaum einer der Leute, die Schulden grundsätzlich als unverantwortlich geißeln. Ist ja auch einfacher so.
______________
* Etwa die Hälfte des verbleibenden Vermögens befanden sich in den Händen der nächsten 10%, der Rest verteilte sich fast vollständig auf die nächsten 30%. (für statistisch Interessierte: der Gini-Koeffizient lag bei 0,81)
** Das Guthaben summierte sich aus 4,5 Bio.€ Guthaben und 1,5 Bio.€ Schulden. Bei den Unternehmen der Realwirtschaft waren es 2,85 Bio.€ Guthaben, 4,45 Bio.€ Schulden (1,6 Bio. € Nettoschulden), bei den Unternehmen des Finanzsektors 9,4 Bio.€ Guthaben und 9,3 Bio.€ Schulden (0,1 Bio.€ Nettoguthaben), beim Staat 0,5 Bio.€ Guthaben und 1,6 Bio.€ Schulden
*** Die restlichen 0,4 Bio.€ waren Nettoschulden des Auslands.

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